Joshua Groß
Hannah Gebauer

Faunenschnitt

Herausgeber:
Manfred Rothenberger und Institut für moderne Kunst Nürnberg
Gestaltung: Timo Reger
Text: Joshua Groß
Fotografien: Hannah Gebauer

124 Seiten sowie 12 nicht paginierte doppelseitige Farbfotografien in japanischer Bindung
Hardcover; 14 x 21 cm
Euro 24,00
ISBN 978-3-922895-29-9

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Titel Fauenschnitt

Joshua Groß ist eine Entdeckung: Für seine ersten beiden Romane »Der Trost von Telefonzellen« und »Magische Rosinen« erhielt er mehrere Preise (u. a. Bayerischer Kunstförderpreis 2014, Wolfram-von-Eschenbach-Förderpreis 2014).
»Ich habe noch nie einen Debütroman gelesen, der so originell, so erfrischend anders, so wild-poetisch und im besten Wortsinne so abgefahren ist wie ›Der Trost von Telefonzellen‹«, erklärte der BR-Kritiker Dirk Kruse in seiner Laudatio zur Verleihung des Förderpreises der Erlanger Kulturstiftung 2016 an Groß.

Jetzt erscheint mit »Faunenschnitt« der dritte Roman von Joshua Groß. Er spielt im hochsommerlichen österreichischen Salzkammergut und handelt von einem ausgeraubten Verleger und einem jungen Autor, von einer bissigen Muräne und der psychiatrischen Behandlung Thomas Middelhoffs, von postmoderner Traurigkeit und der »Aktion Bernhard«, vom Leuchten der Berge bei Sonnenuntergang und einem vegan ernährten Hund, von Freundschaft, Liebe und Paranoia. Gleichzeitig erzählt »Faunenschnitt« von den wiederkehrenden Gesichtern des Bösen, von der Sinnsuche eines jungen Menschen in einer gewaltgeprägten Welt, von widerständigem Trotz und schlitzohriger Intervention. Joshua Groß hat dafür einen eigenen Ton und eine originäre Sprache gefunden, die diesen temporeichen Roman anbinden an die Lässigkeit eines Richard Brautigan, an Jorge Luis Borges und die Imaginationskraft lateinamerikanischer Literatur.

»Magische Rosinen«, der zweite Roman von Groß, wurde 2015 von der Stiftung Buchkunst als eines der 25 »Schönsten deutschen Bücher« ausgezeichnet und auch »Faunenschnitt« ist ein kleines Buchkunstwerk. Es beinhaltet Farbfotografien der Künstlerin Hannah Gebauer, die am Schauplatz des Romans, dem Grundlsee im Salzkammergut, entstanden sind: Bilder, die Raum lassen für Geheimnis und Entdeckung, nicht zuletzt, weil sie in Schmetterlingsbindung in das Buch eingefügt sind und durch die verschlossenen Seiten schimmern.

März 2017

Faun aus der Asche – Verspätete Lobhudelei für ein schnittiges Buch

Manchmal rutschen Bücher durch, fallen vom Stapel, verstecken sich hinter Papierstößen auf gerümpeligen Schreibtischen und Fußbodenablagen. Das jedenfalls war bei »Faunenschnitt« der Fall, oder besser: bei mir. Ja, bei einem derart ungewöhnlichen Buch darf auch mal das Ich ran. Immerhin geht es darin einzig um  eine Ich-Bespiegelung eines jungen Autors. Ein »begehbares Kaleidoskop« will der Protagonist  bauen, nichts anderes als ein buntes Spiegelglasperlenspiel ist das
Buch. Joshua Groß treibt einen wilden Ritt auf den Wellen des Bewusstseinsstroms voran, bei dem nicht allein die Rot-auf-Weiß-Schrift psychedelisch wirkt. Zusätzlich  zwingt das liebevoll gestaltete Buch jeden Bibliophilen in die Knie: Zwölf doppelseitige Farbfotografien von Hannah Gebauer sind ihm beigefügt. Will man sie betrachten, muss man die Seiten aufschneiden – wobei man selbst entscheiden  kann, ob man das Messer an der Bindung oder am Falz ansetzt. »Faunenschnitt« ist ein Geheimnis, das man auch mit Verspätung ruhigen Gewissens lüften darf.

Tobias Prüwer

13. November 2016

Katharina Hesse empfiehlt schöne Bücher: Originäre Sprache und verschlossene Seiten

Es gibt sie noch, die gut gemachten Bücher. Katharina Hesse, Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst, stellt auf boersenblatt.net jeden zweiten Sonntag im Monat ein besonders schönes Buch vor. Diesmal: »Faunenschnitt« von Joshua Groß und Hannah Gebauer (starfruit publications).
Letztes Jahr gelang es Joshua Groß und Philipp Gerlach mit »Magische Rosinen« unter die 25 Schönsten deutschen Bücher zu gelangen. Das macht Hoffnung auf das neue Buch von Joshua Groß: »Faunenschnitt«.
Joshua Groß erzählt in diesem temporeichen Roman von Freundschaft, Liebe und Paranoia. Von einer bissigen Muräne, einem vegan ernährten Hund, einem ausgeraubten Verleger und einem jungen Autor. Sein eigener Ton und seine originäre Sprache bekommen eine eigene Verpackung und originäre Gestaltung. Da sind zum einen die Farbfotografien der Künstlerin Hannah Gebauer, zwölf davon versteckt in japanischer Bindung, die lediglich durch die verschlossenen Seiten durchschimmern und somit Raum lassen für Geheimnisse und Entdeckungen.
Auf dem Cover, ein unbekleideter, gelbleuchtender Mann in orangenem Wasser, das Vorsatzpapier in gleicher Farboptik – Schlingpflanzen am Grund des Sees. Der Text, klassisch gesetzt in vollkommen unklassischem, geradezu unkonventionellem Rot. Irritierend? Ja! Den Lesefluss störend? Überhaupt nicht!
»Faunenschnitt« bedeutet Massenaussterben, also »außergewöhnliche, drastische Verluste von Individuen einer oder vieler Populationen einer Art innerhalb kurzer Zeit«. Der Bücherfaunenschnitt ist zwar ohnehin nicht wirklich zu erwarten, solange solch feingemachte Werke erscheinen, dürfte er ausgeschlossen sein.

Katharina Hesse

26. Oktober 2016

Irrlichternde Prosa

»Ich glaube, ich habe Bergrücken gesehen wie auftauchende Buckelwale.« So lautet der erste Satz, den der Erzähler Frank in »Faunenschnitt« notiert, dem dritten Buch des in Nürnberg lebenden Autors Joshua Groß. Frank wurde beim Baden in der Toskana von einer Muräne gebissen; da ihn das riesige Tier nicht loslassen wollte, musste er es in die nächste Stadt schleifen. Auch der Anruf, der ihn kurz darauf erreicht, wirkt merkwürdig: Bei seinem Verleger Bruno im steirischen Salzkammergut ist eingebrochen worden. Gestohlen wurde nichts als der »Arung«, ein halluzinogenes Kraut, mit dessen Wirkung auch Frank vertraut ist. Auf dem Weg zu Bruno bekommt er am Flughafen einen Hund geschenkt, den er nach seinem Lieblingsautor benennt, dessen Hauptwerk Frank schon vierzehnmal gelesen hat …
Zugegeben: Mit einer Handlungswiedergabe ist »Faunenschnitt« kaum beizukommen. Groß (Jg. 1989) interessiert sich weniger für einen konventionellen Plot als für irrlichternde Momentaufnahmen, die er mit großer stilistischer Virtuosität zusammenführt: »Die Sonne lag dem Gras im Nacken«. Die Grenze zwischen Fakt und Fiktion wird dabei vollkommen aufgehoben, was das Buch zu einer Fundgrube für literarische Spurensucher macht. Passenderweise verlangen die beigegebenen Fotos von Hannah Gebauer nach einem Messer, um betrachtet werden zu können.

Kai Jürgens

 

 

28. September 2016

Andreas Radlmaier im Gespräch mit Joshua Groß

Ein Messer hat Joshua Groß leider nicht dabei, als er zum Interview kommt. Dabei bräuchte er das dringend, um die Seiten seines neuen Romans »Faunenschnitt« aufzuschneiden und damit die durch die Schmetterlingsbindung verborgenen Fotos von Hannah Gebauer überhaupt sichtbar machen zu können. Genuss durch Verletzungsgefahr, Phantasieschub durch Psychedelic. Der 27-jährige Nürnberger Autor gilt als Großbegabung der Literaturszene, als »genialisch flackerndes Irrlicht« und »Konventionsverweigerer« (Deutschlandfunk). Preise belegen das, wie auch jüngst die Einladung zum renommierten Erlanger Poetenfest.

AR: Tut Ihnen das weh, ein Buch aufzuschneiden?

JOSHUA GROSS: Nein.

AR: Anders gefragt: Sie schätzen eine gewisse Brutalität gegenüber Büchern?

JOSHUA GROSS: Ich habe sie mir angewöhnt.

AR: Wieso das denn?

JOSHUA GROSS: Als ich angefangen habe, dickere Romane zu lesen, merkte ich irgendwann, wie doof es ist, Literatur distanziert zu huldigen.

AR: Sie eignen sich Bücher durch handschriftliche Anmerkungen an?

JOSHUA GROSS: Ja, ich will sie wieder begehbar machen. Ich weiß dann, wo meine Lieblingsstellen sind.

AR: Ihre Bücher sind liebevoll gemacht. Das findet auch Beachtung. »Magische Rosinen« wurde ausgezeichnet als eines der »25 schönsten deutschen Bücher«. Das heißt, Sie mögen auch schöne Bücher?

JOSHUA GROSS: Mittlerweile schon. Das wurde mir auch von meinem Verleger Manfred Rothenberger ein wenig anerzogen. Wenn ich mir jetzt ein Buch kaufe, achte ich schon darauf, dass die Ausgabe gut gestaltet und gut lesbar ist.

AR: Auffällig ist bei Ihren Büchern auch die Kombination aus Wort und Bild. Woher kommt das?

JOSHUA GROSS: Einerseits darf ich auch da auf Manfred Rothenberger verweisen: Das gibt sein Verlagskonzept vor. Auf der anderen Seite hatte ich immer mehr mit bildenden Künstlern zu tun als mit Schriftstellern. Mein bester Freund ist Zeichner und Maler. Ich finde, wenn sich verschiedene Ausdrucksformen aneinander reiben, ergeben sich schöne Synergieeffekte.

AR: Schreiben Sie in Bildern?

JOSHUA GROSS: Ich bevorzuge schon eine bildliche Sprache, aber nicht ausgehend von Bildern. Im besten Fall wächst die Sprache so weit über sich hinaus, dass sie zu einem Bild wird. Dass man – wenn man es liest – in Bildern denkt und nicht mehr in Sprache.

AR: Was hat ein Buch, was ein Kindle nicht hat?

JOSHUA GROSS: Geruch. Haptik. Es ist ein Medium, auf das man sich besser konzentrieren kann.

AR: Das gute alte Buch wird dennoch mittlerweile oftmals als Auslaufmodell eingestuft. Ist Ihre Haltung zum Geschriebenen altmodisch?

JOSHUA GROSS: Ich hoffe es nicht! Das Buch lenkt mich weniger ab, hat weniger Fernflimmern außen rum. Ich möchte mich mit Dingen umgeben, die mich nicht zerstreuen, sondern bündeln.

AR: Sie sind 27 Jahre alt und werden als literarisches »Wunderkind« gepriesen und dafür auch mit Preisen bedacht. Wie fühlt sich das an für Sie?

JOSHUA GROSS: Das sind Zuschreibungen und damit bestimmte Arten von Klischees, mit denen ich relativ wenig anfangen kann. Wenn ich 15 wäre und Romane schreiben würde, wäre der Begriff »Wunderkind« angebracht – aber mit 27!?! In dem Alter ist man durchaus in der Lage, etwas zu machen, was Hand und Fuß hat. In meinem Alltag bin ich einfach ich. Da mache ich mir keine Gedanken über Preise und wer was über mich schreibt. Da wird man ja verrückt.

