Gerhard Falkner
Reynold Reynolds

Der letzte Tag der Republik / The Last Day of the Republic

Herausgeber: Manfred Rothenberger und Kathrin Mayer
Gedicht: Gerhard Falkner
Filmstills: Reynold Reynolds
Essay: Moritz Holfelder
Gestaltung: Timo Reger

Deutsch / Englisch
152 Seiten mit zahlreichen Farb- und Schwarzweißabbildungen
Flexcover; 21,5 x 15 cm
Beiliegend DVD mit dem Film »The Last Day of the Republic«
Euro 24,00
ISBN 978-3-922895-22-0

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Titel Der letzte Tag der Republik

»Der letzte Tag der Republik / The Last Day of the Republic« basiert auf einem Filmprojekt des amerikanischen Videokünstlers Reynolds Reynolds und des vielfach ausgezeichneten deutschen Schriftstellers Gerhard Falkner (u.a. Kranichsteiner Literaturpreis, Peter-Huchel-Preis, August-Graf-von-Platen-Preis).

Dieser Film, der im Buch in zahlreiche Standbilder aufgelöst wird (und der Publikation auf DVD beiliegt), reflektiert den äußerst kontrovers diskutierten und umstrittenen Abriss des 1976 in Ostberlin eröffneten Palasts der Republik – damals Sitz der Volkskammer und Wahrzeichen der DDR, heute Zeugnis und Symbol eines untergegangenen Staates.

Reynolds raffiniert geschnittenes filmisches Abbruch-Ballett zeigt an urzeitliche Echsen erinnernde Kräne und Bagger, die sich unter grotesken Verrenkungen und mit fast schon slapstickhafter Geschwindigkeit in die Mauern des einstigen Repräsentationsbaus der DDR fressen.

So wie der Palast der Republik in Reynolds Film Schicht für Schicht abgetragen wird, so gräbt der Lyriker Gerhard Falkner in seinem zu diesem Film entstandenen Gedicht in der Vergangenheit und schlägt mit einprägsamen Bildern den Bogen von der Gegenwart bis in die Antike.

»Es wird bleiben ein Loch in der Luft, so groß wie ein Schloss«: Reynolds Filmstills und Falkners Gedicht sind von düsterer Schönheit und legen gleichzeitig Zeugnis ab von der offensichtlichen Hilflosigkeit beim Umgang mit der jüngeren deutschen Geschichte.

Diese ist auch Thema eines ausführlichen Essays des Architekturkritikers Moritz Holfelder (u. a. Süddeutsche Zeitung, Bayerischer Rundfunk) über die Planung, den Bau, die Funktion und das unrühmliche Ende des Palast der Republik.

13. Januar 2012

Abbruch-Ballett

Ein Schriftsteller erklärt sein Gedicht. Das ist etwas, das er eigentlich nicht tun sollte. Denn, so formuliert es der aus Schwabach stammende Berliner Autor Gerhard Falkner, er hindert damit das Gedicht an seiner freien Entfaltung und drängt ihm »das an Speck wieder auf, was es während seiner Entstehung glücklicherweise abgenommen hat, um zu seiner idealen Figur zu finden«.
Im vorliegenden Fall erlaubt sich der Dichter eine Erklärung, weil es sich um ein Gedicht handelt, das »in Dienst gestellt« wurde. Es trägt den Titel »Der letzte Tag der Republik« und gesellt den Bildern eines gleichnamigen Films des amerikanischen Videokünstlers Reynold Reynolds eine Aussage bei, die sich kooperativ zu dessen Thema verhält – dem umstrittenen Abriss des Ostberliner Palastes der Republik, in dem von 1976 bis zum Ende der DDR die Volkskammer ihren Sitz hatte.
Falkners Gedicht greift die Suggestionen der Bilder auf: Geschichte, Schönheit, Destruktion, rhythmisiert von Tempo, Bewegung und Stillstand, durchirrt von Baustellenfahrzeugen. Es stehen so schöne Sätze darin wie dieser: »Karthago ist auch nicht an einem Tage zerstört worden.« Und es endet so: »Erst wenn die Wolken ins Gras beißen, / wird dieses Stück Geschichte gegessen sein.«
Nachzulesen ist das Gedicht, zusammen mit einem Essay des Architektur- und Filmkritikers Moritz Holfelder, in einem Buch aus dem jungen Verlag »starfruit publications«, den Manfred Rothenberger und Kathrin Mayer mit sehr spezieller Zielsetzung gegründet haben: Alle Bände präsentieren Gemeinschaftsarbeiten von Gegenwartsautoren und zeitgenössischen Künstlern.
Dem 152 Seiten starken »Republik«-Buch ist eine DVD mit dem achtminütigen Reynolds-Film beigefügt. Der fasziniert als raffiniert geschnittenes Abbruch-Ballett mit Kränen und Baggern, die an urzeitliche Echsen erinnern.

