Joshua Groß
Philippe Gerlach

Der Trost von Telefonzellen

Herausgeber: Manfred Rothenberger und Institut für moderne Kunst Nürnberg
Gestaltung: Timo Reger
Text: Joshua Groß
Fotografien: Philippe Gerlach

288 Seiten mit zahlreichen Farb- und Schwarzweißabbildungen
Flexcover; 21,5 x 15 cm
Deutsch | Euro 24,00
ISBN 978-3-922895-24-4

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Titel Der Trost von Telefonzellen

»Der Trost von Telefonzellen« verbindet den Debutroman von Joshua Groß mit Fotografien von Philippe Gerlach.
Dieses Buch handelt von Freundschaft und Liebe, von der Suche nach Identität, von Zweifeln an der Erwachsenenwelt und an den bestehenden Verhältnissen.

Zum Roman:
An einem heißen Junitag brechen Emil Mino und Luca Tasso aus ihrem verfestigten Lebensalltag aus, was sie in der Folge von Studenten zu Kleinunternehmern, zu Gründern eines Musikfestivals (»Woodstock11«) und Pionieren einer rasch ausufernden Jugendbewegung, zu Störern der öffentlichen Ordnung und schließlich zu verfolgten Detektiven machen wird.
Lucas Liebeskummer ist Auslöser für die Eröffnung eines Bücherverkaufstands an einer abgelegenen Landstraße in Franken (»Es wäre die Sympathisierung mit der Tragödie, hier den Kapitalismus zu testen, der in uns ist.«). Diese Aktion bringt nicht nur das Leben der beiden Protagonisten, sondern in der Folge auch das ihrer Umgebung gründlich durcheinander und erweist sich als Keimzelle immer mehr aus dem Ruder laufender Ereignisse, die schließlich in einem Ort namens Flashcity kulminieren …
Der Text von Joshua Groß enthält zahlreiche Anspielungen auf Pop-Kultur (insbesondere Hip-Hop), auf B-Movies der 70er Jahre, auf die Literatur des Magischen Realismus und nicht zuletzt auf Richard Brautigan, den heute fast vergessenen Vertreter des amerikanischen Westküsten-Undergrounds der 60er und 70er Jahre.

Zu den Fotografien:
Philippe Gerlach dokumentiert das Lebensgefühl der jungen Generation. Mit luzider Lässigkeit spürt er jenen Momenten und Augenblicken hinterher, in denen Menschen, Räume oder Situationen ihre Besonderheit offenbaren. Es geht ihm dabei nicht um Schönheit im herkömmlichen Sinn, sondern um die Wahrheit des Augenblicks, die oft nur in Sekundenbruchteilen und an den Rändern des Geschehens aufscheint.
Wie ein hellwacher Schlafwandler wandert Philippe Gerlach durch die Realität und fördert Bilder zutage, die den Betrachter ob ihrer Unverstelltheit, Intimität und Authentizität in ihren Bann ziehen.

Zwischen dem Text von Joshua Groß und Gerlachs Fotografien entstehen überraschende und vielfältige Bezüge, die eine andere Sicht auf die Realität ermöglichen. Joshua Groß und Philippe Gerlach befragen und ergründen das diffuse Chaos unserer Epoche, stets begleitet von mystischer Lakonie und rebellischer Ironie.