AR: Jeder Autor, der etwas auf sich hält, verlässt irgendwann Nürnberg. Warum sind Sie noch hier?

JOSHUA GROSS: Weil es mir hier gut geht und weil ich wenig mit Schriftstellern zu tun habe. Die Anzahl von Schriftstellern vor Ort ist für mich kein entscheidender Fakt. Mein Wohnort und das Schreiben haben wenig miteinander zu tun. Natürlich taucht Nürnberg gehäuft in meinen Büchern auf, würde ich woanders wohnen, wäre es dann halt diese Stadt.

AR: Wann hat Sie die Schreiblust überhaupt gepackt?

JOSHUA GROSS: So mit 17, 18. Ich habe davor ganz wenig gelesen.

AR: Erst war das Lesen, dann die Lust des Probierens?

JOSHUA GROSS: Genau. Erst gar nichts machen und rumhängen. Dann Musik hören und darüber den Spaß an Texten finden.

AR: Über Rap und HipHop?

JOSHUA GROSS: Ja, genau. Und über diese Texte bin ich zum Schreiben gekommen.

AR: Hatten Sie auch Nähe zum Poetry Slam?

JOSHUA GROSS: Nee. Mich macht das überhaupt nicht an. Durch die Nähe zum Kabarett muss da immer die Live-Performance passen. Ich finde aber, dass Bücher gute Bücher erst dadurch werden, dass man sie ein drittes, viertes, fünftes Mal liest. Und die meisten Poetry-Slams schmieren leider ab, wenn sie gedruckt sind. Und beim zweiten Mal lesen sowieso.

AR: Sind folglich Lesungen auch nicht das Spiegelbild guter Literatur?

JOSHUA GROSS: Schon, auch wenn Charisma einen guten Autor ausmacht. Aber das ist eine Frage, die den Text nicht tangiert. Das verzerrt auch das Bild. Mir geht’s eher um Wahrnehmung und eine Auseinandersetzung, die tiefer geht. Die ganzen Schichten, die einen guten Text ausmachen, kann man meiner Meinung nach bei einmaligem Hören nicht mitbekommen.

AR: Sie haben Politikwissenschaften und Ökonomie studiert. Stand das Studium in irgendeinem Zusammenhang zur Schreiblust?

JOSHUA GROSS: Überhaupt nicht. Als ich mein Studium aufgenommen habe, dachte ich auch nicht, dass ich bald einen Roman veröffentlichen kann. Die Autoren-Biographien, die ich damals mitbekam – ob Kerouac oder Fauser – waren da eher abschreckend, was die rasche Entfaltungsmöglichkeit anging. Dieses Schriftstellermodell hatte ich für mich auch verinnerlicht: Wenn ich keinen Mainstream mache, wird es lange dauern, bis ich mich hochkämpfen kann.
Aber noch eines: Wenn man Germanistik studiert, qualifiziert das einen zunächst überhaupt nicht zum Literaten. Ich hatte mal Kreatives Schreiben als Fach in Erwägung gezogen, bin aber froh, es nicht getan zu haben.

AR: Weil …

JOSHUA GROSS: Weil ich es gut finde, Inhalt gelernt zu haben und keine Schreibtechniken.

AR: Und wie lernt man Inhalt?

JOSHUA GROSS: Indem man Politikwissenschaften oder Ökonomie studiert. Das sind Studiengänge, in denen ich mir ein breiteres Grundwissen aneignen durfte. Ich bezweifle, ob es mir mehr gebracht hätte, wenn mir ein mittelmäßiger Autor geraten hätte, ich solle diese oder jene Metapher nicht verwenden.

AR: Was lernt man in einem Masterstudium-Fach wie »Ethik der Textkulturen«?

JOSHUA GROSS: Der kryptische Titel verheimlicht eigentlich nur ein fächerübergreifendes Studium. Man konnte Angebote aus Literaturwissenschaft, Linguistik, Theologie und Philosophie wählen.

AR:  Erklären Sie uns doch mal den Titel ihres Roman »Faunenschnitt«.

JOSHUA GROSS: Ich bin auf diesen Begriff aus der Evolutionsbiologie gestoßen, weil meine kleine Schwester Abitur in Biologie gemacht hat, und ich ihr aus der Stadtbibliothek ein Biologie-Lehrbuch ausleihen musste. Beim Durchblättern stieß ich auf den Begriff »Faunenschnitt«. Er irritierte mich, weil er poetisch ist und man ihn nicht in einem Lehrbuch vermutet. Er hat eine harsche Bedeutung. Er umschreibt das Phänomen, wenn in der Evolution in relativ kurzer Zeit viele Arten aussterben. Das Aussterben der Dinosaurier etwa war ein Faunenschnitt. Ich habe diesen Begriff im Roman auf die Ideengeschichte angewandt. Weit hinten im Buch findet sich eine Stelle, wo gefragt wird, was passieren müsste, damit es zu einer Veränderung kommen kann. Und dann wird geantwortet, dass die ganzen Denkkonstanten, die wir als unüberwindbar annehmen, wegfallen müssten und dadurch Neues entstehen könnte. Der Begriff passt auch zum Buch mit seinen zwei Ebenen: Es hat Dunkles im Untergrund und auch etwas Helles, Frisches.

AR: Auch dieses Buch peilt einen magischen Realismus an, hat etwas Psychedelisches, Sprachrauschhaftes. Weist das auf Beatnik-Vorbilder wie Jack Kerouac und William Burroughs?

JOSHUA GROSS: Die stecken sicher noch irgendwo in mir drin, weil ich die ausgiebig gelesen habe. Inzwischen interessieren mich aber andere Dinge. Es sind aber immer diese Kippmomente, in denen sich Wahrnehmung weitet. Kerouac und Burroughs praktizierten das ja radikal, nahmen Drogen und fuhren nackt und nachts auf dem Motorrad durch die Stadt. Das ist es bei mir ja nicht, sondern eher etwas Subtileres.

AR: Im Buch taucht auch versteckt in einer Fußnote eine Anklage gegen mittelmäßigen Realismus in der Gegenwartsliteratur auf. Verachten Sie die deutschen Autoren dafür?

JOSHUA GROSS: Ich verachte überhaupt keinen Autor. Aber es ärgert mich schon, dass es so viele belanglose und austauschbare Literatur gibt. Man spürt da keine Ambition, die Literatur oder das Denken weiter zu bringen. Es wird auf Muster zurückgegriffen, von denen man vermutet, dass sie funktionieren. In der Realismus-Anklage versteckt sich die Erkenntnis, dass von den Schreibschulen ein einfacher Stil kommt. Bei großen Schreibern drückt sich jedoch das eigene Denken in der Sprache aus.

AR: Denken Sie denn, dass Irritation und Wirtschaftlichkeit zusammen funktionieren können?

JOSHUA GROSS: Wirtschaftlichkeit – das weiß ich nicht. Aber dass Verwunderung und Vergnügen zusammengepackt werden können – das geht!

AR: Sie finden gerne Sprachbilder, Metaphern, Vergleiche.  Bleiben wir doch kurz bei dem »Wie«. Sprache fühlt sich für Sie an wie …?

JOSHUA GROSS: Ich muss voranschicken, dass ich oft tagelang an solchen Bildern arbeite. Also: Sprache fühlt sich für mich an wie ein sich selbst verschluckender Virus.

AR: Hirnflimmern ist für mich wie …

JOSHUA GROSS: … das Äquivalent zu einer dystonalen Übersteuerung.

AR: Joshua Groß ist ein Typ wie …

JOSHUA GROSS: … wie Woody Woodpecker, das ist ein Comic-Specht aus den 50er Jahren.

AR: Aha. Sind Sie ein Sprachspieler?

JOSHUA GROSS: Spielerischer Umgang mit Sprache – ja, aber nie zum Selbstzweck. Es geht schon um Bezüge oder das Aufmachen unerwarteter Räume.

AR: Bewusstseinserweiterung ist das Eine. Geht’s auch um Bewusstseinserheiterung?

JOSHUA GROSS: Um Humor, auf jeden Fall.

AR: Deshalb taucht in »Faunenschnitt«     auch Thomas Middelhoff als Patient auf, der überzeugt ist, ein ehrlicher Kerl zu sein. Oder Louis Armstrong, der im Nürnberger Grand Hotel in der Unterhose ein nächtliches Interview gibt. Bereitet es Ihnen Vergnügen, den Leser vor die Entscheidung zu stellen: wahr oder falsch?

JOSHUA GROSS: Ja, klar. In den von mir verwendeten Fußnoten steht ja so zur Hälfte Erfundenes, zur Hälfte Wahres drin. Und ich finde es schon witzig, wie schnell die Leser einem auf den Leim gehen, wie wenig hinterfragt wird. Sobald da Fußnote steht, ist es wissenschaftlich.

AR: Louis Amstrong in der Unterhose in Nürnberg – da grübelt man.

JOSHUA GROSS: Die Geschichte hat mir mein Opa erzählt.

AR: In den Büchern laufen auch immer imaginäre Soundtracks mit. Sie verstärken das durch Hinweise quer durch die Popgeschichte von Drake bis zu Jay-Z und den Byrds. Steckt auch ein Musiker in Ihnen? Oder nur der Hörer?

JOSHUA GROSS: Musikalisch bin ich weniger begabt. Aber eine gewisse Musikalität im Schreiben, das wünsche ich mir schon. Der Vibe. Dass sich das Geschriebene nicht als etwas Kaltes darstellt, sondern als etwas Erlebbares. Musik hat den Vorteil, unmittelbar zu funktionieren. Und diese Unmittelbarkeit möchte ich ins Schreiben übertragen.

AR: Wie würde ein Roman tönen, der wie ein Byrds-Album klingt?

JOSHUA GROSS: Dunkelgrün, enorm ausladend und an den Rändern wegfransend. Relativ lang und total unabhängig. Befreit von mentalen Mustern.

AR: Und wie klingt »Faunenschnitt«?

JOSHUA GROSS: Wie ein Interlude auf einem Byrds-Album. »Faunenschnitt« klingt eher gelb.

AR: Vielleicht sonnenblau.

JOSHUA GROSS: Genau, blaugelb.

AR: Vermutlich steht das nächste Buch vor der Fertigstellung, oder?

JOSHUA GROSS: Ich habe schon zwei fertige Romane, von 2012 und 2014, die will ich allerdings nicht mehr veröffentlichen. Einen Band mit Erzählungen könnte ich machen.  Aber ich glaube, dass ich jetzt einfach wieder ein paar Monate schreiben werde. Dazu habe ich Lust. Ich habe gerade einen Roman angefangen.