Ralf Sziegoleit

24. September 2011

Der letzte Tag der Republik

»Es wird bleiben ein Loch in der Luft, so groß wie ein Schloss.« In dem Buch aus dem starfruit-Verlag wird Schicht für Schicht, Bild für Bild der Palast der Republik abgetragen.
Die Hälfte des Buches ist ein sehr informativer Essay von Moritz Holfelder über die Vorgeschichte, die Planung, den Bau, die Zeit im Palast und den Abriss dieses DDR-Denkmals. Aber das Buch ist mehr als ein Buch. Neben den Fotos, die den Abriss darstellen und den Gedichten auf Deutsch und Englisch zwischen den Fotos gibt es im Buch noch eine DVD. Und die ist so wie die Autoren sie selbst beschrieben haben: »Reynolds raffiniert geschnittenes filmisches Abbruch-Ballett zeigt an urzeitliche Echsen erinnernde Kräne und Bagger, die sich unter grotesken Verrenkungen und mit fast schon slapstickhafter Geschwindigkeit in die Mauern des einstigen Repräsentationsbaus der DDR fressen.«
So ist dieses Buch ein Denkmal für die Menschen, die dort gearbeitet haben, es ist ein Stück Erinnerung an einen untergegangenen Staat, es ist aber auch ein Stück Zeitgeist, der zeigt, wie mit der Geschichte umgegangen wird. Und es ist der Versuch, verschiedene Kunstformen miteinander und nebeneinander parallel umzusetzen.
Das Buch ist für Geschichtsinteressierte ebenso interessant wie für Medieninteressierte – und genau diese parallele Mischung macht aus dem Buch ein gedrucktes und digitales Experiment, das man sich eigentlich gönnen sollte.

Michael Mahlke

September 2011

Poesie des Untergangs

Dekadenz und Untergang: das sind wunderbare Themenbereiche für jeden Künstler. Und der Dichter Gerhard Falkner entzog sich nicht solchen morbiden Reizen, hier im visuellen Verbund mit dem Filmemacher Reynold Reynolds. Gemeinsamer Bezugspunkt: der Ostberliner »Palast der Republik«, einst das Wahrzeichen der DDR, dessen definitiver Abriss im Januar 2006 begonnen hatte. Das architektonische Monstrum, eine aberwitzige Mixtur aus plumper Moderne und dröger Spießigkeit, sollte ein Monument des Fortschritts und der Selbstbehauptung sein, 1976 offiziell eröffnet. Die Möglichkeit, in den Räumen des Palastes eine Art DDR-Museum zu errichten, wurde fallengelassen, der Totalabriss heftigen Protesten zum Trotz realisiert.
Und diese Prozedur filmte Reynolds. Besser: Er »inszenierte« den Abriss in hinreißend »schönen«, melancholisch-poetischen Bildsequenzen. Gerhard Falkner setzte zu dieser visuellen Ruinen-Poesie pathosfreie Verszeilen – spöttisch, ironisch, provokant.
Das Buch bietet klug ausgesuchte, gut gedruckte Standfotos aus dem Reynolds-Film, pointiert dazwischen die Falkner-Poeme. Als Zugabe: die DVD-Version des 16mm-Films. Starke Stücke, herausgegeben in den von Manfred Rothenberger und Kathrin Mayer gegründeten starfruit publications.