17. Oktober 2014

Unter Komplizen

Je unsicherer die Zukunft und je instabiler die Gesellschaft, desto ausgeprägter die Angst, weil vieles offen, aber kaum etwas von Bedeutung ist. Damit verbunden ist die Sehnsucht nach Verlässlichkeit und Vorhersagbarkeit. Diese „Gesellschaft versicherte sich immer neurotischer gegen jedes Risiko, gegen jedes unvorhersehbare Gefühl. Und diese diffuse Ablehnung der Irrationalität war überall, wir lebten nicht mehr, wir planten alles und eigentlich war es nur die Evolution der IKEA-Werbung“, schreibt Joshua Groß in seinem Debütroman „Der Trost von Telefonzellen“, der 2013 erschienen ist.
Ein im besten Sinne überraschendes Buch, das zugleich zeigt, wie sehr vor allem die junge Generation der Zwanzig- und Dreißigjährigen Überraschungen braucht, um sich selbst zu spüren: „Das ist wenigstens mal ein Tag, der nicht die elende Kopie eines anderen ist. Das ist wenigstens mal eine Konfrontation mit dem, was man manchmal Leben nennt. Das ist wenigstens mal eine warme Nacht, in der ein Dichter einen Tapeziertisch klaut, ein intellektueller Vagabund, ein bescheuerter Doktor, Seite an Seite mit einem bekloppten Maler, ein kaputtes Herz, ein zerstörter Verstand, und tagsüber sieht alles so normal aus […]“
Die „Generation Y“, die hier beschrieben ist und die der Autor selbst verkörpert, kann Umwege machen und Lebensschwerpunkte verschieben – aber es muss Sinn ergeben. Was ist relevant? Das ist die Leitfrage der „Generation WHY“, die zwischen 1980 und 1995 geboren ist, und die bisherige Verhältnisse und Vorstellungen infrage stellt. In der Fachliteratur werden mit ihr postmaterialistische Werte wie Freundschaft, Nachhaltigkeit, Selbstbestimmung und Ungebundenheit in Verbindung gebracht. Wie sie wirklich fühlt, denkt und handelt, wird hier allerdings kaum reflektiert. Auch vor diesem Hintergrund ist es eine innere Bereicherung, sich mit Joshua Groß zu beschäftigen und seine Bücher zu lesen, die alle wie ein roter Faden miteinander verbunden sind und doch immer auch für sich stehen. Es geht um die Frage, was eine Idee erreichen kann, aber auch um die Interessen des Einzelnen, um das, was er ist, wie er sich profiliert im Sinne inhaltlicher Erkennbarkeit: „deutlicher sein, zugespitzter und abgehobener“.
Schreiben ist für Joshua Groß ein Versuch, zur Erkenntnis vorzudringen. Während dieses Prozesses dreht, spiegelt und dehnt er das Anliegen zu einem signifikanten „Klumpen Ton“ und hofft, dass der Leser seine Texte wie Kaleidoskope betrachtet, sich an der psychedelischen Bewegung erfreut, beim Lesen aber auch Spaß hat und vielleicht dahinter sogar irgendwo die Wirklichkeit erahnt. Wenn er den Eindruck hat, beim Schreiben nicht vorwärts zu kommen, ist das für ihn keine Kreativitäts- oder Schreibblockade, sondern immer auch eine Form des Lernens, die ihn dazu führt, an der Gestaltung einer nachhaltigen Gesellschaft mitzuwirken: „Es geht doch um mehr als um mich.“ Das ist für ihn die Chance der Literatur: durchzuspielen, wie sich Leben und Gesellschaft, die sich häufig über das Materielle definieren, auch entwickeln könnten. So wird auch im Roman das Gefühl beschrieben, etwas (sichtbar) „machen zu müssen, weil man spürt, dass es nötig ist. Dahinter steht keine rationale Kalkulation“.
Angefangen mit dem Terroranschlag am 11. September 2011 über die Afghanistan-, Irak-, Wirtschafts- und Finanzkrise haben die Vertreter der Generation Y erfahren, dass es viele Probleme in ihrer Lebenswelt gibt. Sie sind vom Krisengefühl begleitet worden und haben dadurch ein ständiges Gefühl der Angst und Unsicherheit miterleben müssen. „Ich versuchte zumindest, nicht zu viel an die Zukunft zu denken, weil es passierte, dass ich in Angstzustände fiel, die jede Unsicherheit quadrierten“, heißt es in „Der Trost von Telefonzellen“.
Der 1989 in Altdorf im Landkreis Nürnberger Land geborene Franke Joshua Groß studierte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Politikwissenschaft und Ökonomie und machte seinen Master in „Ethik der Textkulturen“. Zu seinen Lieblingsautoren gehören die argentinischen Autoren Jorge Luis Borges und Julio Cortázar, die Gedichte der Hippie-Ikone Richard Brautigan, die Repräsentanten der Beatnik-Szene und die Vertreter des magischen Realismus. Mit 17 Jahren begann Joshua Groß Gedichte zu schreiben. Es folgten Essays, Kurzgeschichten, Veröffentlichungen in Literaturmagazinen und Rezensionen. Lyrik schreibt er, weil er als „investigativer Poet“ mit einigen „Kumpanen und befreundeten Säbelzahntigern“ durch diese diffuse Epoche „schlurcht“. Sie dokumentieren, weil es nicht anders geht und halten sich die Tentakel, die aus dieser verworrenen Epoche hängt, fern. Als Detektive sind sie nicht zu vereinnahmen – „aber sie sezieren die Gegenwart mit unkonventionellem Scharfsinn“. Damit hängt auch das Bedürfnis zusammen, sich als Autor so präzise wie möglich zu erklären.
Sein Buch „Der Trost von Telefonzellen“, das er mit 21 Jahren schrieb, setzt ein Initium, einen Anfang, der wiederum nur gesetzt werden kann, wenn man sich vom Bisherigen distanziert: Zwei befreundete Studenten brechen aus der erstarrten Routine des Alltags aus und fahren in einem alten VW-Bus durch Franken. Der angehende Maler Luca Tasso, der wurde gerade von seiner Freundin verlassen, und der Erzähler Emil Mino, ein Szene-Lyriker, sind auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Sie führen ein „Doppelleben zwischen müder Ignoranz und dem Bewusstseinszustand eines Superhelden“. „Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, Kinder zu haben, in dieser abgefuckten und zerstörten Welt“, sagt Luca. Das Gefühl einer zeitweisen Ohnmacht in finsteren Zeiten ist berechtigt, denn die Wirklichkeit wird nicht ignoriert, sondern lediglich „seziert“. So heißt es auch in seinem Büchlein „Bewusstseinspfannkuchen“ (2014): „Wir fügen der Wirklichkeit einen Schnitt zu, den wir nicht umgehen können.“
Es bleibt nicht beim Gefühl, nichts tun zu können – Groß’ Protagonisten haben eine Wirkung in der Wirklichkeit. Sie wollen sie zum Besseren verändern. Denn die Chance, dass etwas gut ausgeht, besteht immer. „Daran zu glauben, ist unsere Aufgabe“, sagt Joshua Groß. Das vermittelt auch „Der Trost von Telefonzellen“: Auf einem abgelegenen Parkplatz bei Altdorf verkaufen die beiden Freunde auf gestohlenen Tapeziertischen antiquarische Bücher. Es gibt für sie keinen besseren Platz für die Literatur als diesen – und eine alte Telefonzelle, die Professor Luigi Fontano aus seinem Wagen zieht. „Diese lebensnotwendigen Kabinen menschlicher Einsamkeit und Zusammenkunft werden nach und nach abgerissen und dann ist alles aus – wir sollten so ein Teil auftreiben“, sagt Luca. Denn seine Generation weiß sehr genau, dass sie auch definierbare Beziehungen zu Orten braucht, Konstanten in der modernen vernetzten Gesellschaft, um Halt zu haben und sich nicht zu verlieren. So steht die Telefonzelle symbolisch für einen verlässlichen Schwerpunkt, an dem man sich innerhalb der Welt orientieren kann, aber auch für die Konkretisierung eines Gefühls und für Sinn, der dort beginnt, „wo die Sprache aufhört“.
Der Fotokünstler Philippe Gerlach, Jahrgang 1982, dokumentiert im Roman, der zahlreiche Anspielungen auf Pop-Kultur, B-Movies der 1970er-Jahre, die Literatur des Magischen Realismus sowie Richard Brautigan enthält, mit der Kamera das Lebensgefühl der jungen Generation. Während der Bildjournalismus häufig nach dem „spektakulären Schnappschuss“ jagt, spürt er mit luzider Lässigkeit jene nachhaltigen Momenten und Augenblicken auf, in denen Menschen, Räume oder Situationen ihr Wesen offenbaren. Dabei geht es um die Wahrheit des Augenblicks, wie sie häufig nur in Sekundenbruchteilen und an den Rändern des Geschehens aufscheint. Beide befragen und ergründen in diesem Buch das diffuse Chaos unserer Epoche, begleitet von mystischer Lakonie und eigenwilliger Ironie.
Im Roman entwickelt sich in erstaunlicher Eigendynamik ein spontanes Musikfestival namens „Woodstock11“, das die Protagonisten nicht mehr erleben, weil sie längst „abgefahren“ sind. Was (zurück-)bleibt, ist die alte Telefonzelle – und das Festival als erzählerische Leerstelle im Roman. Es geht Joshua Groß vor allem darum, den Leser einzubinden, der sich allerdings nicht voreilig dazu verleiten lassen soll, Texte sofort einzuordnen, zuzuordnen oder abzustempeln. Er ist davon überzeugt, dass sich Neues nicht erzählen lässt, wenn man sich nicht bemüht, neu zu erzählen. Dafür muss auch immer die Form überdacht, „ausgetrickst und gesprengt“ werden. Der Autor muss sich sogar selbst und die Leser austricksen, „damit nicht die immer selben mentalen Trampelpfade wieder und wieder (unbewusst) abgelaufen werden“.
Das, was im Roman ausgelassen wird, soll sich der Leser selbst hinzudenken. Damit folgt er dem Beispiel Julio Cortázars, einem argentinischen Autor, für den der komische Roman „durch Ironie, Auslassung, unablässige Selbstkritik und Phantasie in Niemandes Diensten erschaffen“ werden und so gestaltet sein soll, „dass man an seinen Rändern einen Gehalt von größerer Wichtigkeit erahnt“. In seinem Roman „Rayuela“ heißt es in Kapitel 79, dass der Leser dadurch zum Komplizen und Weggenossen gemacht wird, „dass man ihm unterm Deckmantel einer konventionellen Handlungsführung andere, mehr esoterische Richtungen suggeriert“. So ist der Leser Mitbeteiligter und Mitbetroffener der Erfahrung, „die der Romanautor durchgemacht hat, im gleichen Augenblick und der gleichen Weise“.
Für Joshua Groß sind Komplizen Menschen, denen es um Auseinandersetzung geht, und die keine Erklärung brauchen, die sich im Idealfall aufrichtig begegnen, zwischen denen Akzeptanz und Verständnis wächst und die sich im Prozess immer weiter kennenlernen. Komplizenschaft ist einer der wichtigsten Begriffe im Kontext der Generation Y, für die es keine ausgeprägte Trennung mehr von privat und öffentlich gibt. Komplizenschaft ist komplett entgrenzt und entfaltet sich in der Aktivität und der gemeinsamen Begeisterung für eine Sache. Aber sie ist auch temporär: Menschen treffen zusammen, sie haben eine Idee, gemeinsam etwas zu tun und sie beschließen wie die Romanfiguren von Joshua Groß, es auch umzusetzen. Komplizenschaften ergeben sich sehr schnell und sind zielorientiert. Doch nach der Umsetzung kann diese auch ebenso schnell wieder aufgelöst werden.
Gesa Ziemer, Professorin für Kulturtheorie und Vizepräsidentin für Forschung an der HafenCity Universität in Hamburg, hat das Konzept der Komplizenschaft als Form gemeinschaftlichen Handelns untersucht und den Begriff aus dem strafrechtlichen auf den kreativen Kontext übertragen und gefragt, ob wir dort nicht auch komplizitär agieren – ohne ein kriminelles Ziel zu verfolgen. Wir wollen niemanden umbringen, niemanden ausrauben, sondern eine neue Idee oder ein neues Produkt generieren. Komplizenschaft heißt Regelbruch und Mittäterschaft: Man handelt und schafft Resultate. Für Ziemer sind Komplizenschaften allerdings keine Freundschaften, sondern projektorientierte, sehr schnelle Gemeinschaften, die etwas zusammen tun, aber wieder auseinandergehen, wenn sie ihr Ziel erreicht haben.
Am Ende des Buches von Joshua Groß sind die beiden Hauptfiguren dann auch keine Komplizen mehr, sondern Freunde und Detektive. In „Bewusstseinspfannkuchen“ begegnet dieser Verweis ebenfalls: „Ich bin ein miserabler Detektiv. Aber ich bin ein Detektiv. Detektive finden. Detektive werden gefunden. Detektive suchen nicht.“
In „Magische Rosinen. Die Geschichte von Mascarpone und Sahra Wagenknecht. Novelle aus dem Spätkapitalismus“ bewegt sich das Geschehen ebenfalls im Dazwischen. Diesmal muss der Leser mehr Detektiv sein und weniger Komplize. Zeitkritische Fragestellungen sind im aktuellen Buch mit comichaftem Trash verbunden. Durch inhaltliche Überspitzung werden die Bedingungen gesellschaftlicher Veränderungen ebenfalls hinterfragt. Während der Autor in seiner „unerhörten Begebenheit“ auf Untergrundmythen und Verschwörungstheorien zurückgreift, auf William S. Burroughs, Surfmusik und Kapitalismuskritik, verbindet Philippe Gerlach die Geschichte erneut mit seinen Fotos – diesmal von sturmverwüsteten amerikanischen Städten, die auch für den Treibsand der Gegenwart stehen, in dem die magischen Rosinen verborgen sind.
Der kleinkriminelle Musikfetischist Mascarpone wehrt den Wunsch seines Freundes Sergio ab, mit dem Longboard „einfach komplizenhaft zu rollen“. Er verfällt der „schlau-biederen“ Sahra Wagenknecht, einer „aromatisierten Fee von Planwirtschafts Gnaden“ und Verfechterin einer radikalen gesellschaftlichen Sehnsucht. Beide erkennen, dass Utopien durchaus real werden können. Der Magnetismus, der beide verbindet, führt sie nach New York, wo es zum Showdown kommt zwischen unbeugsamen Surfmusikern, Revolutionären und haltlosen „Bösewichtern“. Sie machen sich auf die Suche nach den magischen Rosinen – einem Wundermittel zur Befreiung des menschlichen Bewusstseins. „Niemand glaubt an ihre Existenz, aber jeder will sie haben.“, sagt Sahra Wagenknecht, die Streitereien mit dem Geliebten als „Hegeleien“ bezeichnet, etwa wenn es um Phrasen in Politik und Gesellschaft geht. Aber am Ende zählt auch hier wie im Debütroman von Joshua Groß nur das, „was wir machen“. Beim Handeln gibt es keine Phrasen. Die Botschaft ist so einfach wie eindeutig. Es geht nicht allein um das Lebensgefühl der jungen Generation, sondern um uns alle. Der Trost der Telefonzellen erinnert daran.