16. September 2016

Roman nach den Prinzipien des Rauschs


Joshua Groß, Jahrgang 1989, rechnet ab mit den Konventionen, dem vermeintlichen Realismuszwang und der Beamtenhaftigkeit des deutschen Literaturbetriebs. Sein neuester Roman »Faunenschnitt« ist raffiniert und selbstbewusst, es geht um alles und nichts. Ein ungetrübter Lesespaß ist es aber nicht.
Zunächst einmal gilt es, brutal Hand anzulegen an dieses aufwendig und wunderschön gestaltete Buch. Am besten mit einem scharfen Messer. Denn die Seiten mit den Fotografien von Hannah Gebauer, die den Text illustrieren und ergänzen, sind in Schmetterlingsbindung gebunden und nicht geöffnet. Das heißt: Der Leser muss sie selbst auftrennen, wenn er die Fotografien sehen will. Das Spiel mit Bedeutungen und Realitätsebenen, das Groß inszeniert, wird auf diese Weise formal fortgesetzt. Und der Text leuchtet uns in irritierender roter Schrift entgegen. Bloß nicht so sein wie alle anderen.
Joshua Groß, Jahrgang 1989, schreibt Gedichte, Novellen und Romane. In der Off-Szene gilt er als genialisch flackerndes Irrlicht; als Konventionsverweigerer, der dem vermeintlich bräsigen Literaturbetrieb mit Witz und Intelligenz den Spiegel vorhält. Der Protagonist und Ich-Erzähler in »Faunenschnitt« heißt Frank, ist Schriftsteller und trägt stets das Werk seiner intellektuellen Galionsfigur in der Tasche: Für jenen Milos Archibald Novalsky, geboren 1940 und selbstverständlich eine fiktive Figur, hat Groß sogar eigens einen Eintrag im ebenfalls fiktiven »Deutschen Literaturalmanach« erfunden.
»Seine Bücher werden nicht mehr gedruckt. In kleinen Kreisen gilt er dennoch als Rebell der deutschen Nachkriegsliteratur, der darauf beharrte, dass es zum Einheitsbrei der deutschen Literatur ambitionierte Gegenpositionen geben müsse. Wer seinen Geist (und gerade seinen künstlerischen Geist) damit abspeist, Realität abzubilden, hat gar nichts verstanden und ist ein Feigling allerhöchsten Grades. Wer es so weit kommen lässt, verrät die Kunst überhaupt und die Literatur ganz besonders.«
Ein derartiger Verräter will Joshua Groß keinesfalls sein. Er tut alles, um jeglichen Realismusverdacht umgehend von sich zu weisen. Dennoch darf die Frage erlaubt sein: Worum geht es eigentlich in »Faunenschnitt«? Um alles und um nichts.
Zunächst also um den Schriftsteller Frank, der von seinem Verleger Bruno nach Gößl am Grundlsee im Salzkammergut gerufen wird. Auf dem Weg dorthin wird ihm von einer Unbekannten ein beiger Hund geschenkt. Der wird von nun an Franks Begleiter. Im Grundlsee sollen sich, so die Legende, ebenso wie im unmittelbar benachbarten Toplitzsee noch wertvolle Fundstücke aus nationalsozialistischer Zeit befinden. Das könnte wichtig sein, denn Frank ist offenbar nicht zum ersten Mal für seinen Verleger als Detektiv unterwegs.
Zunächst aber einmal ist bei Bruno eingebrochen worden. Entwendet wurde unter anderem ein halbes Kilo eines (ebenfalls erfundenen) Krauts namens Arung, das, in getrocknetem Zustand geraucht, aphrodisisch und halluzinogen wirken soll. Das erklärt die drastisch verschobenen Wahrnehmungsebenen in »Faunenschnitt«, die mit literarischen Anspielungen von Ernst Jünger bis David Foster Wallace noch untermauert werden: Dies ist ein Roman, der nicht der Logik der Wirklichkeit, sondern den Gesetzen des Rauschs gehorcht. Und der in seiner Sprache mit Lässigkeit alle Register zieht, um die Grenzen zwischen Hochliteratur, poetischer Reflexion, Trash und Klamauk aufzulösen.
Es kommen vor: Drogen, Nazi-Geldfälschungsdruckplatten und Raubkunst, die brutale Enge der Provinz und die unendlichen Weiten des menschlichen Geistes, eine bissige Muräne, eine Terrorgruppe namens »Das Merkel'sche Kreuz« und der Manager Thomas Middelhoff als psychotherapiebedürftiger Patient. All das verbindet sich zu einem gewagten Assoziationsstrom. »Ich baue«, so heißt es einmal, »ein begehbares Kaleidoskop.«
»In einem Tunnel schaute ich zweifelnd über die Oberkante meiner Sonnenbrille und wusste, dass ich mich unmöglich meinen ›Lustigen Taschenbüchern‹ widmen konnte. (Pfeifend) I got so much on my mental. Ich wollte zulassen, was mir ins Bewusstsein kam, ich wollte nicht kategorisieren und gegeneinander ausspielen, sondern akzeptieren, dass Wirrheit nicht notwendigerweise Verwirrung ist.«
Handlung tritt hinter den Sound, hinter das Grundrauschen eines mit Literatur aufgeladenen Bewusstseinsstroms. »Faunenschnitt« schwankt zwischen großer Klugheit, kleinen Taschenspielertricks und albernen Klügeleien. Joshua Groß macht reinen Tisch mit der Langeweile und inszeniert sich selbst und seinen Erzähler als schlaues Bürschlein, der alles und alle in die Tasche steckt. Wenn er uns währenddessen nicht auch noch permanent erzählen würde, dass und wie er uns alle in die Tasche steckt – dann wäre »Faunenschnitt« ein ungetrübter Riesenspaß.

Christoph Schröder

August/September 2016

Begehbares Kaleidoskop

Ein mit viel Entdeckungsfreude und Spaß an Sprache und bizarrem Plot leichthändig »begehbares Kaleidoskop« (Groß) und eine großartige Sommerlektüre.

Der Grundlsee im Salzkammergut erfreut sich in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur großer Beliebtheit. Nicht nur Gustav Ernst nahm ihn 2013 titelgebend als Panorama seines Familienromans auf, auch der 1982 geborene und in Nürnberg lebende Schriftsteller Joshua Groß lässt seinen ich-erzählenden jungen Autor im Roman »Faunenschnitt« an den idyllischen Ufern am Südende des Toten Gebirges seiner Fantasie auf den Grundl gehen. Seinem Verleger Bruno ist von Einbrechern ein halbes Kilo Arung, ein halluzinogenes Kraut, geklaut worden. Obwohl er bereits einen desertierten Fremdenlegionär auf die Sache angesetzt hat, zahlt er dem Autor die Reisekosten, damit der sich ebenfalls ein wenig umsieht und das Kraut wiederbeschafft.

Bei dessen Ankunft in Bad Aussee bekommt er von einer Fremden einen beigen Hund geschenkt, der ihn fortan als Sidekick begleitet. Dass sich bei der Suche nach dem Arung, das übrigens auch ständig geraucht wird, allerhand schräge Begebenheiten, Erinnerungen und Metaphern fast im Sekundentakt die Klinke in die Hand geben, mag manchem Leser vielleicht ein wenig zu viel werden; der Spaß am Umgang mit Sprache, der irrwitzigen Plotkonstruktion und dem Verwirrspiel an Verweisen ist Groß allerdings deutlich anzumerken.
»Realismus« wird hier gern einmal als Schimpfwort gebraucht, nur nicht in Zusammenhang mit dem gattungsbezeichnenden Adjektiv »magisch«. Man kann es als erheiternd betrachten, dass in einem einzigen Werk das Lustige Taschenbuch, Dante, Karl May und Borges mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander existieren. Wer hier jedoch nach Zusammenhängen oder Hierarchien sucht, hat die Grundaussage nicht verstanden, denn es geht hauptsächlich um die eine Instanz, die beim Lesen mit allem arbeiten kann, wenn man sie nur lässt: die Fantasie.

Warum es dazu allerdings einen in Rot gehaltenen Buchsatz und stilistisch nicht so ganz zum Text passende Fotos benötigt, erschließt sich nicht so recht, auch wenn die Schmetterlingsbindung fraglos zum Selbstentdecken einlädt.

Jorghi Poll

August 2016

Salzkammergut: Boulevard of broken dreams?

Joshua Groß begibt sich in »Faunenschnitt« auf eine Magical Mystery Tour durch das eigene Ich, so, wie es die Welt sieht. Es ist eine Reise durch den und mit dem Kopf. Sie beginnt mit dem Biss einer Muräne in das Bein des Erzählers am Strand von Livorno. Er ist ein junger Autor namens Frank mit der Selbstdefinition: »Ich baue ein begehbares Kaleidoskop«. Er erhält von seinem Verleger den Auftrag, einen Einbruch in dessen Haus im Salzkammergut aufzuklären. Entwendet wurde ein halluzinogenes Kraut namens Arung. Im Bahnhof von Bad Aussee schenkt ihm eine unbekannte Frau einen beigefarbenen Hund, den er, nach seinem Lieblingsautor Milos Ru Novalsky, »Ru« tauft. Der Jungautor hat »Lustige Taschenbücher« in seinem Rucksack und Freunde, die beim Backgammon Roland Kaiser hören – »Ich will Deine Schraube sein, mach’ noch eine Drehung …« –, schätzt Borges, Kafka, Dante, Jünger, Valéry und einen älteren Schriftsteller, der ihm sagt, dass es »die Wirklichkeit schlechthin gar nicht geben würde.«

»Faunenschnitt« ist in der Tat ein Kaleidoskop, der definitionem »ein Spielzeug, in dem sich bunte Glassteine befinden, die man durch Drehen bewegen kann, so dass durch sich verändernde Spiegelungen stets neue Muster erscheinen.« Es ist auch eine freischwebende Form von Sinnsuche ohne Ballast, eine Reise durch die taghelle Finsternis der Gegenwart, die nicht Zukunft werden will. Originell gedacht, lebendig geschrieben. Manfred Rothenberger ist der Herausgeber der »starfruit publications«, einer Buchedition, die ganz konsequent Literatur mit Kunst verknüpft. Beide Künstler – Autor Joshua Groß und Fotografin Hannah Gebauer – sind zueinander autonom insofern, als die bewusst spröden Fotos keine Illustrationen, sondern Kontrapunkte sind – und die Texte keine Bildbeschreibungen. Joshua Groß, Jahrgang 1989, debütierte in dieser Reihe mit dem Roman »Der Trost von Telefonzellen«, im Gefolge von starkem Kritiker-Echo und literarischen Preiswürdigungen.

Jochen Schmoldt

31. Juli 2016

Haus am See – Joshua Groß »Faunenschnitt«

»Ich wollte zulassen, was mir ins Bewusstsein kam, ich wollte nicht kategorisieren und gegeneinander ausspielen, sondern akzeptieren, dass Wirrheit nicht notwendigerweise Verwirrung ist.«

Spule ich das Band der Erinnerung zurück, wird mir klar: Solange ich diesen Blog führe und über Bücher schreibe, erhielt noch kein einziges Buch von mir das Prädikat »Fetzig«. Für alles gibt es ein erstes Mal, und dieser Augenblick scheint gekommen zu sein: mit dem neuen, nunmehr dritten Roman von Joshua Groß »Faunenschnitt«, der bereits mit seiner orangefarbenen Covergestaltung und der roten Schrift die Blicke auf sich zieht. Innen dann eine weitere Überraschung: Fotografien, die in ihrer verschlossenen Art nur durch das Papier scheinen. Die Seiten sind per Schmetterlingsbindung so zusammengefügt worden, das der Leser sie mit einem Messer aufschneiden muss, um die doppelseitigen Bilder ansehen zu können. Ein Akt, der Überwindung erfordert. In früheren Zeiten alltäglich, erscheint er heute fremd und, zugegeben, etwas rabiat.  

Ratz! Das Messer gleitet durch das Papier, einmal, zweimal, weitere Male. Ein Tipp: Am besten Augen zu und das Messer, ein vor allem scharfes, vorsichtig, aber schnell führen! Sonst könnten unsaubere Kanten entstehen. Während die erste Annäherung an dieses Buch eher mechanisch und bähend erfolgt, entzieht sich die eigentliche Lektüre zu Beginn wie ein scheues Tier. Mehrere Anläufe sind notwendig, um in die Handlung einzutauchen, denn alles erscheint am Anfang sehr rätselhaft und bizarr. Doch wer seine Lesegewohnheiten ablegt und die Neugierde auf eine andere Leseerfahrung bewahrt hat, wird dieses Buch vielleicht mit einem erfrischenden Sprung ins kühle Wasser vergleichen.