CM

14. August 2011

Karthago wurde auch nicht an einem Tag zerstört

Der Palast der Republik wankte, lange bevor der Bundestag 2002 den Abriss beschloss. Der Dichter Gerhard Falkner und der Videokünstler Reynold Reynolds erinnern an den Palast der Republik.
Als Sabine Bergmann-Pohl, die letzte Volkskammerpräsidentin der DDR, den asbestversuchten Bau im September 1990 mit einer Gasmaske betrat, um einige Unterlagen zu retten, sprach sie stillschweigend ein Urteil, das andere nur noch vollstrecken mussten: Was den Tod bringt, verdient den Tod.
Im Januar 2006, nach vielfältigen Versuchen, die parlamentarische Entscheidung noch einmal umzuwerfen, war es soweit. Binnen dreier Jahre wurde er bis auf den letzten Stein abgetragen. Seitdem künden rund um den Fernsehturm nur noch ein bronzener Marx und ein standhafter Engels von der ganzen Herrlichkeit des Sozialismus.
Ob die Bürger der DDR dieses Haus des Volkes, das über den von Ulbricht gesprengten Ruinen des Berliner Schlosses errichtet worden war, besonders liebten, daran lässt sich trotz respektabler Umfragewerte zweifeln.
Wenn es in Ost und West jemals ein tieferes Verhältnis zum sogenannten Palazzo Prozzo gab, so hat es mit der kulturellen Zwischennutzung des entkernten Gebäudes eingesetzt: Erst im Lauf der Demontage gewann es seine wahre symbolische Kraft.
Der 1951 im mittelfränkischen Schwabach geborene Dichter Gerhard Falkner und der 13 Jahre jüngere, aus Alaska stammende Videokünstler Reynold Reynolds haben dem Palast mit dem achtminütigen Poesiefilm »Der letzte Tag der Republik« auf ihre Weise ein Denkmal gesetzt. In Buchform, verschwenderisch ausgestattet mit farbigen Filmstills, verschiedenfarbigem Papier und einer DVD, kommt mit Moritz Holfelders Essay »Von Luftschlössern und realen Palaästen« zur affektiven Annäherung nun eine historisch-analytische hinzu.
So parteilich die Beteiligten sind: »Der letzte Tag der Republik« ist keine Kampfschrift. Es ist ein Epitaph mit surrealistischen Zügen. Reynolds’ mit einer 16-Millimeter-Bolex gedrehten, stark beschleunigten und rhythmisierten Bilder zur elektronischen Geräuschmusik von Giuseppe Iacono zeigen alienhafte Kräne und Bagger bei ruckartigen Zerstörungs- und Ausweidungsorgien.
Es ist ein Spektakel von befremdlicher Schönheit, zu dem Falkner Verse komponiert hat, die, wie er in einem Essay auf poetenladen.de anmerkte, zugleich etwas Deutsches haben sollten und eine antike Dimension, einen »romantischen Ton« und »seine ironische Abfuhr«.
»Ich bin immer noch nicht da, wo ich war, wenn ich weg bin«, heißt es da. »Ich stehe nach Abschluss der Arbeiten nun kurz vor der Beseitigung. / Es wird schwer sein, mich zu vergessen, jetzt wo ich nicht mehr da sein werde. / Meine Anwesenheit in der Abwesenheit wird nachklingen. / Ein Koloss aus Beton, Geschichte und Zeit, der geht nicht, – / ohne dass etwas bleibt, was noch verschwindet, / wenn alles längst vorbei ist.« Und dann der Satz: »Karthago ist auch nicht an einem Tag zerstört worden.«
Falkner, der sich schon 2005 in dem Langgedicht »Gegensprechstadt – ground zero« (kookbooks) durch die Schichten Berlins grub, ist Reynold Reynolds seit dem im selben Jahr im Künstlerhaus Bethanien entstandenen Splitscreen-Kurzfilm »Stadtplan (eine stadt, geteilt in spra und che)« verbunden, der eine Art Vorarbeit zum Palastprojekt ist: Falkner nimmt darin die Metapher von der Stadt als Text wörtlich.
Wo »Stadtplan« aber einen konkreten urbanen Raum erforscht, da betreibt »Der letzte Tag der Republik« eine Spurensuche, die längst nicht mehr nur im Sichtbaren stattfindet: »Das Schloss wird sich schließen um den versunkenen Bau / und die Zeit wird im Schloss den Schlüssel umdrehen / bis der Schlüssel (mit der Zeit) das Schloss umdreht.« Damit dürfte auch das Gedicht über das Humboldt-Forum, das keiner jemals schreiben wird, geschrieben sein.

Gregor Dotzauer

21. Juli 2011

Dichter an der Großstadtwunde

»Karthago ist auch nicht an einem Tag zerstört worden«, schreibt Gerhard Falkner. Und der in Schwabach geborene, heute in der Oberpfalz und in Berlin lebende Dichter meint den umstrittenen Abriss des Palasts der Republik. Einst Sitz der Volkskammer und Wahrzeichen der DDR, verkörpert der Abbruch auch den des untergegangenen Staates – egal, was einer baut: »Es wird bleiben ein Loch in der Luft, so groß wie ein Schloss«.

Letztes Jahr wurde im Nürnberger zumikon eine ungewöhnliche Ausstellung gezeigt. Gerhard Falkner näherte sich in einem Film mit Worten der Baustelle Berlin, für den sein Kunstfilmkollege Reynold Reynolds poetisch brennende Bilder fand. Von der Stimme des Schriftstellers begleitet, führte »The Last Day of the Republic« ein Bagger-Ballett vor Augen. »Erst wenn die Wolken ins Gras beißen, wird dieses Stück Geschichte gegessen sein« – das fand Gehör.

Dass man die künstlerische Gemeinschaftsarbeit der beiden Wahl-Berliner nun erneut – und in aller Ruhe – auf sich wirken lassen kann, ist dem Nürnberger starfruit-Verlag zu verdanken. Er bringt das Künstlerbuch »Der letzte Tag der Republik« heraus: Ein Gedicht als Buch. Ein Buch voller Bilder, auf denen Kräne an Palastbrocken nagen, als ob sie urzeitliche Echsen wären.

Als DVD beigefügt, legt »The Last Day of the Republic« die jüngste Geschichte dicht an der Großstadtwunde frei. Von der Antike bis in die Gegenwart reicht der feine Faden, den der Dichter spannt.

Dass ein erklärender Essay von Moritz Holfelder in das zweisprachige Buch gebunden ist, macht für »starfruit«-Verlagschef Manfred Rothenberger schon deshalb Sinn, weil das Buch auch in den USA erscheint: Reynolds (in Alaska gebürtig) habe ihm den Tipp gegeben. Denn mancher Amerikaner wüsste »weder, was der Palast der Republik war, noch was die DDR – da ist Europa an sich schon kompliziert.«

Christian Mückl

In der Galerie Zink, Linienstraße 23, Berlin, fand am 2. Juli 2011 die Buchpräsentation Gerhard Falkner / Reynold Reynolds: »Der letzte Tag der Republik / The Last Day of the Republic« statt.