Alexandra Hildebrandt

24. August 2014

Überraschung! Warum wir auch in Zukunft das Unerwartete brauchen

Zukunft und Witz haben eines gemeinsam: Beide entstehen, indem sie gewagt werden. Der amerikanische Komiker und Improvisationskünstler Robin Williams, der sich im August 2014 das Leben nahm, prägte diese Erkenntnis des Witzes, der von einer unkontrollierbaren Wendung, von einer Überraschung lebt, denn es kommt immer anders als erwartet.
Alles hat er in sich aufgenommen: »Zu diesem Übermaß gehörte das Wissen, dass es zu viel Leid und zu wenig Trost auf der Welt gibt.« (Peter Kümmel , DIE ZEIT, 14.8.2014). Dabei vermittelte er doch in vielen seiner Filme und Auftritte, dass die Zukunft eine Art Theater sein sollte: immer auch lustig und unkonventionell, gestaltet von mutigen und tatkräftigen Menschen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen und nicht in der Routine und Selbsttäuschung erstarren, die optimistisch und engagiert sind im Trotzdem.
Dazu müssen wir »neu und besonnen über die essenziellen Entscheidungen nachdenken, die vor uns liegen und sich aus mehreren Faktoren ergeben«, schreibt der US-amerikanische Politiker und Umweltschützer Al Gore in seinem Buch »Die Zukunft. Sechs Kräfte, die unsere Welt verändern«, in dem er auf einen der »überraschendsten« Aspekte der Wirtschaft hinweist: die ungesunde Konzentration auf sehr kurzfristige Ziele unter Ausschluss langfristiger Zielsetzungen.
Sind unsere wirtschaftlichen Entscheidungen auf Wachstum ausgerichtet, kommt es darauf an, wie der Begriff definiert wird. »Bleiben die Auswirkungen der Umweltverschmutzung bei der Bewertung dessen, was wir als ›Fortschritt‹ bezeichnen, systematisch unberücksichtigt, beachten wir sie auch nicht weiter und dürfen nicht überrascht sein, wenn unser Fortschritt mit jeder Menge Umweltverschmutzung einhergeht.«
Um diese Probleme zu lösen, brauchen wir mehr Zukunftskompetenz und Aufgeschlossenheit gegenüber dem Unerwarteten und Unerwiesenen. Aber welche Begriffe behindern die Arbeit an der eigenen Zukunftskompetenz, weil sie sich an den Scheinsicherheiten vergangener Zeiten orientieren? Wie kann das Credo der Nachhaltigkeit soweit dekonstruiert werden, dass die damit einhergehenden unterschiedlichen Sehnsüchte, Erwartungen und Befindlichkeiten deutlich werden?
Braucht es eine Präzisierung, um die Spreu vom Weizen zu trennen? Wann ist Nachhaltigkeit ein Zukunftskonzept, und wann ist es ein Geschäft, fragwürdige PR, ein Ablenkungsmanöver, das uns von der zentralen Frage der Zukunftskompetenz entfernt? Warum braucht die Vermittlung von Nachhaltigkeit auch Überraschungen?
In allen gesellschaftlichen Bereichen bezeichnet der Begriff Nachhaltigkeit das, was standhält, was tragfähig ist. Inmitten der Komplexität und des ständigen Umzugs von Provisorium zu Provisorium suchen Menschen nach Konstanten, nach Stabilität, weil die Gesellschaft immer instabiler wird. Stabilitätsfaktoren sind heute Familie, Freunde, Heimat, weil sie Möglichkeiten zum Rückzug und identitätsstiftende Momente bieten. Vielleicht sind diese Stabilitätsanker Versuche, wieder Sicherheit und Geborgenheit zu gewinnen, sich an bewährten Mustern festzuhalten, um sich nicht zu verlieren.
Nähe, Emotionen und direkte Begegnungen machen eine Gemeinschaft aus, deren Mitglieder enger zusammenrücken, wenn die Zeiten unsicherer werden. Der Mensch lebt in großen Teilen davon, dass er hier »anerkannt, vielleicht sogar beliebt ist. Das zu leisten, ist nicht nur Kopfsache. Warum ist der Mensch Mensch? Weil er eine Seele hat, sie selber spürt, schützen will und anderen gleiches gönnt«, sagt der Liedermacher Rolf Zuckowski, für den heute besonders Einfühlsamkeit gefragt ist, »die Gabe, Worte für das zu finden, was auch andere denken. Unverzichtbar für Erfolg und nachhaltige Wirkung ist ein Kern des Eigenen, wo immer das herkommen mag.« Familie, gute Ratgeber und wahre Freunde sind ihm dabei richtige Wegbegleiter.

Lass dich überraschen

Schnell kann es geschehn. Die Werbung hat das Freundschaftsthema längst für sich entdeckt: »Guten Freunden gibt man ein Küsschen.« (Ferrero), »Auf die Freundschaft.« (Holsten Pilsener), »Für eine gesunde Freundschaft.« (Mera Dogs), »Da hört die Freundschaft auf.« (Choco Crossies), »Freundschaft erfahren.« (Daihatsu), »Freundschaft verbindet!« (Medical Friends).
Holsten zeigte zum Beispiel, dass es Freunde mit »Ecken«, »Kanten« und großem Durst braucht, um das Feierabendbier zu genießen – eine Kampagne im Frühjahr 2014 stellte das Holsten Pilsener als »offizielles Feierabendbier« vor. Im Frühjahr 2014 wurde auf das Motto gesetzt: »Wir gucken Fußball« – »ohne Schnickschnack, sondern in entspannter Atmosphäre, mit guten Freunden und bester Sicht auf das Spiel«. Bereits 2012 suchte Bitburger nach Gemeinschaftsmomenten außerhalb des Fußballstadions und bediente sich der bewährten »Wenn«-Mechanik: »Wenn aus Herrn Weber Sebastian wird« oder »Wenn aus Nachbarschaft Freundschaft wird«.
Der Spot zeigte Feierabendsituationen mit Kollegen, die Grillparty oder das Nachbarschaftstreffen, die mit Bitburger zu »unvergesslichen Gemeinschaftserlebnissen« werden. Das Thema Gemeinschaft (Geselligkeit, Lebensfreude und Genuss) sollte als ein wesentlicher Eckpunkt der Marke wahrgenommen werden.
Ebenfalls 2012 startete die Markenkampagne von Jägermeister: »Wer, wenn nicht wir«. Der Spot erzählte drei kurze Geschichten, die alle in einer großen enden: in der Geschichte von Freundschaft, einer innigen Gemeinschaft mit tiefer Verbundenheit. Ziel der Marketingstrategen war es, der Marke mehr Wertigkeit und Tiefe zu geben – jenseits des lauten Partygedöns, auf das Jägermeister oft reduziert wurde. Markenwurzel ist auch hier das Wissen um die Gemeinschaft.
Claudia Silber, Leiterin der Unternehmenskommunikation bei der memo AG schätzt Werbung sehr, die unerwartet ist und sie positiv überrascht: »Gerade in Zeiten, in denen wir mit Werbung überflutet werden, erregt bei mir der Spot oder die Anzeige Aufmerksamkeit, wo sich wirklich Gedanken über die Zielgruppe, die Marke und das Produkt gemacht wurde. Das hat dann auch etwas mit Wertschätzung zu tun, sofern es sich nicht um falsche Produktversprechen handelt.« Für memo sind die Kunden deshalb etwas Besonderes, weil sie die wichtigsten Stakeholder des Unternehmens sind: »Sie kaufen die von uns ausgesuchten Produkte und geben uns dazu oft Feedback, das wir ernst nehmen. Dadurch entsteht ein wertvoller Dialog, den wir in Zukunft noch ausbauen möchten. Und daran merken wir natürlich auch, dass unsere Kunden Anteil nehmen und die gekauften Produkte durchaus wertschätzen.«
Wertschätzung hat für sie viel mit dem Thema Qualität zu tun: »Wenn eine Sache oder auch eine Beziehung (Freundschaft) Qualität hat, schätze ich diese aufgrund ihrer Stabilität sehr viel mehr als ein ›Wegwerfprodukt‹ oder eine lose Bekanntschaft – und pflege diese auch mehr«, sagt die Kommunikationsexpertin. Mit Freundschaft wirbt das Unternehmen nicht – vielmehr stehen Kompetenz, Beratung und Kundenservice im Mittelpunkt des Kerngeschäfts. Die Verantwortlichen sind sich dabei durchaus bewusst, dass Nachhaltigkeit und nachhaltiger Konsum auch Spaß machen darf und nicht mit dem erhobenen Zeigefinger verbunden sein sollte. Das kann durchaus so weit gehen, dass sie sich als »Ökos« auch schon mal auf die Schippe nehmen. Auch das gehört zu Überraschungsmomenten der Freundschaft, die keine Kampagne braucht.
Das übernehmen andere: So verzichtete Coca-Cola im Juni 2013 auf seinen Schriftzug auf den Flaschen. Anlässlich der Freundschaftskampagne wurde der legendäre Coke-Schriftzug durch rund 150 verschiedene Vornamen und Begriffe aus dem Jugendwortschatz ersetzt. In Verbindung mit der Aufforderung »Trink ne Coke mit ...« wollte Coca-Cola zum gemeinsamen Genießen und Teilen animieren – und damit selbst zum Symbol für Freundschaft werden. Ferrero ruft im Internet dazu auf, seine eigene Regel zu schreiben: »Teile deine eigene Freundschaftsregel, indem du auf den Button klickst, deine Regel in das erscheinende Textfeld einträgst und ein Bild dazu hochlädst.«
All diese Ansätze sollen eines vermitteln: Teil von etwas Größerem und authentisch zu sein – echt und eben nicht »gefälscht« Doch leider sind das die meisten Geschichten, die in der Werbewelt vermittelt werden, gerade nicht. »Oder glauben Sie wirklich, die Ferrero Küsschen Clique ist im echten Leben befreundet und findet es super, sich mit Süßwaren zu füttern?« Fragt Britta Poetzsch, Head of Lifestyle der Agenturgruppe Serviceplan am 21. August 2014 im Handelsblatt.
Der Freundschaftsbegriff und das Marketingmotiv der Freundschaft »boomen deshalb, weil der Vertrauensverlust in unserer Gesellschaft Höchstmarken erreicht hat«, sagt der Kommunikations- und Nachhaltigkeitsexperte Klaus Stallbaum aus Bergisch Gladbach: »In einer Touch-and-Go-Welt, in der ›jeder‹ nur sein eigenes Scherflein ins Trockene bringen will oder seinen Narzissmus spazieren führt, ist wahre Freundschaft ein Mangelgut geworden.«
Daran ändert auch der Freundschaftsbegriff 2.0 nichts, den Mark Zuckerberg mit Facebook in unser Leben geschleust hat. Ob die eher privat akzentuierten Netzwerke oder die vornehmlich beruflich genutzten wie XING oder LinkedIn – es gilt Bestmarken zu setzen: »Viel Freund (Follower/Kontakte), viel Ehr«. Spiegelnde Oberfläche, Tiefgang ungewiss. Werbung spricht vorhandene Bedürfnisse an und befriedigt sie zielgerichtet. Sie zeigt auf, welche Produkte unerfüllte oder schlummernde Bedürfnisse bzw. Emotionen bedienen.
Nicht von ungefähr bedient sich gerade auch die sportaffine Sponsoring-Industrie des Freundschaftsmotivs. »11 Freunde müsst ihr sein – wir leben im Jahr der frisch aufgerüschten fussballerischen Weltmeisterschaftslorbeeren. Da Marken personifiziert werden sollen, um hybride Kunden über implizite sensorische Signale zu binden, ist der Köder Freundschaft naheliegend – höchst emotional besetzt und ans Sehnsuchtspotential andockend. Vor ein paar Jahren wurde das Thema Liebe auf der Schlachtbank der Werber zerlegt und für jeden Mist missbraucht. Jetzt ist eben die Freundschaft dran: A brand like a friend.«