Der junge Autor Frank erhält während seiner Toskana-Reise einen Anruf seines Verlegers Bruno, der im österreichischen Gößl, im Salzkammergut am Grundlsee lebt. Er beklagt den Verlust seines Arungs, ein Heilkraut, das für seine halluzinatorische Wirkung beliebt ist und nun gestohlen wurde. Frank soll nach Gößl kommen und bei der Suche nach  dem Kraut behilflich sein. Ein befremdlicher Anfang, der nur noch getoppt wird von einem äußerst schmerzhaften Erlebnis, das Frank widerfährt: Er wird von einer Muräne in die Wade gebissen. Eine Story nimmt ihren Lauf, die an vielen Stellen kriminelle und skurrile Szenen erzählt: Frank erhält kurz nach seiner Ankunft von einer unbekannten Dame einen Hund geschenkt, der später nicht von seiner Seite weichen will, ein Segelflugzeug stürzt in den Grundlsee, ein Ereignis, das kein Unfall, sondern eine Performance bildet, für das zuvor der Flieger gestohlen, pardon, entliehen wurde. Für Aufregung sorgt auch der Mord an Edward, der einst Elche in den umliegenden Wäldern ausgewildert haben soll und nun einen Tretboot-Verleih führt. Mysteriös: In Eddies Haus entdecken Frank und Bruno Pfund-Noten sowie Druckplatten für die Herstellung dieses Geldes. Frank stößt bei Recherchen im Netz auf die größte Geldfälscher-Aktion der Geschichte – die Aktion Bernhard während des Dritten Reiches.

Doch der Leser sollte während der Lektüre etwas auf der Hut sein. Dies soll an dieser Stelle keine Warnung, sondern vielmehr Aufforderung sein, sich mit dem Inhalt und vor allem den Verweisen in den Anmerkungen am Schluss des Buches, die ihre ganz eigenen Geschichten erzählen, auseinanderzusetzen. Denn Groß, Jahrgang 1989 und bereits mehrfach mit Preisen geehrt, verschiebt die bekannten Grenzen zwischen Realität und Fiktion, was womöglich auf den ersten Blick als real erkannt wird, ist nur eine Idee, eine kreative Schöpfung; wie eben der Schriftsteller Milos Novalsky, dessen Leben und Schaffen sich Frank intensiv widmet. Als Kontrast dazu finden sich eine ganze  Reihe bekannter Schriftsteller- und Dichtergrößen, wie Dante, Pynchon, Borges, sowie eine Patientenliste von Brunos Partnerin Karmen, die als Psychologin arbeitet und unter anderem auch den kriminellen Ex-Bertelsmann-Manager Thomas Middelhoff betreut.

»Es wird erst zu Veränderungen kommen, wenn die Zarten und Komplexen verstehen, dass sie in Wirklichkeit die Mutigen sind.«

Meist liegt in einer vermeintlichen Idylle ein überraschender Moment, ein ungewöhnliches Ereignis, das die ganze Stimmung kippen lässt. Dann und wann erlebt Frank zudem überraschende Begegnungen, wie jene mit Sofia, einer jungen Frau, die er während seiner Streifzüge durch die eindrucksvolle Berglandschaft kennenlernt. Oft erweisen sich Gedankengänge des Protagonisten und Ich-Erzählers als »Ausreißer«, die die Handlung verlassen und auf eine ganz andere Bewusstseinsebene führen; das nicht mehr und nicht weniger als ein Ziel des surrealen Schreibens erscheint, für das Novalsky, der fiktive Autor, bekannt gewesen sein soll. In den Anmerkungen heißt es sowohl als eine eigene Poetik erscheinend als auch kritische Betrachtung dazu:

»Wer die Phantasie und den Surrealismus so verachtet wie die deutschen Schriftsteller und Kritiker und Professoren, dem bleibt nur übrig, weiterhin ambitionslose, mittelmäßige und nicht überdauernde Kunst zu produzieren. Eine Kunst der Feigheit, eine Kunst des Verrats. Eine Kunst, die keine Kunst ist, sondern Langeweile.«

Groß’ Sprache liebt das Spiel mit den Grenzen und die Verweigerung jeglicher Schablonen ebenso. Viele ungewöhnliche Vergleiche und lyrische Passagen finden sich in »Faunenschnitt«, das als Fachterminus im Übrigen aus der Geologie stammt und ein in Abschnitten stattfindendes Artensterben bezeichnet. Gemeinsam mit den Aufnahmen der Fotografin Hannah Gebauer, die nicht nur den Schauplatz des Romans, sondern auch das Nebulöse, aber auch Szenenhafte des Textes mit ihren Arbeiten mit ihrer Kamera eingefangen hat, entstand ein außergewöhnliches Buch, für das man sehnlich hofft, dass es viele Leser findet, die die Bereitschaft, die Offenheit und den Mut haben, bekanntes und gewohntes Terrain zu verlassen. Sie werden für diesen Schritt am Ende belohnt. Denn dieses Buch ist ein Ereignis und ein Kunstwerk, das staunen lässt.

Constanze Matthes

9. Juli 2016

10 Bücher für den Sommer


Anregendes und Spannendes, Politisches und Privates, aus Deutschland und anderen Sprachräumen. Wir empfehlen zehn Bücher für die Sommermonate: Romane und Erinnerungen, Novellen und Erzählungen.

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Der junge Deutsche Joshua Groß, Jahrgang 1989, legt mit »Faunenschnitt« ein Buch vor, das sich sämtlichen literarischen Einordnungen widersetzt. Das beginnt schon mit der Ausstattung. Das Buch ist wunderschön anzusehen und ein bibliophiles Schmuckstück. Es sollte unbedingt mit einem Messer zur Hand genommen werden: Die Fotografien von Hannah Gebauer kann der Leser nur sehen, wenn er sie aufschneidet. Der Roman selbst ist surreal und romantisch. Jede Inhaltsangabe des Geschehens würde in die Irre führen. Trotzdem ein paar Details: Es geht um eine Reise ins Salzkammergut, um Raubkunst der Nazis, ein halluzinogenes Kraut namens Arung, den Dichter Milos Archibald Novalsky und einen beigen Hund. Wem das alles spanisch vorkommt, liegt richtig. »Faunenschnitt« liest sich, als ob Christoph Ransmayr und Christian Kracht gemeinsam einen LSD-Trip geschmissen hätten: Hoch- und Popkultur in einem, Romantik und surreales Spiel miteinander verwoben. Ein sprachliches Abenteuer.
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Jochen Kürten

5. Juli 2016

Faunenschnitt

Ich würde mich durchaus gewählter ausdrücken können, wahrscheinlich, aber um’s passend zu sagen, geil, das Buch ist einfach geil, mit ein wenig Polemik, es half mir, über das blaue Buch hinwegzukommen. Angezweifelt werden darf mein Urteil allerdings schon, denn so ungefähr Seite 50 nach Ansicht der filmischen Gebrauchsanweisung wurde mir klar, ich hatte falsch geschnitten. Und wenn ich falsch geschnitten hatte, so hatte ich möglicherweise auch falsch gelesen bis dahin. Da ich aber schon dabei war, wollte ich mich bis zum Schluss des Buchs nicht mehr ändern. Ich bin ein sehr träger Leser. Rollt mein Verstand in eine Richtung, dann sind Wechsel der Richtung äußerst schwierig.

Ich rede mir ein, mit meinem Cut des Bildmaterials eine weitere Möglichkeit der Deutung geschaffen zu haben.

Dieses Buch überhaupt. Soll ich den Plot erzählen? Wem würde es helfen? Wer würde damit wissen, wohin es will mit einem. Wer weiß schon bei einer großen Schüssel Pudding, wohin sie mit einem will? Um es kurz zu machen: Schriftsteller wird von seinem Noch-Verleger um Hilfe gebeten, den Diebstahl seines Krauts aufzuklären. Es könnte alles auch nur ein Traum sein, die Logik ist danach. Und wenn es kein Traum ist, so vielleicht ein Rausch.

Unter der Oberfläche lauern mehr Möglichkeiten. Die Feigen mögen bis zu den Knöcheln im seichten Realismus dahinwaten, das ist ein Buch der Tiefe – oder der größte Schmarrn.

Es ist ein gutes Buch, um wieder bei Null anzufangen, ein literarisches Reset.

»Alle meinen, sie wüssten irgendwas.«

Ich komme noch gut über Straßen und kann Steuererklärungen. In zumindest literarischen Dingen fühlt es sich weniger eindeutig an. Das nächste Buch wird mit Argwohn gelesen.

Ich mag dieses Buch für seine Ambivalenzen, für den Schaum an Bedeutungen, dass ich lustvoll mich darin ergebe, nichts zu wissen oder nur so ungefähr und halb. Die Wahrheiten darin

»waren tastbar, aber eigentlich waren sie unbegreiflich.«

Und im Grunde ist’s um einen nicht viel anders: das Viel an Information und wir gestehen uns ungern ein, wie wenig das doch ist.

»Wenn wir alle nicht mehr in der Lage sind, im diffusen Durcheinander Kausalitäten zu entdecken, wird Google es noch immer können.«

Oder die fundamentalen Wahrheiten, sie finden sich in den Songtexten von Roland Kaiser. Man müsste es nur an sich heranlassen.

Die große Wirrung mit ihrer glatten Oberfläche, in der sich der Himmel spiegelt. Das beschauliche Gößl (Spielort) mit seinen Tretbooten.

»Gößl existiert immerfort, überall. Außer wir verändern es.«

Aber es bleibt dabei, ich hatte falsch geschnitten und deshalb vielleicht auch falsch gelesen. Dann tat ich’s aber äußerst lusterfüllt.

Großes Plus zudem: ein Hund ist mit dabei.


Herr Hund

4. Juli 2016

Die Entdeckung der Lässigkeit – Joshua Groß neuer Roman »Faunenschnitt«

Milos Archibald Novalsky, der »moderne Graf von St. Germain«, ist einer der faszinierendsten und zugleich unbekanntesten deutschen Schriftsteller. Seine Werke sind unauffindbar, einige wenige Originalausgaben sollen sich im Nachlass der Bibliothek von Borges befinden. Es ist wahrlich ein großes Pech für die Literaturgeschichte, dass dieser Gefährte von Brinkmann und Fauser, Bettpartner von May Spils (Regisseurin des unerreichten »Zur Sache Schätzchen«) sowie seltener Vertreter eines postmodernen, deutschen Literatursurrealismus so in Vergessenheit geriet, wie er es leider Zeit seines Lebens wollte.
Zum Glück gibt es Joshua Groß. Seine Romane, Erzählungen, Gedichte und Novellen sind auffindbar. Und mit dem diese Tage veröffentlichten Post-Roman »Faunenschnitt« entzündet er ein bengalisches Feuer, das man nicht vergessen wird und ebenso fasziniert, wie die Figur Novalsky, die durch die Buchseiten und Fußnoten geistert.
 
»Faunenschnitt« ist eines dieser Bücher, das Lektoren um den Verstand bringt: Sie verzweifeln bei dem Versuch, einen Klappentext oder eine Zusammenfassung zu verfassen. Aber sie können auch nicht davon ablassen, weil es brillant geschrieben ist. Groß gibt der deutschen Literatur eine Sprache der Lässigkeit, die man ihr nicht mehr zugetraut hätte. Und einen Roman voller schimmernder Paralleluniversen; »Wer sich mein Bewusstsein vorstellen will, muss an Perlmutt denken.« Allen, die sich fragen ›Was ist das nur für 1 Gegenwartsliteratur?‹ sei gesagt: Diese hier ist dichter, wilder, fantasievoller und smoother als das meiste andere. Sie hat etwas von der Kreativität eines Leif Randt, ohne dessen Science-Fiction, etwas von der Absurdität eines Clemens J. Setz, ohne dessen Abgründigkeit, etwas vom Erzählspiel eines Thomas Glavinic, ohne dessen Glatze – in »Faunenschnitt« geht es ›lockig‹ zu.