Aus tiefster Quelle

Die tiefste Quelle für Nachhaltigkeit ist Freundschaft. Sagte der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler in seinem Grußwort zur 2. Bonner Konferenz zur Entwicklungspolitik am 27. August 2009. Und das ist es, was auch langfristige Partnerschaften ausmacht, die den Menschen Zeit geben, sich gegenseitig kennenzulernen und einander zuzuhören.
So wie es auch die Musiker Sarah Connor, Sandra Nasic, Roger Cicero, Gregor Meyle, Andreas Gabalier, Sasha und Xavier Naidoo im TV-Experiment „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert" vorgemacht haben. Die Sendung wurde von April bis Juni 2014 von VOX ausgestrahlt und basiert auf der niederländischen Sendung The Netherlands Best Singers, die seit 2009 von TROS gezeigt wird. Die deutsche Ausgabe wurde von Schwartzkopff TV-Productions in Zusammenarbeit mit naidoo records produziert. Während vor einer traumhaften Kulisse in Südafrika eine Woche lang gedreht, gelacht und gesungen wurde, fungierte Xavier Naidoo als Gastgeber. Die sieben Popstars saßen zusammen, unterhielten sich über verschiedene Themen, und die Zuschauer spielten Mäuschen mittendrin.
Es wurden Freundschaften geschlossen, Grenzen ausgetestet und Überraschungsmomente gezeigt, die jegliches Schubladendenken außer Kraft setzten: So sangen Sarah Connor und Sandra Nasic erstmals in deutscher Sprache, Xavier Naidoos Interpretation des Songs »Amoi Seg Ma Uns Wieder« von Andreas Gabalier in steirisch war ein besonders emotionaler Moment, Roger Cicero und Gregor Meyle wechselten ebenfalls die Sprachen und sangen in Englisch.
Michael Herberger, der 1995 unter anderem mit Xavier Naidoo die Band Söhne Mannheims gründete und bis zum Ausstieg des Führungsduos im Februar 2012 leitete (zusammen führen sie die Naidoo Herberger GbR), produzierte die CD mit den Coverversionen. Seine Charakterisierung eines neuen Arrangements zeigt zugleich, was das Eigene und das Fremde in einer Freundschaft ausmacht, die auch von Überraschungen lebt, wenn man sich auf den anderen einlässt ohne sich zu verlieren: So soll eine gute Coverversion originell sein. »Aber das Original muss man noch erkennen können. Der neue Interpret sollte das so überzeugend darbieten, als wäre es von ihm selbst. In Südafrika dachten wir tatsächlich öfter mal: ›Das müsste eigentlich sie/er als nächste Solosingle auskoppeln.‹«
Die Erfahrung der Gegenseitigkeit möchte im Nachgang niemand der Musiker missen. Und wenn ein Lied ihre Lippen verlässt. »Ich liebe Überraschungen. Inspiration ist für mich Überraschung dann, wenn man etwas Besonderes entdeckt. Das ist wie ein Geschenk.« Bestätigt auch Andreas Bourani, der Sänger der WM-Hymne »Auf uns« in einem Interview mit dem Magazin MADAME (August 2014). Menschen wie diese Musiker schaffen es, andere heute nicht nur für sich selbst und ihre Songs, sondern auch für die Zukunft zu begeistern – die Öffnung auf das, was kommt. Sie sollte uns dazu bringen, bereits die Gegenwart mit anderen Augen zu sehen, Entwicklungen zu reflektieren und eine lockere Distanz zu uns selbst zu entwickeln – sonst ist es schwer, in einer komplexen Welt mit Überraschungen klarzukommen.
»Ich werde nicht gerne überrascht«, sagt Thomas Richard Fischer, der von 2004 bis Juli 2007 Vorstandsvorsitzender der WestLB war, in einem Interview mit Barbara Nolte und Jan Heidtmann (»Die da oben. Innenansichten aus deutschen Chefetagen«, 2009). Er spricht sogar von einem Hass, der sich gegen das Unerwartete richtet: »Ich war der Ansicht, dass ich, wenn ich angenehm leben will, eine Fertigkeit entwickeln muss, Risiken möglichst früh zu erkennen.«
Geholfen hat ihm das nicht. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf ermittelte gegen ihn, weil er im Verdacht stand, bei verlustreichen Spekulationsgeschäften im Jahre 2007 seine Auskunftspflichten gegenüber dem Aufsichtsrat verletzt zu haben. »Ja, mach nur einen Plan – sei nur ein großes Licht – und mach dann noch 'nen zweiten Plan – geh’n tun sie beide nicht.« So die unbequeme Wahrheit in Bertold Brechts »Ballade von der Unzulänglichkeit des menschlichen Planens«.
Mit dem Unvorhergesehenen haben vor allem jene kein Problem, die auch den Dingen ihre Zeit lassen, die eine gesunde Vorstellung von Wachstum haben, aber ebenso wissen, das Glück nur zu haben ist, wenn das Unvorhergesehene zugelassen wird. Für Claudia Silber bedeutet es, flexibel zu bleiben – vor allem auch geistig: »Wenn immer alles in geplanten und geregelten Bahnen läuft, wird man träge und verliert vor allem die notwendige Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Deshalb ist Unvorhergesehenes bei mir eher willkommen und wirkt auf keinen Fall abschreckend.«

Die Vermessung der Nachhaltigkeit

Je unsicherer die Zukunft und je instabiler die Gesellschaft, desto stärker ist die Sehnsucht nach Verlässlichkeit und Vorhersagbarkeit ausgeprägt. Ein Beleg dafür sind unter anderem Prognosesucht und Quantifizierungswut sowie ein gewachsenes Sicherheitsbedürfnis, zu dem auch das Thema der zwanghaften Messbarkeit gehört, das der britische Mathematiker und Philosoph Alfred North Whitehead als »Trugschluss der unangebrachten Konkretisierung« bezeichnete. Auswüchse davon sind auch in der Marktforschung zu beobachten.
Steve Jobs hielt davon nichts. Auf die Frage, inwieweit sein neues Produkt durch Marktforschung abgesichert sei, soll er einmal geantwortet haben, dass Graham Bell auch keine Marktforschung gebraucht habe, um das erste Telefon auf den Markt zu bringen. Diese Radikalität braucht es sicher nicht, denn viele Ansätze mögen auch ihre Berechtigung haben. »Allerdings sollte man deren Arbeitsergebnisse nicht zur maßgeblichen Basis der eigenen Entscheidungen machen, weil auch ihre Methoden natürliche Grenzen haben.« Bemerken Christoph Giesa und Lena Schiller Clausen in ihrem wegweisenden Buch »New Business Order. Wie Start-ups Wirtschaft und Gesellschaft verändern« (2014).
Lässt sich Zukunft messen? Ist sie nicht das, was wir uns vorstellen und heute tun? Hier bietet die junge Literatur ebenfalls neue und tiefe Einblicke: Diese »Gesellschaft versicherte sich immer neurotischer gegen jedes Risiko, gegen jedes unvorhersehbare Gefühl. Und diese diffuse Ablehnung der Irrationalität war überall, wir lebten nicht mehr, wir planten alles und eigentlich war es nur die Evolution der IKEA-Werbung«, schreibt Joshua Groß in seinem Debütroman »Der Trost von Telefonzellen«, der 2013 bei starfruit publications Fürth erschien.
Der erste Roman des 1989 geborenen Autors widmet sich Themen wie Freundschaft und Liebe, der Suche nach Identität und Stabilität, aber auch Zweifeln an der Erwachsenenwelt und den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Ein im besten Wortsinn überraschendes Buch, das zugleich zeigt, wie sehr auch die junge Generation der Zwanzig- und Dreißigjährigen Überraschungen braucht, um sich selbst zu spüren: »Das ist wenigstens mal ein Tag, der nicht die elende Kopie eines anderen ist. Das ist wenigstens mal eine Konfrontation mit dem, was man manchmal Leben nennt. Das ist wenigstens mal eine warme Nacht, in der ein Dichter einen Tapeziertisch klaut, ein intellektueller Vagabund, ein bescheuerter Doktor, Seite an Seite mit einem bekloppten Maler, ein kaputtes Herz, ein zerstörter Verstand, und tagsüber sieht alles so normal aus...«
Wenn nie etwas Unerwartetes geschieht, geraten wir in eine Art Lähmungszustand. Sagt Claudia Silber. Unerwartete Situationen sind für sie auch mit Wachsamkeit, Spannung (ihre Abwesenheit führt nur selten zu Bestleistungen) und einem anhaltenden Interesse an der Welt verbunden. Doch was tut ein Unternehmen wie memo, um nicht in der Routine zu erstarren? Den Mitarbeitern werden viele Freiheiten gegeben, zu der auch eine größtmögliche Flexibilität gehört – »auch um Beruf und Familie individuell zu vereinbaren und sein ganz persönliches Lebensmodell zu entwickeln und zu verfolgen.«
Kleine Auszeiten wie eine Runde Tischtennis oder Tischkicker werden hier nicht argwöhnisch beäugt. »Auch Witz und Humor dürfen im täglichen Leben und vor allem im Berufsalltag dabei auf keinen Fall fehlen.« Das bestätigt einmal mehr den Anfangssatz von Robin Williams: Hier wird etwas gewagt. Und dadurch Zukunft gestaltet.
Messbarkeit von Nachhaltigkeitsmaßnahmen macht für das Unternehmen allerdings dann Sinn, wenn sich dadurch konkrete Maßnahmen belegen lassen, wenn ihre Glaubwürdigkeit untermauert werden soll. Diese Daten sollten auch bis zu einem bestimmten Punkt kommuniziert werden. »Solange es nachvollziehbare und glaubwürdige Daten gibt, sollten diese auch kommuniziert werden, sich aber jedoch bei bestimmten Themen, z.B. Verhaltensänderungen im Bereich nachhaltiger Konsum, mit einer emotionaleren Ansprache die Waage halten«, sagt Claudia Silber.
Eine ausschließlich emotionale Vermittlung hält sie ebenso für falsch wie eine rein fachliche Vermittlung (von Daten). Hier muss ihrer Meinung nach die richtige Balance gefunden werden, um Nachhaltigkeit verständlich zu machen. Zahlen und Zielvorgaben hält sie generell für sinnvoll – in manchen Arbeitsbereichen z.B. im Vertrieb mehr als in anderen wie Marketing. »Gefährlich« wird es dann, »wenn Entscheidungen nur noch ausschließlich danach getroffen werden. Womit wir wieder beim Unvorhergesehenen sind: Wer nur nach Zahlen und Zielvorgaben arbeitet, ist nicht offen für Neues und Unerwartetes und wagt keinen Blick über den Tellerrand.«
Der Markt hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass er für Überraschungen gut ist, und dass es Sinn macht, klein anzufangen und einen Blick auf nachhaltig ausgerichtete Unternehmen zu werfen, wenn man große Räder drehen möchte. Dabei immer auch offen für das Unerwartete zu sein, macht das Leben umso spannender – ist es doch das, »was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.« (John Lennon)