»Was ich hier versuche, ist so, als würde man in einem Porno nach Vertraulichkeit suchen.«

Das Intro knüpft fast nahtlos an das exploitationhafte der letzten Novelle »Magische Rosinen« an. Auf eine actionlastigen Begegnung mit einer verbissenen Muräne folgt der Auftrag für den Protagonisten Frank, als Detektiv seinem Verleger, auf Urlaub im Salzkammergut, zu helfen, ein halbes Kilo Arung – ein halluzinogenes Surf-Kraut – wiederzufinden. Als Frank jedoch am Grundlsee eintrifft, wurde bereits ein desertierter Elitesoldat (Bruno) mit dem Job beauftragt, die Anwesenheit  von Frank erübrigt sich. Soviel zum klassischen Handlungsaufbau. Dafür kehrt mit einem beigen Hund, der sich »wie ein Werwolf-Milchbrötchen« anfühlt und ein ausgemachtes Faible für Pfannkuchen hat, ein alpenwarmer Ton ein. »Der Süden war weich und ehrlich in seiner heruntergekommenen Empfindsamkeit« und alle Leser, die wie der Autor dieser Zeilen, immer eine unerklärliche Abneigung gegen die Alpenregion hatten, dürften mit diesem Buch geheilt sein. Diese Alpenwärme ist wie eine Literatur gewordene Sommerwiese am Berghang, wohl wissend, dass im Schatten auch die Kälte lauert. Diese zieht immer wieder in Form von Rückblenden vorbei und durchbricht die Wärme wie ein Segelflugzeug im Geschichtsverlauf die Oberfläche des Grundlsees.
 
Überhaupt dient der See als eine »Hohlwelt« mit einem »finsteren Kern«, als Folie für verschiedene Geschichten, die sich zum Ende des Zweiten Weltkriegs in der Region zutrugen. Der Ein-Mann-Nazijäger Simon Wiesenthal etwa vermutete hier Adolf Eichmann und der Widerstandskämpfer Albrecht Gaiswinkler sprang 1945 über dem Höllengebirge ab, um Goebbels zu finden, der am Grundlsee Urlaub machte – tot oder lebendig.
An diesen Stellen schleicht sich eine dritte Parallelwelt in »Faunenschnitt« ein, die im Gestus an die düster-verschwörerische Kleinstadt Twin Peaks aus David Lynchs gleichnamiger Serie denken lässt. Auch hier sind manche »Eulen« nicht, was sie zu sein scheinen. So wie der undurchsichtige Tretbootverkäufer Edward Talbot, dessen Vater einst an den Grundlsee kam, um Hitlers Raubkunst zu retten, der irgendetwas mit der Geldfälscheraktion »Bernhard« zu tun hat, aber auch ein Elch-Tattoo und einen wundervoll leuchtenden Kühlschrank mit Softdrinks besitzt.
Und das ist nur ein Bruchteil der Ideenwundertüte, die Groß auf schnell zu lesenden 120 Seiten aufreißt. Weiterhin im Roman zu finden: ein zu therapierender Thomas Middelhoff, postmoderne Traurigkeit, eine Dalí-Statue, ein Mädchen mit Poncho und Sinn für Kunst, der Geheimbund »Das Merkel’sche Kreuz«, Gummibärchen, Pinien, die Statik von Sonnenuntergängen, der Wald und unzählige Sprachbilder, die zwischen den surrealen Eskapaden Brautigans, der Imaginationswucht Cortazars und der Fabuliermacht des Hiphop changieren. Groß gelingt es, einen Weg zu finden, den Bebop der Beat-Poeten in die Gegenwart zu bringen – mit dem Swag von Drake und CURREN$Y.

»Es wird erst zu Veränderungen kommen, wenn die Zarten und Komplexen verstehen, dass sie in Wirklichkeit die Mutigen sind.«

Visuell eingefangen wird dieses Spiel verschiedener versteckter Welten von den Fotografien Hannah Gebauers, die im japanischen Schnitt zwischen den Seiten in Schmetterlingsbindung eingefügt sind. Hier zeigt sich wieder einmal, dass Groß mit starfruit publications den perfekten Verlag für seinen Geschichten hat. Einen, der ebenso wenig Angst vor ungewöhnlichen Wegen hat, wie sein Autor – und ein Faible für schön gemachte Bücher. Im Licht scheinen die Inhalte durch die Seiten, wer sie brutal mit einem Teppichmesser trennt, erhält zwei Welten, die auch nur auf den ersten Blick eindeutiger sind. Der Gestus des Romans wird so kongenial übersetzt.

Bereits mit seinem Coming-of-Beat-Roman »Der Trost von Telefonzellen« zeigte Groß dem langweiligen Realismus der Textschmieden der Nation den Mittelfinger. »Faunenschnitt« knüpft hier an und liefert den Beweis, dass erstens deutsche Sprache nicht per se dröge klingen muss und zweitens wir von ihm noch einiges erwarten können. Sicher ist: Langweilen wird sich mit diesem Buch niemand, dafür verabscheut es Langeweile zu sehr: »Es ist mir beinahe unangenehm die Nacht als lauwarm zu bezeichnen, aber sie war lauwarm.« Ebenso sicher: Joshua Groß bastelt bereits weiter am nächsten begehbaren Kaleidoskop, frei nach CURREN$Y: »You can grow weed but I can exhale and grow a cloud«.
 
Johannes Hertwig

19. Juni 2016

Finstere Hohlwelten

Joshuas Groß’ »Faunenschnitt« öffnet Bewusstseinstüren

Egal, von welcher Richtung her man den Plot von Joshua Groß’ genialem Anti-Roman »Faunenschnitt« zu erzählen versucht, eine Zusammenfassung klänge immer nach Klamauk: Der Ich-Erzähler Frank reist ins Salzkammergut, um für seinen Verleger Bruno den Detektiv zu spielen. Bei dem wurde eingebrochen und ein halbes Kilo Arung (ein halluzinogenes Kraut) geklaut, auf dessen Wiederbeschaffung Bruno jedoch bereits einen desertierten Elitesoldaten aus Afghanistan angesetzt hat. Damit ist die Anwesenheit des Erzählers eigentlich überflüssig. Er bleibt aber trotzdem. Am Grundlsee begegnet ihm ein Tretbootvermieter, der behauptet, sein Vater sei im Zweiten Weltkrieg als britischer Soldat in die Gegend gekommen, um Hitlers im Salzstollen eingelagerte Raubkunst zu retten, ein Segelflugzeug stürzt ab, ein Paket mit einer geklauten Dalí-Statue trifft ein. Alles ziemlich trashig.

Erstaunlich schnell jedoch kommen einem die surrealen Geschehnisse nebst aberwitzig zusammenfabulierter Rückblenden völlig plausibel vor – und genau darin liegt die Kunst der 1989 in Grünsberg geborenen Autoren-Entdeckung Joshua Groß: Er schafft es, seine Leser binnen weniger Seiten in eine Parallelwelt hineinzuziehen, die zwar immer wieder reale Anknüpfungspunkte findet, über weite Strecken jedoch gemäß einer schwer ergründlichen Traumlogik funktioniert. Poetisch-abgründige Analogien wie »Meine Lippen bebten wie betäubte Halluzinationen« erzeugen in ihrem Zusammenspiel ein Gefühl, als könne das sommerliche Flirren über dem Grundlsee jeden Moment zerreißen, um einen dahinter liegenden »finsteren Kern«, eine »Hohlwelt« zu enthüllen. Nach seinem Beruf gefragt, erwidert Frank nonchalant: »Ich baue ein begehbares Kaleidoskop.« Genau so ein Kaleidoskop hat Groß mit »Faunenschnitt« erschaffen. Und damit endlich einmal wieder das eingelöst, was die Beatniks bereits in den 1950ern versprachen: Mit Sprache unsere Wahrnehmung umstülpen, mittels Literatur Bewusstseinstüren öffnen.

Anja Kümmel

9. Juni 2016

Hirnrisse als Portale

Joshua Groß holt den magischen Realismus ins Salzkammergut

Es gibt wenige Bücher, die es sich empfiehlt mit einem Messer in der Hand zu lesen. Oder zumindest einem leidlich scharfen Papierschneider. »Faunenschnitt« ist eines davon: es leuchten einem nämlich nicht nur die von Joshua Groß erdachten Sätze in psychedelischem Rot entgegen, sondern ebenso diverse in Schmetterlingsbindung eingefügte Fotografien von Hannah Gebauer. Bzw. vielmehr – sieht man von Gewaltanwendungen gegens Papier ab – deren Rückseiten. Sollte man die Bilder lieber in ihren Verstecken belassen? Ganz offensichtlich ist diese Bindung, die mehr verhüllt als zeigt, ja absichtlich gewählt. Ein interessanter Schachzug jedenfalls, die Leser/innen alle paar Seiten erneut vor die Entscheidung zu stellen: Mysterium oder Destruktion?

Letztendlich entspricht dieses Hin- und Hergerissensein ziemlich exakt der »diffusen Epoche«, durch die der Ich-Erzähler mäandert. Schon die in postmoderner Lässigkeit nebeneinander gestellten Zitate von Ernst Jünger und Jay-Z, die das Buch eröffnen, lassen erahnen: Egal, von welcher Richtung her man den Plot zu erzählen versucht, eine Zusammenfassung klänge immer nach Klamauk. In dieser Hinsicht steht »Faunenschnitt« Groß‘ aberwitziger Roadnovelle »Magische Rosinen« (2014) in nichts nach.

Erstaunlich schnell jedoch kommen einem märchenhaft zusammenfabulierte Rückblenden, aus dem Nichts heraus abstürzende Segelflugzeuge oder Sätze wie »Dann kam eine Frau und schenkte mir einen beigen Hund« völlig plausibel vor – und genau darin liegt die Kunst des 1989 in Grünsberg (bei Nürnberg) geborenen Autors, der für sein erstaunlich umfangreiches Werk bereits mit einigen Auszeichnungen bedacht wurde: Er schafft es, seine Leser/innen binnen weniger Seiten in eine leicht verschobene Parallelwelt hineinzuziehen, die zwar immer wieder reale Anknüpfungspunkte findet, über weite Strecken jedoch gemäß einer schwer ergründlichen Traumlogik funktioniert.

Hier die nackten Fakten: Groß‘ Alter Ego Frank reist ins Salzkammergut an den Grundlsee, um für seinen Verleger Bruno und dessen Frau Karmen, eine »einflussreiche Psychologin«, den Detektiv zu spielen. Wie sich herausstellt, wurde bei den beiden eingebrochen und ein halbes Kilo Arung (ein halluzinogenes Kraut) geklaut, auf dessen Wiederbeschaffung Bruno jedoch bereits einen desertierten Elitesoldaten aus Afghanistan angesetzt hat. Damit ist die Anwesenheit des Erzählers eigentlich überflüssig, wie dieser selbst anmerkt. Er bleibt aber trotzdem.

Am See begegnet ihm ein Tretbootvermieter, der behauptet, sein Vater sei im Zweiten Weltkrieg als britischer Soldat in die Gegend gekommen, um Hitlers im Salzstollen eingelagerte Raubkunst zu retten. Etwas später trifft Frank auf eine wunderschöne blonde Frau, die aussieht wie »ein Sonett aus schwebenden Seifenblasen.«
Nebenbei stürzt ein Segelflugzeug in den Grundlsee, ein Paket mit einer geklauten Dalí-Statue trifft ein, und eine Kaffeemaschine wird rituell verbrannt. Außerdem beginnt sich Frank intensiv mit den möglicherweise fingierten Briefen des möglicherweise fingierten Schriftstellers Miloš Ru Novalsky zu befassen. Und natürlich mit seinem neuen Weggefährten, dem beigen Hund, der sich anfühlt wie ein »Werwolf-Milchbrötchen« und den er kurzerhand nach dem mysteriösen Dichter benennt.

Wie gesagt: Klingt alles ziemlich trashig. Ein bisschen Thriller, ein bisschen »Monuments Men«, etwas Heimatroman, etwas Drogenrausch, ein Schuss Romanze. Dass der verworrene Plot allerdings durchaus mit Sinn und Verstand ersonnen wurde, darauf verweisen schon die poetisch-abgründigen Analogien, die Groß immer wieder einflicht.

»Meine Lippen bebten wie betäubte Halluzinationen«
heißt es da,
»Die Sonne lag dem Gras im Nacken«
oder
»Der Kies schäumte röchelnd.«

In ihrem Zusammenwirken erzeugen die auf den ersten Blick humoristischen Sprachspielereien ein Gefühl, als könne das sommerliche Flirren über dem Tal jeden Moment zerreißen, um einen dahinter liegenden »finsteren Kern«, eine »Hohlwelt« zu enthüllen. Tatsächlich äußert Frank wiederholt die Vermutung, unter dem Grundlsee, der in seiner Omnipräsenz selbst als ständig changierende Metapher fungiert, könnten sich weitere, unterirdische Seen befinden – eine Idee, die unter anderem an Italo Calvinos »Die unsichtbaren Städte« erinnert:

»Eine unsichtbare Landschaft konditioniert die sichtbare.«

Mehr und mehr erscheint die Realität durch eine diffuse Bedrohung verschleiert, die sich nur in bestimmten Momenten offenbart. So ergreift den Erzähler, als er durchs Fenster in das leere Haus von Bruno und Karmen starrt, eine Ahnung,
»als wäre der gelöste Dynamo des Tages, der alles in endlose Helligkeit hüllte, hier drinnen umgestülpt.«
Und Bruno mutmaßt, unter dem bewusstseinserweiternden Einfluss einer Arungzigarette:
»Es ist, als wäre der Einbruch nur der Ausschuss einer Realität gewesen, die sich weigert, uns mit dem Unheimlichen zu konfrontieren.«
Beständig kratzt Groß an der äußerlich sichtbaren Realität; beständig ist sein Ich-Erzähler bestrebt, unter die Oberfläche zu dringen, um den Dingen ihr zweites, drittes, viertes Gesicht abzuringen:

»Innerlich versuchte ich, meine Hirnrisse als Portale zu nutzen, versuchte, auf eine andere Seite zu gelangen, um mir irgendwann die Wunden von der Stirn wischen zu können.«

Manchen mag dieser rauschhaft-spirituelle Tonfall ein bisschen zu abgehoben klingen. Doch erfreulicherweise nehmen sich weder der Autor noch sein Erzähler mit ihren Vorstößen in unbekannte Hirnregionen allzu ernst. (Neben dem Briefkonvolut von Miloš Ru Novalsky liest Frank ganz gerne auch mal ein paar »Lustige Taschenbücher«.) Ohne den mystischen Unterstrom des Textes je ganz aus den Augen zu verlieren, entwirft Groß eine erfrischend respektlose Melange aus Hoch- und Popkultur, Politik- und Literaturkritik. Und stellt – so schräg seine Bilder bisweilen auch anmuten mögen – einige ziemlich zutreffende Zeitgeistdiagnosen. Während Bruno und Karmen obsessiv Roland Kaiser hören, ergötzt sich Frank an Rappern wie Curren$y oder Boosie Badazz – und schaut man sich die Lyrics sämtlicher genannter Interpreten einmal an, muss man sagen, dass sie dem Flow von »Faunenschnitt« durchaus entsprechen.

Neben allem Stochern im Unbewussten hat Groß auch noch ein paar bitterböse Kommentare zum aktuellen politischen Geschehen auf Lager: So befindet sich unter Karmens Patient/innen nicht nur der straffällig gewordene ehemalige Manager Thomas Middelhoff, sondern auch die Vorsitzende einer konterrevolutionären Untergrundbewegung namens »Das Merkel’sche Kreuz«.

Auch Thomas Pynchons »Die Enden der Parabel« bekommt einen kurzen Auftritt – schließlich enthält »Faunenschnitt« selbst das ein oder andere pynchoneske Element. Gleich Gebauers Farbfotografien schimmern (reale wie fiktive) vergangene Ereignisse durchs Jetzt, sei es in Form einer bissigen Muräne, die sich Frank im letzten Italienurlaub einfing, oder in Form von Waggons voller Nazi-Raubkunst, die seit über 70 Jahren als geisterhafte Kolonne von Paris nach Neuschwanstein rollen. Die Möglichkeit einer parallelen Geschichtsschreibung, in der sich die Zeit nicht eindimensional und linear voranbewegt, ist stets Teil des Groß‘schen Raum-Zeit-Kontinuums. Utopische Stränge verschlingen sich mit einem apokalyptischen Hintergrundrauschen, auf das bereits der Titel verweist: Der Begriff »Faunenschnitt« bezeichnet ein massenhaftes Artensterben, das erdgeschichtlich gesehen mehr oder minder ausgeprägt an einzelnen Epochenübergängen stattfand. Auch hier sind also wieder die Transgressionen und Brüche interessant – auch wenn (oder gerade weil) sie mit Zerstörung einhergehen.

Nach über einem halben Jahrhundert löst endlich mal wieder ein Literat das ein, was die Beatniks in den 1950ern versprachen: Mit Sprache unsere Wahrnehmung umstülpen, mittels Literatur Bewusstseinstüren öffnen. Und damit lässt sich über »Faunenschnitt« so ungefähr das behaupten, was Frank an Curren$ys Cigarette Boats EP so hoch schätzt:

»Sie klingt, wie die deutsche Gegenwartsliteratur nie klingen wird.«

Wer genug hat vom Einheitsbrei realistisch erzählter Befindlichkeitsprosa, muss aber nicht zwangsläufig Hip Hop hören – er oder sie kann auch einfach Joshua Groß lesen.

Anja Kümmel

5. Juni 2016

Das schöne Buch: Joshua Groß »Faunenschnitt«

Der Schriftsteller Joshua Groß scheint abonniert zu sein auf aufwendig gestaltete Bücher. Sein letzter Roman »Magische Rosinen« wurde von der Stiftung Buchkunst als eines der 25 schönsten deutschen Bücher ausgezeichnet. Nun ist sein neuer, wiederum sehr schön gestalteter Roman erschienen.
Auf den ersten Blick gleicht der Grundlsee am nördlichen Alpenrand einem Idyll. Die Sonne spiegelt sich im Wasser und an den Ufern des See ragen die Ausläufer des Toten Gebirges majestätisch in die Höhe. Doch wirklich tot ist am Grundlsee nichts, vor allem die Vergangenheit nicht. Hierhin verschlägt es einen jungen Autor, als dessen Verleger Bruno und seine Freundin Karmen ausgeraubt werden. Die Diebe haben ganze Säcke eines halluzinogenen Heilkrautes gestohlen und der Schriftsteller soll nun dabei helfen, das Verbrechen aufzuklären.
»Dann sagte er: ›Es ist, als wäre der Einbruch nur der Ausschluss einer Realität gewesen, die sich weigert, uns mit dem Unheimlichen zu konfrontieren. Wenn wir mal davon absehen, dass der Einbruch an sich schon unheimlich ist. Mir war es egal. Aber Karmen brauchte schon ein paar Tage, bis sie sich hier wieder wohl fühlte.‹ Ich fragte Bruno, ob ich hier sei, um das Unheimliche für sie zu verbannen. Bruno antwortete, dass ich hier sei, um es zu verstehen.«
Das Unheimliche zu verstehen – das ist wohl das wichtigste Anliegen in Joshua Groß' neuem Roman, der sich suchend an die Abgründe der Welt herantastet. Die Einbruchsserie am Grundlsee dient als loser Rahmen für eine spielerische und vor allem bildreiche Erzählung. Da ragen Bergrücken aus dem Nebel wie auftauchende Buckelwale. Und versteinerte Wolken erinnern den Autor an die Ruinen längst verblichener Pharaonenträume. Zunehmend kreisen diese Bilder um ein Thema: das Böse.

»›Heimat‹, meinte Bruno: ›Was für ein jämmerliches Wort, könnte man meinen. Hier, wo so viele Nazis unbehelligt weiter gelebt haben. All die Reichtümer, die sie nach dem zweiten Weltkrieg angeschleppt haben, all die Fäulnis. All die Verschwiegenheit (oder nennen wir es Heuchelei), die sich dem Reichtum unterordnet. Der Reichtum der anderen oder eigenen Angst...‹«

Joshua Groß neuer Roman ist ein Kriminalroman im doppelten Sinn. So wie der erzählende Autor muss auch der Leser das Rätsel um das gestohlene Heilkraut lösen. Und er muss sich aus den Bildern und Episoden des Romans einen eigenen Weltentwurf zurechtlegen, der das Gute mit dem Bösen in Einklang bringt, und die Idylle des Sees mit den Verbrechen, die dort geschehen.

»Ich schwamm in den finsteren See hinein. In uferlosen Wassern beginne ich, immer wieder von neuem, an Ungeheuer zu glauben: so, als wäre jede räumliche Erschütterung, jedes diffuse Gebiet, das wir nicht ermessen können, ein Biotop für Monster. Unser Ermessen schlägt im Ungewohnten fehl. Ist ein ganzer See ungewohnt? Ist ein ganzer See nur die Absicht, die wir ihm unterstellen?«

Schon mit seinen vorangegangenen Büchern, »Der Trost von Telefonzellen« und »Magische Rosinen«, hat Joshua Groß ausgesprochen schöne Bücher vorgelegt. Auch »Faunenschnitt« ist ein bibliophiles Schmuckstück: Auf dem orange-rotem Umschlag taucht ein Mann durchs Wasser. Passend dazu leuchten die Buchstaben des Textes in einem tiefen, warmen Rot. Zudem hat Hannah Gebauer den Roman um Fotografien des Sees ergänzt, die in schicker Schmetterlingsbindung im Buch eingefasst sind. Gelungen halten sie eine Schönheit fest, hinter der jederzeit der Schrecken lauert.

»Und doch existierte unter Gößl ein finsterer Kern, den niemand kannte. Und weil dieser Kern zwar existieren durfte, aber nicht unerkannt, kamen Einbrüche und Stillschweigen überein, ein saugendes Unbehagen zu erschaffen, das von den Zarten, von den Komplexen deutlich wahrgenommen wurde und sie verunsichern sollte.«

»Faunenschnitt« ist ein Buch für den beginnenden Sommer. Nach der Lektüre bleibt zwar Einiges so geheimnisvoll wie die Stille des Sees, aber genau darin liegt auch die Stärke des Buches: es macht unsere rationale und durcherklärte Welt wieder ein Stück rätselhafter.
Tino Dallmann

1.6.2016

Phantasie mit PH

Der Realist fürchtet die Phantasie, nicht umgekehrt. Bei uns in Deutschland besteht der Literaturbetrieb letztendlich nur aus Feiglingen und Verrätern. Zumindest zu 99 Prozent. Und es sieht nicht danach aus, als würde sich hier in absehbarer Zeit irgendetwas ändern. Wer die Phantasie und den Surrealismus so verachtet wie die deutschen Schriftsteller und Kritiker und Professoren, dem bleibt nur übrig, weiterhin ambitionslose, mittelmäßige und nicht überdauernde Kunst zu produzieren. Eine Kunst der Feigheit. Eine Kunst des Verrats, Eine Kunst, die keine Kunst ist, sondern Langeweile.
Diese im Original weit umfänglichere Anklage findet sich gegen Schluss des alles andere als langweiligen dritten Romans von Joshua Groß, dem die Nürnberger Fotografin und Bildhauerin Hannah Gebauer eine sehr eigenwillige vierte Buchdimension hinzugibt. Versteckt ist die Anklage in einer Fußnote, die, aus einem imaginären »Deutschen Literaturalmanach« (4. Aufl., Heilbronn 2008) zitierend, Leben/Werk/Programmatik des fiktiven Schriftstellers Milos Archibald Novalsky entwirft, der auch im Roman auftaucht. 1940 in München während eines Luftangriffs der Franzosen geboren, Anglistik, Orientalistik und Ethnologie studiert, oft im Nahen Osten sowie in Indien und Thailand gewesen, regelmäßig für die »Süddeutsche« geschrieben, eine Nebenrolle in May Spils »Zur Sache Schätzchen« und zweimal eine Affäre mit ihr gehabt, mit Jörg Fauser bekannt, Drehbuchautor unrealisierter Filme wie »Vier Gallonen Gallenstein«, dazu Gedichtbände wie »Acid & Birnenernte«, den Roman »Ein moderner Graf von St. Germain«, ein unveröffentlichtes dreitägiges Gespräch mit Reich-Ranicki, eine begonnene Korrespondenz mit Ernst Jünger, Essays wie »Der Realist fürchtet die Phantasie, nicht umgekehrt: Zur Realitätshörigkeit der deutschen Literatur« oder »Dein Werk ist alles minus die Wirklichkeit: Zum Tod von Jorge Luis Borges«.