Dr. Alexandra Hildebrandt

12. April 2014

Road-Movie-Pop-Science-Fiction-Krimi

Seit 2009 macht sich der Verlag starfruit publications um die Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Autoren verdient. Bei »Der Trost von Telefonzellen« funktioniert sie bestens.

Joshua Groß schreibt mit »Der Trost von Telefonzellen« einen Debütroman, der trotz seiner literarischen Sprache, Fülle von Vergleichen und Metaphern und Querverweisen in die Literatur und Musik, unprätentiös daherkommt. Darin begegnen wir zwei schrägen Vögeln am Beginn ihres jungen Erwachsenenlebens: Emil Mino, der vom Studenten selbsternannt in Nullkommanichts zu Dr. Emil Mino, Leiter des Instituts für Jenga-Turm-Forschung, wird, und Luca Tasso, der aufgrund seines durchschnittlichen Mundharmonikaspiels von seinem Mädchen verlassen wird. Was darauf folgt, ist irgendwo zwischen Briefroman, Road-Movie und Science-Fiction-Krimi anzusiedeln und ist Pflichtlektüre für alle, denen die zeitgenössische Literatur à la Suhrkamp zu langweilig ist.
Den Bonus erhält diese Ausgabe durch die zwei Bildteile des Fotografen Philippe Gerlach. Am Anfang und am Ende platziert, illustrieren sie den Roman nicht, sondern sprechen einfach nur die gleiche Sprache. Sie funktionieren wie ein Gimmick, das man beim Kauf des Buches dazu bekommt und das einen – auch wenn man den Roman längst schon zu Ende gelesen hat – beim Betrachten sofort wieder in die Stimmung des Buches versetzt. Und diese Droge wird man brauchen, hat man es einmal zu Ende gelesen. Zumindest solange es noch nichts Neues von Joshua Groß gibt.

Nr. 7, Februar 2014

Der Trost von Telefonzellen

Dass das Erwachsenwerden besser auszuhalten ist, wenn man sich herausschraubt aus der Banalität des Alltags, wenn man dicht in Bewegung bleibt an den Rändern der Gesellschaft mit ihren oft sinnfrei zementierten Ritualen, haben vor dem Nürnberger Debütautor Groß (24) schon so viele andere, allen voran die Beatniks, beschrieben. Dennoch kann diese von bestechenden Fotos des Künstlers Philippe Gerlach perfekt eingerahmte Geschichte über den reinen Aspekt des Lesefutters für die Zielgruppe hinaus warm empfohlen werden. Das Besondere: Wenn die liebevoll getroffenen Protagonisten Emil Mino und Luca Tasso leicht bekifft von einem bizarren Erlebnis ins nächste rutschen (altes Auto, Parkplatz-Buchverkauf, Berlinfahrt, Mädchen und kein Mädchen), wird die Verlorenheit, die immer wieder aufscheint, nicht aggressiv (vgl. etwa den Hegemann-Stil), sondern mit poetischen Einfällen gebrochen. Groß schreibt gut genug, um den Popstil in all seinen Varianten und (witzig!) die Außenseiterhaltung eines Philip Marlowe zu ironisieren: die Kapitel sind kurz und leuchten mit unverbrauchten Einfällen. Gerne breit empfohlen!

Connie Haag

21.1.2014

Der Trost von Telefonzellen

Ein ungewöhnliches literarisches Debüt hat der 24-jährige Student und Schriftsteller Joshua Groß aus Nürnberg vorgelegt. »Der Trost von Telefonzellen« heißt sein erster wild-poetischer Roman, der im Fürther starfruit Verlag erschienen ist.

Ein Roadmovie für die Hip-Hop-Generation:
Zwei junge Bohemiens rollen in einem alten VW-Bus durch Franken. Der angehende Maler Luca, gerade von seine Freundin verlassen, und der Erzähler Emil, ein Szene-Lyriker, der hauptsächlich Song-Zitate von sich gibt, sind auf der Suche nach dem Sinn des Lebens oder zumindest einer coolen Haltung gegenüber seinen Zumutungen.
Eine Gefühlslage, die dem erst 24-jährigen Autor Joshua Groß aus Nürnberg nicht ganz fremd ist: »Es geht hauptsächlich um Freundschaft, um zwei Freunde, die aus dem alltäglichen Starrsinn, der sich offensichtlich um sie herum entwickelt hat, ausbrechen. Sie sind auf der einen Seite einfach Kinder ihrer Zeit, indem sie diese ganze Fülle an Möglichkeiten besitzen, die wir jetzt haben, und die durch das ganze Virtuelle nochmals verstärkt wird. Aber auch die ganzen Unsicherheiten und prägenden Erlebnisse in sich haben, wie die Finanzkrise oder den 11. September, der in dem Roman auch eine Rolle spielt. Die aber andererseits nicht das als gegeben hinnehmen, was sie alles mitbekommen haben, sondern die versuchen, die Wirklichkeit zu sezieren, und auf die Wirklichkeit einzuwirken in dem Sinne, dass sie sie zum Besseren verändern wollen.«

Luca und Emil kommen auf die verrückte Idee, auf einem abgelegenen Parkplatz bei Altdorf auf geklauten Tapeziertischen antiquarische Bücher zu verkaufen, woraus sich in einer eigenen Dynamik ein spontanes Musikfestival namens »Woodstock11« entwickelt. Doch da haben sich die beiden hauptsächlich Wasserpfeife rauchenden und kiffenden Freunde schon längst davongemacht. Das Festival bleibt bewusst eine erzählerische Leerstelle in dem Roman: »Es ging mir da hauptsächlich darum, dass der Leser involviert wird. Und zwar, dass er so sehr ins Buch einsteigen soll, dass er sich das, was gerade ausgelassen wird, selbst erschaffen muss, indem er mit dem Roman auf irgendeine Weise interagiert und nachdenkt. Das folgt ein wenig dem Konzept des komischen Romans von Julio Cortázar, einem argentinischen Autor, der sagt: Der komische Roman soll durch Ironie, Auslassung, unablässige Selbstkritik und Phantasie in Niemandes Diensten erschaffen werden. Und er soll so gestaltet sein, dass man an seinen Rändern einen Gehalt von größerer Wichtigkeit erahnt.«

Im zweiten Teil dieses hitzig-poetischen Romans, der der amerikanischen Beatnik-Literatur eines Richard Brautigan, Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs verpflichtet ist, wird die Story immer abgedrehter und phantastischer. Emil und Luca fahren nach Berlin, um ein Piratenschiff zu bauen, und werden schließlich verfolgte Detektive in einer Stadt namens Flashcity, wo sie eine Art Westernkrimi erleben. Auch sprachlich schießen die Metaphern immer wilder ins Kraut:

»Der Mohn blühte wie Kunstblutspritzer.« (S. 74)
»In den Dörfern hinter den Leitplanken standen weiße Kirchtürme wie ausgeschlagene Schneidezähne und die Uhren waren Karies, weil Jesus nur Traubenzucker mampfte.« (S. 197)
»Ich schlief ungefähr wie ein gesunkener Frachter.« (S. 204)
»Nebel sank in die Gassen wie Exkremente aus einem narzisstischen Feuerlöscher.« (S. 205)
»Wolken wie Nusszöpfe, die zerrissen werden, krochen durch den Himmel.« (S. 206)

Normalerweise würde ein Lektor so etwas wegstreichen. Aber in dieser gleichsam überbordenden wie klug komponierten Erzählung, die gespickt mit Anspielungen auf Literatur, Musik und Film den postmodernen Roman auf die Spitze treibt, passt alles genauso, wie es geschrieben steht. Oberflächlich gelesen könnte man das Buch für einen Kiffer-Roman halten. Doch es ist der Generationenroman der heute Anfang 20-Jährigen. Von zwei kongenialen Fotoessays von Philippe Gerlach begleitet, die genau das Lebensgefühl dieser jungen intellektuellen Outlaws widerspiegeln.
»Der Trost von Telefonzellen« ist eines der beeindruckendsten Debüts der letzten Jahre. Joshua Groß hat das Potenzial zu einem Autor von Rang.