Der Einheitsbrei des mittelmäßigen Realismus

Die Phantasie übrigens – dies meine Anmerkung – wurde ohne größere Gegenwehr bei der letzten Rechtschreibreform des »Ph« beraubt und heißt jetzt schlicht Fantasie, namensgleich fast mit der Fantasy. Der Phallus hingegen wurde zu keinem Fallus, was gewiss die Genderverhältnisse der Kommission widerspiegelt. Milos Archibald Novalsky, hinter dem wir getrost einen programmatischen Joshua Groß vermuten können, sieht in der deutschen Literatur auf breiter Front das Mittelmaß am Werk. Eine große »Vision der Langeweile«, weil »nichts einfacher zu produzieren ist als mittelmäßiger Realismus«. Es sei der einfache Weg ohne Widerstände, in Schreibkursen und bei Texttreffen gefördert. »Wer sich dem mittelmäßigen Realismus verschreibt, erzielt am schnellsten Erfolge. Aber darüber hinaus erwächst kein Werk, kein Stil, keine Eigenheit, keine Besonderheit, nichts Bleibendes. Daraus erwächst nichts als ambitionsloser Einheitsbrei.«
In Wirklichkeit, heißt es in einer anderen Fußnote, ist die Kunst nie realistisch.

Goebbels macht Urlaub im Salzkammergut

Der 1989 geborene Joshua Groß, wohnhaft in Nürnberg, geht aufs Ganze. Er will nicht langweilen, nicht kleinkariert und zaghaft sein, er tanzt uns auf vielen Nasen. Gleich im zweiten Absatz von »Faunenschnitt« kommt das Arung vor, auch Dachskraut oder weißer Dolmetscher, Universumsfinger, badgers dream oder Perzeptionskraut genannt. Eine bewusstseinserweiternde Pflanze, vor allem in der amerikanischen Surfmusik der 1960er Jahre zum ultimativen Heilkraut stilisiert, behauptet die erste der insgesamt zehn Fußnoten des Buches, von denen einige der Wahrheit und die meisten der Phantasie entstammen. Echt ist zum Beispiel das Zitat in Fußnote 5 aus »Auf den Spuren der Partisanen. Zeitgeschichtliche Wanderungen im Salzkammergut« (2006) und die zugehörige Buchepisode, in der es um die Geheimaktion des österreichischen Widerstandskämpfers Albrecht Gaiswinkler geht, der am 8. April 1945 vom britischen Geheimdienst per Fallschirm über dem Höllengebirge abgesetzt wurde, allerdings über dem falschen Kamm (das Gebirge heißt wirklich so), um Joseph Goebbels zu verhaften oder zu erschießen, der am Grundlsee im Salzkammergut Urlaub machte.

Was würde Astrid Lindgren machen?

Historisch verbürgt ist auch die Aktion Bernhard, die große Geldfälschungsaktion des Sicherheitsdienstes (SD) im Reichssicherheitshauptamt, deren Druckplatten im Toplitzsee landeten (und auch dem Film »Die Fälscher« zugrunde lagen). Louis Armstrong hat tatsächlich in Nürnberg ein Konzert gegeben, Person der Zeitgeschichte ist Thomas Middelhoff, der als Patient einer Therapeutin vorkommt und davon überzeugt ist, ehrenvoll zu sein. Real ist Boosie Badazz, bis 2014 bekannt als Lil Boosie, ein afroamerikanischer Rapper aus Baton Rouge, dessen Lyrics sich »wie eine nahezu vollständige Sammlung menschlichen Zweifels« anfühlen. Überhaupt HipHop – Joshua Groß ist da ein Prophet. Die EP (extended play) »Cigarette Boats« des Rappers Curren$y zählt er zu den größten Errungenschaften der neueren Rap-Geschichte, weil »sie klingt, wie die deutsche Gegenwartsliteratur nie klingen wird«. Einer der »ermessensten Verse« sei darin der von Styles P. in »Way Out Here (WOH)«, dessen Reime alles haben, »um zu einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit zu werden, die Sehnsucht konserviert«. Zitat: »You can grow weed but I can exhale und grow a cloud.« (Du magst das Gras aufziehen, aber ich atme aus und lasse eine Wolke wachsen.)

»Alles, was hier steht, altert anders als ich«

Sommerfrische im Salzkammergut, immer wieder ein Ort namens Gößl. Kapitel mit Ruinen verblichener Pharaonenträume, heruntergekommener Empfindsamkeit, einer bissigen Muräne, einem veganen Hund, Ablenkungstherapie, Blaulicht aus der Konservendose, undurchsichtigen Beschwörungsformeln, Most, einem Waranendichter, vernebeltem Sonnendenken, Eisvögeln und Erdumdrehung und der Frage: Was würde Astrid Lindgren machen? Eine Terrorgruppe namens »Das Merkel’sche Kreuz« stürmt das ZDF-Hauptstadtstudio, und aus Solidarität senden alle öffentlich-rechtlichen Anstalten das Programm des ZDF. In einem frühen Absatz über Frauen, die keine BHs tragen, verkündet der Autor, dreiste Zartheit und merkwürdige Zweifel vereinen zu wollen: »Was ich hier versuche, ist so, als würde man in einem Porno nach Vertraulichkeit suchen … Und mein Hustle hält an. Ich werde mich mythologisch so aufladen, dass ich nach meinem Tod zu einem Sternbild werde.«
An anderer Stelle heißt es: »Alles, was hier steht, altert anders als ich.« Nach seinem Beruf gefragt, antwortet der Ich-Erzähler einmal: »Ich baue ein begehbares Kaleidoskop.« Alles Irdische, sagt das Buch anderswo, ist nur eine Brausetablette.
Joshua Groß will nicht langweilig sein. Kann er gar nicht. Er gehört zu unseren Ausnahmeautoren, trinkt als Narr den Nektar himmelaufwärts, um den fränkischen Schriftstellerpatron Jean Paul zu zitieren.

Sahra Wagenknecht hatte keine Einwände

»Bewusstseinspfannkuchen« hieß seine kurze surreale Erzählung, den Lyrikband »Ich will dich nicht ins Unendliche weiterdenken« gab es nur in einer limitierten Auflage von 72 Stück. Die größere Erzählung »Magische Rosinen« trug den Untertitel: »Die Geschichte von Mascarpone und Sahra Wagenknecht. Novelle aus dem Spätkapitalismus« und kam dem jungen Deutsch-Rapper und der linken Politikerin ganz schön frech nahe: »Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zwar beabsichtigt, die Figuren dieses Buches sollten aber nicht mit ihren Vorbildern verwechselt werden.« Aus dem Büro von Sahra Wagenknecht hieß es auf vorsichtige Anfrage des Verlages, sie sei die Letzte, die in die Freiheit der Kunst eingreifen werde. »Der Trost von Telefonzellen« war der Titel des Debütromans von Joshua Groß. Zwei junge Bohemiens rollen darin in einem alten VW-Bus durch Franken, sind auf der Suche nach dem Sinn des Lebens oder zumindest nach einer coolen Haltung, rauchen Wasserpfeife und kiffen sich was. Der eine ist angehender Maler, der Erzähler Emil ein Lyriker, der in Songzitaten schwelgt. Erhellendes von Joshua Groß über Hip-Hop findet sich übrigens im Suhrkamp-Logbuch.
Die Kritik sah in den »Telefonzellen« die amerikanische Beatnik-Literatur eines Richard Brautigan, Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs ebenso gespiegelt wie den magischen Realismus eines Julio Cortázar. Ganz schön viel Lob für ein Debüt. Der Roman interagierte aufs Schönste mit den Fotos von Philippe Gerlach. Nicht jeder Verlag würde so etwas ermöglichen. Joshua Groß ist da in einem guten, feinen Haus.

Lesen mit scharfem Messer

Der starfruit-Verlag in Fürth wird von Manfred Rothenberger, dem Leiter des Instituts für moderne Kunst in Nürnberg, geführt. Die Bücher sind nicht nur, wie man so gern pauschal sagt, bestens ausgestattet. Sie unternehmen einen künstlerischer Austausch von Wortkunst und Bildkunst, sind immer wieder Kandidaten für die schönsten Bücher des Jahres der Stiftung Buchkunst. So auch die »Magischen Rosinen« von Joshua Groß, die ein Schwarzweiß-Fotoessay von Philippe Gerlach begleitete. Die Nürnberger Fotografin und Bildhauerin Hannah Gebauer, die Groß’ Gedichtband komplimentierte, gibt nun auch »Faunenschnitt« eine im buchstäblichen Sinne zusätzliche Dimension.
So viel sei verraten: Sie brauchen als Leser ein scharfes Messer dazu. Und den notwendigen Willensakt. Selten spürte ich so viel Gänsehaut bei der Aneignung eines Buches wie bei der Lektüre von „Faunenschnitt“. Dieses Buch ist eine außergewöhnliche Erfahrung, der Spaßfaktor dabei hoch. Eine Frischzellenkur für die Perzeption. Auf der vorletzten Romanseite notiert der Erzähler: »Es wird erst zu Veränderungen kommen, wenn die Zarten und Komplexen verstehen, dass sie in Wirklichkeit die Mutigen sind.«

HKS 13 und die Credits

Gestaltet wurde das Buch von Timo Reger, Nürnberg. Die Herstellung besorgte die DZA Druckerei zu Altenburg, die auf eine 400jährige Geschichte zurückblicken kann.
Farblich nimmt die Typografie direkten Bezug auf den temporeichen Text. Die Egyptienne, 1956 von Adrian Frutiger entworfen, als Grund- und Headlineschrift, zitiert sowohl den klassischen Kriminalroman, die Ästhetik des Film Noir wie auch die Plattencover des Cool Jazz und des Bebop. Dies wird ironisch gebrochen durch die durchgehend verwendete Farbe Rot für die komplette Typografie des Innenteils. Der warme Rotton (HKS 13) entspricht dem Klang des Textes und steigert den Kontrast zwischen Schrift und Bild. Die Fotografien Hannah Gebauers entstanden On-Location in Gössl am Grundlsee in Österreich, dem Hauptschauplatz des Textes. Sie ergänzen die Handlung um assoziative Räume. Gedruckt wurde »Faunenschnitt« auf FLY Weiß 05, einem spezialgeglätteten Natur-Papier mit 1,2-fachem Volumen von Papier-Union (80 g/qm) mit angenehmer Haptik und guter Farbwiedergabe. Die doppelseitigen, randabfallenden Fotos sind in Schmetterlingsbindung zwischen die verschiedenen Textlagen eingebunden. Man kann sie nur betrachten, indem man wie durch ein Schlüsselloch von oben oder unten in die geschlossen Seiten blickt oder indem man die Seiten aufreißt oder schneidet und dabei in Kauf nimmt, Bild und Buch zu beschädigen. Diese Möglichkeit der Interaktion mit dem Buchobjekt war ein wesentlicher Aspekt der Konzeption, den Hannah Gebauer in den Gestaltungsprozess einbrachte.
Die Erstauflage mit 1.500 Exemplaren verspricht, eine bibliophile Rarität zu werden. Joshua Groß muss man aber nicht nur deshalb im Auge behalten.