Dirk Kruse

1/2014

Der Trost von Telefonzellen

Zweifelhafter Dunst über der fränkischen Provinz: Zwei Typen, der eine Dichter und »melancholischer Motherfucker«, der andere auf Halbmast zwischen Liebeskummer und drohendem Wahnsinn, eröffnen aus einer Laune heraus einen Bücherstand im sommerlichen Nirgendwo. Da drohen die Dinge bereits außer Kontrolle zu geraten, weshalb Träume gerettet werden müssen und die Flucht angetreten wird, vor den Seltsamkeiten, den Zumutungen und natürlich dem BND.

In Joshua Groß' Debüt lassen sich so einige vermeintliche Unzulänglichkeiten finden: Abgebrochene Spannungsbögen, Charaktere, die urplötzlich und nach aufwändiger Einführung überhaupt nicht mehr auftauchen, die völlige Verweigerung eines stringenten Handlungsaufbaus. Stattdessen gibt es Reflexionen über Gedichte, Basketball und buddhistische Blechelefanten, dazu einen enormen popkulturellen Verweisapparat, der sich aus Beat-Literatur, Hip Hop und Exploitationfilmen aus den Sechzigern speist. Philippe Gerlachs körnige Nachtaufnahmen, die den Roman einrahmen, scheinen auf den ersten Blick im offensichtlichen Kontrast zu dessen sonnendurchtränktem, gelbem Sound zu stehen – bis sich bei genauer Betrachtung assoziative Hängebrücken bilden, bruchstückhafte Ergänzungen, ähnlich einem Memoryspiel, bei dem zwei verschiedene Editionen miteinander vermischt wurden.
»Der Trost von Telefonzellen« beschreibt so einen Zustand des Übergangs: Eine undurchsichtige Zeit, in der gepflegte Distinktion, sporadischer Zynismus und leidenschaftliche Wut auf die Falschheit von alldem, was die Gesellschaft sich da mehr schlecht als recht zusammengeschraubt hat, allmählich von der Erkenntnis abgelöst wird, dass man bestimmte Dinge akzeptieren kann, wenn man es denn zu den eigenen Konditionen tut, und vielleicht dann und wann einen Joint raucht. Um sich dann aus dieser Befreiung heraus die eigenen Aufgaben zu verdeutlichen: »Wir müssen ignoranter und größenwahnsinniger werden, um aufzuzeigen, was hier los ist. Wir müssen es sichtbar machen.«
Dass die beiden Protagonisten sich nach diesem Entschluss erst einmal in eine ehemalige Westernkulisse in den Bergen verirren, um gestohlenen Indianerschmuck aus einem Karl-May-Museum aufzutreiben, spielt dabei keine Rolle. Die aufrichtige Verirrung bleibt noch jeder Ambition inhärent.

Manuel Weißhaar

12/2013

TENTAKELABWEHR

In seinem Debütroman »Der Trost von Telefonzellen« räsoniert Joshua Groß über Beatliteratur, buddhistische Blechelefanten, Basketball, den BND - und darüber, was mit der diffusen Epoche, in der wir uns befinden, anzustellen ist.

uMag: Joshua, deine beiden Protagonisten versuchen, der Banalität und angeblichen Endgültigkeit unserer Zeit zu entfliehen. Kann das gut gehen?

Joshua Groß: Ich würde nicht sagen, dass sie entfliehen. Sie beginnen, die vermeintliche Endgültigkeit aufzubrechen. Der Teil der Gesellschaft, der diese Endgültigkeit suggeriert, macht dann Jagd auf die Protagonisten, weil es in seinem Interesse ist, dass alles so bleibt, wie es ist. Den Beiden bleibt dann mal nur der überlegte Rückzug, aber dann treten sie erneut gegen diese Endgültigkeit an. Ich denke, dadurch helfen sie mit, sie schrittweise aufzubrechen. Die Chance, dass das gut geht, besteht immer. Daran zu glauben, ist unsere Aufgabe.

uMag: Gegen Ende des Buches sind die beiden zu Detektiven geworden. Ist das die notwendige Konsequenz?

Groß: Detektive sind stets damit beschäftigt, sich die Tentakel, die aus unserer mysteriösen und verworrenen Epoche hängen, vom Hals zu halten. Das wissen wir spätestens seit Raymond Chandler. Das Investigative hat aber auch eine unheimliche Eleganz. Detektive sind nicht zu vereinnahmen, aber sie sezieren die Gegenwart mit unkonventionellem Scharfsinn. Was sie allerdings auch nicht davon abhält, nebenbei die überlegene Haltung des »modern day hippies« zu kultivieren.

uMag: Was hat das alles mit dem »Institut für Jenga Turm-Forschung und Assoziationen« zu tun, das im Buch öfter auftaucht?

Groß: Das Institut ist ein unbestimmbarer Ort, der als flexible Keimzelle des Widerstandes fungieren kann. Dieser Ort befindet sich sowohl in der Realität als auch in der Fiktion. Jeder Mensch ist herzlich eingeladen, nach dem Institut zu suchen und mitzumachen!

Interview: Manuel Weißhaar

17.11.2013

Von Telefonzellen und Wassermelonen.
Eine Replik-Rezension auf Joshua Groß’ »Der Trost von Telefonzellen«

Es war eine dieser Nächte, in denen man sich wünscht, es hätte am Nachmittag geregnet, so dass die noch nassen Straßen die Wahl zur Neonreflexion hätten. So stravanzte ich wie ein Panther unruhig über schwarze Teerteppiche in Richtung Reuterplatz.
Auf Augenhöhe mit dem Basketballplatz vernahm ich ein altmodischen Klingeln wie von Telefonzellen und tatsächlich, dort stand noch eines dieser heterotopen Relikte. Zwar etwas windschief und überzogen von Rußpartikeln, die Scheibe wie ein Spinnennetz, aber noch da. Ein Überlebender. Fragen stellte ich mir keine, sondern griff direkt zum Hörer.
»Monsieur Flachè… was wissen Sie über Joshua Groß?« (eine tiefe Auftraggeberstimmer)
»Er ist ein Dachs, Sir. Er schätzt Guaven, hat diese Indolenz akzeptiert und kämpft mit seinem fulminanten Debütroman »Der Trost von Telefonzellen« (mit Bildern von Philippe Gerlach, erschienen bei starfruit publications) gegen sie an.«
»Bringen Sie mir mehr! Ich will wissen, wie sich dieser Roman anfühlt. Wo er lebt.«
Die Leitung knackt.
Dreams of living life like rappers do / back when condom wrappers wasn’t cool.

Wie die Hauptpersonen Emil Mino und Luca Tasso folge ich nun also den Schatten von Kerouac, Brautigan, Djian und Brinkmann. Aber wo die Romanhelden sich mit einem alten VW-Bus auf einem Parkplatz in der fränkischen Provinz wiederfinden und aus Versehen ein Woodstock 2.0 anstoßen – dabei wollten sie nichts anderes, als die Literatur endlich wieder konspirativ auf die Straße zu bringen (»die Beschränkung der literarischen Sphäre zeigt nur die Beschränktheit der Einschränkenden«) – lehnte ich einige Minuten später an der hölzernen Bar eines verrauchten Kellerclubs. Dass alles schwarz-weiß war, wunderte mich ebenso wenig, wie die Profilschemen von Bird Parker und DJ Premier auf der Bühne, die einen waghalsigen, aber sehr stimmigen und kontrollierten Sound von BreakBeatBeBop fabrizieren.
Ein Moment, in dem man rauchen möchte wie Belmondo in A Bout De Souffle und dabei kluge Sätze von sich geben: »Ein Gedicht ist absolute Freiheit, ohne Wilkür zu sein. Das leere Blatt ist Anarchie, das Gedicht ist die Ordnung. Die Freiheit entsteht durch die Ordnung, das ist die Aufgabe des Dichters. Ein Schriftsteller ist nicht automatisch ein Dichter, aber ein Dichter ist ein Astronaut.«
»Sehr richtig«, pflichtete mir ein smufes Mädchen bei, dass wie aus dem Nichts in einem weißen T-Shirt mit Guave-Schriftzug – natürlich in New York Times-Typo – neben mir auftauchte. »Ich merkte, dass sie sich eine Zigarette rollen wollte und lächelte: Mädchen, die drehen, sind meistens faszinierend [...]« Dann dachte ich noch etwas über Frisuren von Mädchen nach und verließ die Kellerbar wieder.

Draußen lehnte ein Typ an der Wand, der aussah wie Black Caesar und sich gewohnheitsmäßig über den Oberlippenbart strich. Hinter ihm türmte sich ein Haufen Wassermelonen. Aus der Spitze des Berges stak ein schnell gebasteltes Schild: Wassermelonenzucker zum Selbstpressen.
Es war kalt geworden, aber trotzdem lebte ich gerne hier. Ich fragte den Typen, ob er auch halbe Melonen verkaufe, woraufhin er mit G-Funk-Stimme antwortete: »Aahhhm… Warren G and Nate Dogg are here to regulate.« Ich wusste nicht genau, was dieser weltmännische Mutterficker damit sagen wollte, aber meinte: I wish I was a little bit taller / I wish i was a baller.
Er gab mir eine circa 6 Kilo schwere Wassermelone, ich platzierte sie auf der Schulter und dachte an Alligatoren ohne Bizeps und mit weißem Bauch und an das Mädchen, mit dem ich die Melone teilen würde. Es waren irrationale Gedanken, die mich auf dem Nachhauseweg begleiteten. »Dass ist eine verdammte Odyssee« murmelte ich vor mich hin und stieß dabei sacht gegen ein Mädchen, dass ebenso sacht gegen mich stieß, da auch sie – Smartphoneblick – mich nicht kommen sah (die meisten Dinge sieht man nicht kommen, fasst sie nicht mal, wenn sie da sind, sondern erst retrospektiv, weshalb es komplett legitim ist, dass J. Gatsby stets gegen den Strom schwimmt und doch immer der Vergangenheit zutreibt).
Ihr Blick versprach direkt so viele komplizierte Beziehungsmomente und hollywoodeske Sequenzen dass ich gar nicht anders konnte, als sie zum Melonenessen einzuladen.
I poured my heart into a pop song / I couldn’t get the hang of poetry / That’s not a skirt girl that’s a sawn off shotgun / And I can only hope you’ve got it aimed at me
»Hast du eigentlich eine Pistole?«, fragte ich sie, als wir kurz in einer Kreuzung stehen blieben. Sie sah mich nur sehr wenige Sekunden irritiert an und zog dann eine bunte Plastikpackung aus ihrem Parka… »Seifenblasenrevolver! Meine Mitbewohnerin liebt so nen Kram und sie hat morgen Geburtstag.«
Ich nickte zufrieden und dachte mit Godard-Stimme: Eine gute Geschichte braucht eben einfach immer ein Mädchen und eine Pistole. Dieses »[...] war Fragilität und Grazie, wirkte verloren in ihren [27] Jahren, schüchterner Charme und Arroganz, eigentlich war sie ein Mädchen, dass man nicht kontrollieren konnte.«
In meiner weißen Küche aßen wir Wassermelone und tranken Gin dazu, bis uns die Interzone gefangen nahm. »Wir lagen rauchend auf dem Rücken, das Licht war rau, beinahe konnte man es materialistisch beobachten, wir liebten uns in einem Raum aus Pappmaché und die Schwaden stiegen wie Papierflieger gegen die Decke. […] roll over Aphrodite, diese Lippen ließen mich willenlos werden, Mädchen komm, lass uns in der Interzone sterben.«
Irgendwann schliefen wir ein und der Wassermelonenzucker brachte die psychedelischsten Synapsenendpunkte hervor. Ich träumte von road trips in merkwürdig flashige Städte, von Schlapphüten an Autobahnraststätten, beerdigten Wasserpfeifen, Kinderbetten, die wie Piratenschiffe über Interzonewellen schunkelten.
Dass sich das Mädchen irgendwann aus dem Bett stahl, merkte ich nicht, aber als ich erwachte und mit Jean-Paul-Belmondo-Gestus im Bett saß, wusste ich bereits, dass man manchen Problemen eben nicht aus dem Weg gehen kann und wir nicht zum letzten Mal Wassermelone gegessen hatten.

Um die Form zu wahren, zog ich ein weißes Hemd über das ebenso weiße T-Shirt und verließ mit einer Tasse Tee und einem Ersatzbeutel das Haus. Die mittägliche Morgenluft erschien mir sehr passend und ich war gerade dabei, mich im Eisblau des Himmel zu verlieren, als mein Mobiltelephon Xylophon spielte. Ich konnte gerade noch den durchzogenen Teebeutel an einem Baumskelett abhängen, so dass er lässig schaukelte und nahm ab.
»Monsieur Flachè… es sind 16 Stunden vergangen… was haben Sie?«
Ich dachte einen Moment nach.
»Orte sind nichts als Heterotopien in der Interzone. Alles bleibt natürlich kompliziert und steht zwischen Beat- und Gegenwartsbildern… aber beschreiben möchte ich das nicht! Man muss das lesen! In den Rhythmus eintauchen und die Bilder mit der eigenen Person kurzschließen. Ganz ehrlich, aaaahhmm, dig das einfach!«

Johannes Hertwig

14.11.2013

Feuer unterm fränkischen Hintern
Literatur mit starken Bildern: »Der Trost von Telefonzellen«

Man könnte den Roman als fränkischen »Fänger im Roggen« bezeichnen, als
»Tschick« aus dem Nürnberger Land: Morgen kommt »Der Trost von
Telefonzellen« raus – Literatur und Kunstbuch in einem. Der starke Stilmix
wird in der Nürnberger Albrecht-Dürer-Gesellschaft vorgestellt.

Dass der Autor Joshua Groß »erst« 24 ist, wäre kein Ding – hätte er nicht einen klassischen Beat-Roman geschrieben. Ein Buch das, eindringlich wie Koks, vom Unterwegssein erzählt – wenngleich die jungen Protagonisten darin lieber Wasserpfeife rauchen: »Der Trost von Telefonzellen« ist ein Roadmovie aus der HipHop-Generation.
Tatsächlich fügte der Autor seine Grußadressen geschickt an beide Generationen: an Rapper, aus deren Songs er zitiert. Beatnik-Autoren wie Richard Brautigan, Hunter S. Thompson, J. D. Salinger oder Jörg Fauser erwähnt er namentlich, bezieht sie in Gedanken und Dialoge mit ein.
Doch liegt unter dem fränkischen Pflaster, über das Groß seine Helden Emil und Luca sprachstark von Altdorf aus Richtung Nürnberg schickt, weit mehr als nur eine Sandachse aus Zitaten.
Was das Entflammen sprachlicher Bilder betrifft, haben wir es mit einem Pyromanen zu tun: »Als wir auf die Autobahn wechselten, sahen die Wolken aus wie Feuerquallen im Tropfer an einem Krankenhausbett. Diese Jahrestage machten aus mir einen melancholischen Motherfucker«, schreibt Groß. Oder, noch großartiger: »Die Landstraße war rissig, lauter Schwangerschaftsstreifen.«
Ein VW-Bus, zwei Jungs: »Luca hatte den Bus damals von seinem Vater bekommen, als Ausgleich für etwas, das nicht auszugleichen war.« Solche Weisheiten, die gar nicht naseweis sind, lauern im Buch wie Tretminen. Und detonieren schon mal mit schwarzem Humor: »Wir konnten mit dem Bus fahren, weil Luca als Erstklässler in den Puff geschleppt wurde und ihm die Nutten bei den Hausaufgaben halfen, während sich sein Vater bei anderen Dingen helfen ließ.«
Es ist weniger die Handlung – auch das hat dieser Autor mit den Beat-Literaten gemeinsam –, die das Buch ausmacht, sondern das erzählerische Reinreißen in Augenblicke, die so flüchtig sind wie bizarr. Das fügt sich trefflich mit den Fotografien von Philippe Gerlach, dessen Bilder den Roman – unabhängig von der Handlung – quasi als stimmungsstarker Pro- und Epilog befeuern. Junges Lebensgefühl spielt die Hauptrolle in diesem erstaunlichem Debut, das bei mancher Härte im Hiphop-Zitat doch auch Wehmut transportiert – bis hin zum Titel, der auf die immer weniger  werdenden gelben Trostspender namens Telefonzelle anspielt.
Der Roman handelt von Aufbruch und Adoleszenz, von zwei Kumpels, die »wie Dachse mit hängenden Köpfen« loswollen, Liebeskummer spielt ebenso eine Rolle wie die Suche nach dem ganzen großen Sinn. Die Schnapsidee, einen Bücherverkaufsstand an einer fränkischen Landstraße, aufzumachen, nimmt insofern fiese Formen an, als sich ein Musikfestival – »Woodstock11« – herumgruppiert, das eskaliert. Endgültig aus den Fugen gerät die Story, als Emil und Luca auch noch zu gejagten Detektiven werden.
Mit fiktiven Zeitungsartikeln und Briefen an einen Instituts-Leiter hüpft der Autor zwischen den Stilformen hin und her – nötig gewesen wäre diese Form von Hiphop zum Gelingen des Buches nicht.
Dass ein echter Instituts-Leiter mit dem Buch-Projekt zu tun hat, liegt wiederum daran, dass die Publikation im »Starfruit«-Verlag von Manfred Rothenberger erscheint. Der leitet das Institut für moderne Kunst Nürnberg; »Starfruit« macht er nebenher, um bildende Künstler und Literaten für Buchprojekte zusammenzubringen.
Den Fotografen Philippe Gerlach (Jg. 1982) hatte Rothenberger schon einmal nach Nürnberg vermittelt – für eine Ausstellung im Zumikon.
»Ich wollte mal ein Buch für junge Leute machen«, sagt Rothenberger über seinen jüngsten Wurf. Das soll aber nicht heißen, dass nicht auch angejahrte Leser mit auf die Piste dürfen – respektive dabeisein, wenn die Präsentation morgen als Mix aus Lesung und Ausstellung ab 19 Uhr in die Albrecht-Dürer-Gesellschaft lockt.