PS: »Faunenschnitt bezeichnet das plötzliche Verschwinden von vielen zuvor prägenden Organismen zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Erdgeschichte, etwa durch das Massensterben von Organismen. Man darf bei dem Buchtitel aber auch an den römischen Halbgott denken, Pendant des griechischen Pan, an Mallarmés Gedicht »L’Après-midi d’un faune« (ca. 1866) und an Debussys Vertonung »Vorspiel zum Nachmittag eines Fauns«, außerdem steckt Joshua Groß genug Bargfeld’sches hinein, damit man auch eine Verbeugung vor Arno Schmidt und seinem Kurzroman »Aus dem Leben eines Fauns« sehen kann.

PPS: In der Neuzeit wurde der Begriff Perzeption von René Descartes als »perceptio ab imaginatione et a sensibus« (Erfassen durch Vorstellung und Sinne) definiert. Gottfried Wilhelm Leibniz rückte auch Schlaf und Traum, das ganze Thema des Unbewussten hinzu. »Auf ihnen beruhen unsere unbestimmten Eindrücke, unser Geschmack, unsere Wahrnehmungsbilder der sinnlichen Qualitäten, welche alle in ihrem Zusammensein klar, jedoch ihren einzelnen Teilen nach verworren sind; auf ihnen beruhen die ins Unendliche gehenden Eindrücke, die die uns umgebenden Körper auf uns machen, und somit die Verknüpfung, in der jedes Wesen mit dem übrigen Universum steht. Ja man kann sagen, dass vermöge dieser kleinen Perzeptionen die Gegenwart mit der Zukunft schwanger geht und mit der Vergangenheit erfüllt ist, dass alles miteinander zusammenstimmt und dass Augen, die so durchdringend wären wie die Gottes, in der geringsten Substanz die ganze Reihenfolge der Bewegungen des Universums lesen könnten.« (Aus: »Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand«, Einleitung)

Alf Mayer

1. Juni 2016

Joshua Groß – Faunenschnitt

Dieses in Orange eingebundene Buch ist schon durch seine Gestaltung eine Besonderheit: der Text ist in sattem Rot gedruckt, außerdem sind Fotografien der Künstlerin Hannah Gebauer eingefügt, die entdeckt werden wollen.
Und zwar ganz konkret: sie sind in Schmetterlingsbindung gebunden, d.h., man muss ihnen mit dem Messer zu Leibe rücken, um sie sehen zu können. Will man das dem Buch nicht antun, kann man die Fotoseiten auch gegen die Sonne halten, dann sieht man sie zart durchschimmern. Dieses Sich-Eröffnen hat eine andere Qualität als einfaches Anschauen!
Die in blau-grau-grün-Tönen gehaltenen Fotos bilden farblich ein Gegengewicht zum Druck, inhaltlich geben sie den Hintergrund zur Geschichte.
 
Der Ich-Erzähler Frank erhält einen Anruf von seinem Verleger Bruno, als er gerade in Florenz ist. Bei Bruno ist eingebrochen worden, Frank soll sofort ins Salzkammergut fahren und helfen, den Diebstahl aufzuklären.
Frank, der soeben erst Livorno verlassen hat, wo er eine unangenehme Begegnung mit einer Muräne hatte – sie hatte sich beim Baden in seine Wade verbissen, er schleifte das zwei Meter lange Tier hinter sich her bis zur Promenade, wo eine beherzte junge Frau das Tier köpfte und ihn damit von dieser außergewöhnlichen Last befreite(!).
Kaum von diesem Schrecken erholt, fährt er also an den Grundlsee. Soeben ausgestiegen, bekommt er am Bahnhof einen beigen Hund geschenkt, den Frank auf den Namen Ru tauft, zu Ehren des Schriftstellers Milos Ru Novalsky, dessen Roman »Ein moderner Graf von St. Germain« er schon vierzehn Mal gelesen hat.  
Frank fährt zu Bruno und dessen Partnerin Karmen, einer Psychologin. Später und immer wieder geht Frank am Ufer spazieren, dort lernt er den Bootsverleiher Edward kennen, erlebt den Absturz eines Segelflugzeuges auf dem Wasser (zwei Personen, eine davon ist Karmen, klettern aus dem Flugzeug, es ist also niemandem etwas passiert). Er erhält ein Paket von seinem Freund Alfred, das eine Elefanten-Statue von Dalí enthält (diese soll später verkauft werden, denn Alfred verdient sich manchmal etwas Geld dazu).
Eines Nachmittags trifft er im Wald Sofia, die ihm von ihrer Kräuterzigarette anbietet. Das Arung, das hier geraucht wird, ist das bei dem Einbruch entwendete, Sofia bekommt es von Alan geschenkt, der schwer bedröhnt seitdem in einem kleinen Zelt lebt. Frank verliebt sich in Sofia.
Am Ende der Geschichte brechen sie zusammen nach Tschechien auf, nach Most, wo es eine Statue von Edward Kelley gibt, einem Alchimisten, dem die Ohren abgeschnitten wurden, weil er es nicht geschafft hatte, Gold herzustellen. Die beiden wollen nachschauen, ob die Statue Ohren hat oder nicht.
Davor wird aber noch der Bootsverleiher Edward Talbot, Sohn eines englischen Vaters, der am Ende des Zweiten Weltkrieges in der Gegend lebte, ermordet. In seinem Keller finden Frank und Bruno Druckplatten: könnten das die Platten sein, mit welchen Hitler Pfundnoten herstellen ließ, um durch eine Hyperinflation England zu destabilisieren? Diese »Aktion Bernhard« gab es wirklich, die Druckplatten wurden im Toplitzsee versenkt, Ende der 50er Jahre hat man einige davon geborgen. Und die Nachbarn hörten jede Nacht Geräusche aus Eddies Keller.
 
Das ist groben Zügen die Handlung des Buches, die so verkürzt wiedergegeben vielleicht etwas absurd klingen mag.
Ich hoffe, dass diese Inhaltsangabe niemanden davon abhalten wird, das Buch zu lesen, denn es bietet viel mehr und ganz anderes als dieser Plot vermuten lässt.
   
Groß stürzt den Leser in ein Kaleidoskop von Mosaiksteinchen, die wunderlich zusammengesetzt werden.
Jedes Steinchen für sich genommen ist der Realität entlehnt (siehe Inhaltsangabe), aber wie er sie zusammenbaut und zusammenschüttelt, sprengt das, was gemeinhin als Realität empfunden wird. Der Held ist ein junger Mann auf der Suche, raucht gerne betörende Arung-Zigaretten (der Verleger tut kaum etwas anderes), er liebt die schönen Mädchen, er mag den beigen Hund. Er ist manchmal trotzig, manchmal schlitzohrig, vor allem aber ist er ein »Möglichkeiten-Zauberer«. Diese Bezeichnung ist dem Buch »Wie der Soldat das Grammofon repariert« von Sasa Stanisic entlehnt, ich finde, sie passt hier vortrefflich.
 
Hier einige Aussagen Franks, der übrigens Perseus extrem ähnlich sieht:
»Ich baue ein begehbares Kaleidoskop.«
(Das bedeutet, er ist Schriftsteller.)
»Eigentlich will ich meine Ängste akzeptieren. Und ich will dabei helfen, die Postmoderne zu überwinden.
Die Postmoderne und den Kapitalismus. Eines bedingt irgendwie das andere. Und ich möchte mutig sein.«
»Ich versuche hier etwas anderes. Ich versuche hier, dreiste Zartheit und merkwürdige Zweifel zu vereinen.«
 
Frank liebt symbolische Akte, da er erkannt hat, dass auch ein noch so präzise arbeitender Dichter die Wirklichkeit nicht abbilden kann. Dazu ist sie viel zu flüchtig. In einer schönen Szene arrangiert er eine Pad-Kaffeemaschine (Sinnbild hochgradiger kapitalistischer Verschwendung und schlechten Geschmacks) auf Brunos Terrasse. Daneben stellt er den Elefanten Dalís und Ru. Er zündet die Kaffeemaschine an, entfernt den Sichtschutz von der Terrasse und erfreut sich an diesem Anblick.
»Alle sollten sehen, wie Ru und Dalís Elefant vor einer brennenden Kaffeemaschine hockten. Alle sollten sehen, wie die seelenlose Raffgier abfackelte. Ich stieß anhaltendes, hohes Kriegsgeheul aus, bis ich mich selbst ausfüllte.
Dann tanzte ich singend um das Feuer.«
 
In dieser Aktion überwindet er Postmoderne und Kapitalismus, wie er es sich vorgenommen hat. Später macht er sich Notizen davon. Karmens Gemüt beruhigt er mit Kaffee aus einer klassischen Espressokanne.
Karmen ist selbst Teil einer Performance geworden, indem sie zu einem Patienten ins Flugzeug stieg, der den Absturz und die Bergung der Maschine geplant hatte. Dass ihre Ablenkungstherapie so endet, hatte sie nicht geahnt, aber was zählt, ist dass sie winkend dem Flugzeug entsteigen konnte. Sofia ist übrigens eine der Studentinnen, die das Flugzeug bergen, was für ein schöner Zufall.
Ohne die Performance wären sich Frank und Sofia, dieses »Sonett aus schwebenden Seifenblasen«, nicht begegnet....
 
Dieses kleinen Szenen setzen die Bilder zusammen.
Erst beim zweiten Lesen erschließen sich die vielen inneren Verbindungslinien, Vor- und Zurücksprünge und ich denke, eine dritte oder vierte Lektüre bringt wieder andere unterirdische Linien hervor. Oder wie Groß schreibt:
 
»Ich befand mich 708 Meter über dem Meeresspiegel, unter mir gab es genug Platz für Wasserschlangen.¡
 
Die »Zarten und Komplexen« tauchen mehrfach auf.
»Im Diffusen konnten sich die Polemiker profilieren, wir alle wurden empfänglich für Verschwörungstheorien, die Paranoia wuchs, und die anderen, die nicht einfältig waren oder geltungssüchtig, die Zarten, die Komplexen, sahen aus wie Feiglinge, weil sie offenbar abhanden kamen.« (S. 18)
Er denkt über Gößl, die Stadt am Grundlsee, nach:
»Alle wussten alles. Nicht, dass ich diese Ahnung beweisen konnte, aber ohne gegenseitige Überwachung (also Mutlosigkeit und Misstrauen) gibt es keine Heuchelei. Und doch existierte unter Gößl ein finsterer Kern, den niemand kannte. Und weil dieser Kern zwar existieren durfte, aber nicht unerkannt, kamen Einbrüche und Stillschweigen überein, ein saugendes Unbehagen zu erschaffen, das von den Zarten, von den Komplexen deutlich wahrgenommen wurde und sie verunsichern sollte.« (S. 87)
Später, in seiner Abschiedsnotiz an Bruno schreibt er:
»Es wird erst zu Veränderungen kommen, wenn die Zarten und Komplexen verstehen, dass sie in Wirklichkeit die Mutigen sind.« (S. 109)
 
Groß'  Roman – zu einem solchen wird er erst, wenn man sich auf kaleidoskopisches Lesen eingelassen hat – kreist um Helden, die zart und komplex sind, wie der Roman selbst. Alle Personen, die ihn bewohnen, wirken wie aus der Zeit gefallen, vom etwa zwei- bis vierjährigen Hund, bis zum sogenannten »Waranendichter«, der die Eigenschaft hat, überall gleichzeitig sein zu können.
 
Das Buch ist ein Abenteuer, schnelles Durchlesen auf der Suche nach markanten Stellen bringt keinen Genuss.
Man muss sich den Text ebenso eröffnen wie die Fotos, nicht mit Hilfe eines beherzten Schnittes, sondern mit Hilfe von Veränderungsbereitschaft.  
 
»Faunenschnitt« ist übrigens ein Begriff aus der Geologie.
Er bezeichnet ein plötzliches Massenaussterben bestimmter Organismen, die zuvor prägend waren.
Könnte das auf die Geschichte bezogen bedeuten, dass es dann Platz für die Zarten gibt?
 
Petra Lohrmann

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