Christian Mückl

14.11.2013

Jung und verrückt
Literarische Entdeckung: Joshua Groß aus Nürnberg

Solch ein fulminantes Literatur-Debüt hat es in Nürnberg seit langem nicht mehr gegeben: Der 24-jährige Schriftsteller Joshua Groß verblüfft mit seinem ebenso wilden wie poetischen Roman »Der Trost von Telefonzellen«.

Emil Mino und sein Kumpel Luca Tasso, die Hauptfiguren in dem Roman, sind so etwas wie wiedergeborene Beatniks in der fränkischen Provinz. Die beiden Lebenskünstler sind Rebellen ohne Grund, haben den Kopf voll irrer Ideen, keinen festen Job, Probleme mit ihren Freundinnen und eine große Sehnsucht im Herzen. Joshua Groß erzählt von der Schwierigkeit, erwachsen zu werden – aber wie!
Der Autor macht den Leser zu seinem Komplizen und lässt ihn nicht mehr los. Die Atmosphäre erinnert an Godards Kultfilm »Außer Atem« oder an Salingers Roman »Fänger im Roggen«, aber auch an die Bücher von Jack Kerouac, Richard Brautigan und Philippe Djan.
Der Jungautor ist aber kein bloßer Epigone, sondern spielt äußerst geschickt und bewusst mit popkulturellen Referenzen. Vor allem aber gelingen ihm starke poetische und surreale Bilder und Sätze wie: »Lieben wir uns noch, oder ist es nur ein Gedanke, den man hat, wenn man Rolltreppen hochfährt?«
Joshua Groß, der in Altdorf mit drei kleineren Geschwistern aufgewachsen ist und jetzt in Nürnberg lebt, ist bisher ein unbeschriebenes Blatt. Er hat die Waldorfschule in Wendelstein besucht, in Erlangen einen Bachelor in Politikwissenschaft und Okonomie gemacht und absolviert jetzt, gefördert vom Elite-Netzwerk Bayern, ein Aufbaustudium mit dem kryptischen Titel »Ethik der Textkulturen«. Dabei geht es vor allem um Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaft. Mit 17 hat er begonnen Gedichte zu schreiben, später auch Kurzgeschichten und Kritiken. Kontakte zur regionalen Literaturszene hatte er nie. »Mir ist klar, dass ich wahrscheinlich niemals vom Schreiben leben kann«, sagt Groß, der am liebsten mal einen Job im Kulturbetrieb haben würde.
Der Nürnberger Verleger Manfred Rothenberger, der auch das Institut für moderne Kunst leitet, war auf Anhieb von dem Manuskript begeistert und brachte Joshua Groß mit dem Berliner Fotografen Philippe Gerlach zusammen. Bei einem gemeinsamen Trip nach New York stellten die beiden fest, dass sie ähnlich ticken. Gerlachs Fotos bilden jetzt den atmosphärischen Rahmen für den Roman.
Natürlich ist es kein Zufall, dass die Lieblingsautoren von Joshua Groß Amerikaner wie Richard Brautigan, William S. Burroughs oder Allen Ginsberg sind. Die literarische Form ist ihm so wichtig wie der Inhalt, tatsächlich fesselt einen der erstaunlich souveräne Stil fast mehr als die zum Ende hin doch ziemlich abgedrehte Story.
Die besteht aus drei Teilen: Zuerst kaufen Mino und Tasso eine alte Telefonzelle und eröffnen auf einem Parkplatz bei Nürnberg ein Buch-Antiquariat; ungewollt entwickelt sich daraus ein fränkisches Woodstock-Festival.
Die beiden Kumpel fahren dann mit einem alten VW-Bus nach Berlin, bauen ein Piratenschiff und versuchen sich schließlich als Detektive in Flashcity. Außenseiter in einer Gesellschaft der Angepassten.
So verrückt das klingt, ist die Geschichte auch. Drogen spielen darin ebenso eine Rolle wie Pop- und HipHop-Musik als Soundtrack und Beziehungssystem. Joshua Groß trifft damit das unsichere Lebensgefühl junger Leute von heute und er hat Sinn für schrägen Humor. Deshalb verzeiht man ihm auch gerne ein paar altkluge Sentenzen und coole Posen: »Der Dichter ist so was wie ein Astronaut« oder »Der Sinn beginnt, wo die Sprache aufhört«.
Das Ganze ist ein erfrischend-literarischer Spaß und ein höchst aufregendes Debüt, das – wie man so sagt – Anlass zu den schönsten Hoffnungen gibt. Joshua Groß ist ein Name, den sich Literaturfreunde merken sollten. Sein Talent ist beachtlich, seine Kreativität verblüffend. Die Fortsetzung des Debütromans liegt bereits fertig in der Schublade, ebenso eine Novelle. Man darf gespannt sein.

Steffen Radlmaier

22.10.2013

Sphärenabgleich

Damit Sie, verehrter Leser wissen, woran Sie sind, vorab: Meine Helden heißen Mann, Kafka, Kleist, Schiller, Fontane etc. – Bücher, die nach 1930 erschienen sind, lese ich prinzipiell nicht. Aber die Redaktion teilte mir zu, »Der Trost von Telefonzellen« zu rezensieren, also las ich ein Buch, das nach 1930 erschien. Die Redaktion meinte, ich hätte den Autor schon einmal interviewt und kenne mich halbwegs mit seinen Texten aus. Wie die Redaktion darauf kam, weiß ich nicht. Ich kenne mich nur mit Texten aus, die vor 1930 erschienen sind. Sie, verehrter Leser, könnten sich fragen: Warum beginnt sie so? Ich antworte Ihnen: Ich weiß es nicht…
Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Joshua Groß erzählte mir einmal während eines umständlichen Telefonats, dass man Sphären erschaffen müsse, die ihre Frontscheinwerfer zwar auf die Welt richten, selbst aber nicht Welt seien. Ich nage an diesem Satz. Ich bevorzuge literarischen Realismus. »Der Trost von Telefonzellen« schwebt zwischen Realismus und einem zweiten Realismus, wenn ich das so sagen darf. Denn beim Lesen offenbart sich immer deutlicher, dass die Geschichte wohl gerade in dieser Sphäre spielt, die ihre Frontscheinwerfer auf die Welt richtet. »Der Trost von Telefonzellen« ist kein literarischer Realismus. Bekennen sich die Figuren? Ja, sie wollen, dass es anders wird. Ist dieses Bekenntnis offensichtlich? Nein. Ein Beispiel?
»Ich musste zugeben, dass ich mich im Leben ein bisschen zu wissenschaftlich aufführte und in der Wissenschaft ein bisschen zu lebendig (und diese ganzen Verdrehungen sind einfach nichts). Ich schaute zu, wie sich die beiden auf der Exploitation Road entfernten, dieser schmalen Straße im Verstand, die im bebenden Licht zittert wie Muskeln, die zu lange angespannt sind (welche Muskeln?).«
Die Protagonisten (Emil Mino und Luca Tasso) eröffnen auf einer abgelegenen Landstraße, die sie manchmal Exploitation Road nennen, einen Buchverkaufsstand. Es ist Sommer. Ihr Unternehmen artet sukzessive aus und bald wird ein wildes Musikfestival auf den umliegenden Wiesen gefeiert. Allerdings werden Emil Mino und Luca Tasso da bereits vom BND verfolgt. Eine aberwitzige Verfolgungsjagd entsteht. Man hat den Eindruck, als müssten die Geheimagenten, die ja eigentlich wichtigeres zu tun haben sollten, permanent Risse kitten, die von den Protagonisten in die Realität gerissen werden. Ich würde also sagen, die Agenten sind auf meiner Seite und unterstützen den literarischen Realismus. Dass Joshua Groß davon nicht viel hält, ist klar erkennbar. Allein der Terminus Exploitation Road suggeriert offensichtlich, dass sich der Autor manche Kniffe von Pulp, Schund und so genannten B-Movies abguckt. Mit zunehmender Dauer wird alles zunehmend verworren. Ein Fotograf meint, Emil Mino und Luca Tasso seien Detektive und erteilt ihnen den Auftrag, verschollenen Häuptlingsschmuck wieder zu beschaffen. Pikantes Detail: Der Häuptlingsschmuck wurde aus dem Karl May-Museum von einer betörenden Schauspielerin gestohlen. Die Schauspielerin ist mit dem Häuptlingsschmuck in ein Bergdorf geflohen. Wie heißt dieses Bergdorf? Flashcity. Was passiert dort? Lesen Sie es selbst. Außerdem enthalten: Die Protagonisten fahren nach Berlin, um einem Schriftsteller zu helfen, die Fantasie zu retten. Außerdem enthalten: Liebe und Enttäuschung. Außerdem enthalten: Endlose Gespräche zwischen Emil Mino und Luca Tasso.
So obskur das alles klingt, so wunderbar liest es sich, verehrter Leser. Das muss letztendlich sogar ich zugeben, trotz meiner eingangs erwähnten Abneigung gegen Literatur, die nach 1930 erschienen ist. Was da so in Flashcity passiert, wollen Sie wissen? Ein Auszug zum Schluss, der vielleicht klar macht, dass es scheinbar ums Ganze geht, so wenig sich das alles auch in nachvollziehbaren Bahnen abspielt:
»Wir lagen rauchend auf dem Rücken, das Licht war rau, beinahe konnte man es materialistisch beobachten, wir liebten uns in einem Raum aus Pappmaché und die Schwaden stiegen wie Papierflieger gegen die Decke. »Es ist ja erst eins«, sagte sie und drehte sich um, roll over Aphrodite, diese Lippen ließen mich willenlos werden, Mädchen komm, lass uns in Interzone sterben.«

»Der Trost von Telefonzellen« erscheint bei starfruit publications.

Gudrun Cleremont

Buchpräsentation von »Der Trost von Telefonzellen« am 15.11.2013 im Kunstverein Nürnberg – Albrecht Dürer Gesellschaft.