Bert Papenfuß
Ronald Lippok

Psychonautikon Prenzlauer Berg

Herausgeber:
Manfred Rothenberger und Institut für moderne Kunst Nürnberg
Gestaltung: Timo Reger
Gedichte und Texte: Bert Papenfuß
Zeichnungen: Ronald Lippok

216 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
Hardcover; 14 x 21 cm
Euro 21,00
ISBN: 978-3-922895-27-5

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Titel Psychonautikon

»Dort, wo einst Luschen und Ässer die Sau rausließen, / wird jetzt Berliner Luft eingewickelt. Hauptsache, / die Touristen amüsieren sich und machen keinen Krach, / und koksen uns nicht das ganze Strychnin weg.«
Bert Papenfuß

Im »Psychonautikon Prenzlauer Berg« prallen Weltraumpiraten und Paramilitärs, Kosmonauten und Glücksritter, Rotwelsch und Schwabenblagen, T. Rex und Franz Jung hart aufeinander.
Der Dichter und legendäre Berliner Kneipier (»Kaffee Burger«, »Kulturspelunke Rumbalotte continua«) Bert Papenfuß, eine der zentralen Figuren des künstlerischen Untergrunds der DDR, und der Künstler und Musiker Ronald Lippok (Ornament & Verbrechen, Tarwater) zeigen der Gentrifizierung des Prenzlauer Bergs den ausgestreckten Mittelfinger.

Durch ihr »Psychonautikon« wälzt sich ein kaum zu bändigender Informations- und Assoziationsstrom. Drei Gedichtzyklen (»Pißpott revisited«, »Pißpott revisited for worse«, »Pro tussi à gogo«), zwei Essays (»Abflugschneise Nordost«, »Das Haus der Anarchie«), zahlreiche Zeichnungen und zwei Interview-Passagen mit Annett Gröschner (»Psychonautikon des eigentlichen Prenzlauer Bergs«, »Psychonautikon der angeschlossenen Siedlungsabgründe«) werfen eine große Diskursmaschine an, zeichnen einen psychogeographischen Stadtplan aus Erinnerungen und Befürchtungen, in dem sich Stimmen aus verschiedenen Zeiten und Welten kreuzen und durchdringen.

Rebellische Widerständigkeit in Wort und Bild, »Verse zum In-Steine-Hauen, Wortmusik, die rockt« (Ralf Stiftel).
Damit ist zwar kein Buchpreis zu gewinnen, aber mit Sicherheit das ein oder andere wilde Herz.

29. Juni 2016

Kompanie Fußnoten, Underground-Sprech


Das »Psychonautikon Prenzlauer Berg«, erschienen in dem noch jungen Buchkunst-Verlag starfruit publications, ist ein vielschichtiges Stück Literatur, fast ein Marktplatz. Es werden, neben der zu erwartenden Lyrik, ein Großteil Gespräche und Plaudereien geboten, Essays, ein ganzes Arsenal Grafiken, Illustrationen, Karten, und als einzige Konstante eine in beinahe Foster-Wallace-haften Dimensionen sich befindende Kompanie Fußnoten. Wer Bert Papenfuß kennt, und die meisten werden es, weiß, worauf man sich einlässt. Ein Insider-Bänkelsang aus so gut wie allem, was seine schon beinahe legendäre lyrische Stimme ausmacht: ein breit aufgestelltes, enzyklopädisches Sammelsurium aus Verblüffendem, Gebildetem, Trivialem, Mundartlichem, Spielerischem, Parolenhaftem, Abseitigem, Menschlichem, Derbem, Sprachbewahrendem, Egalem und vor allem: dies alles gleichzeitig. Vorgetragen, und das ist dem Gesamtduktus des Buches geschuldet, in durchgehender Aufrichtigkeit.
Papenfuß integriert, was er findet, assoziiert und kombiniert neu. Das kann sehr anregend sein, oder auch scharfzüngig, pfiffig. Wie ein weitgereister Troubadour, der von fernen (Sprach-)Ländern berichtet, führt er gängige lyrische Konventionen ad absurdum, spielt mit den Formen, zeigt ihnen bisweilen seinen Mittelfinger, aber bewundert sie trotz allem glühend.
Die Gedichte sind sehr selbstbewusst und besitzen Schneid. Einflüsse der Großstadtlyrik der Moderne von Tucholsky, Brecht oder Kästner über original Beat-Atem sowie sozialistischem Underground-Sprech, Social Beat und improvisiert Assoziativem sind hörbar, doch über allem thront der originäre Papenfuß-Tonfall. an diesen Stellen ist das »Psychonautikon Prenzlauer Berg« am stärksten. Die Gespräche mit dem Künstler und Musiker Ronald Lippok, dessen Zeichnungen und subjektive Kartierungen einer städtischen Zone im Wandel namens Prenzlauer Berg sehr gelungen sind, und Annett Gröschner fügen dem Band allerdings erstaunlich wenig hinzu. Eher verwässern sie die dargebotene Lyrik, zumal bis auf Papenfuß selbst, der angenehm wenig in diesem Gespräch sagt, sich die Themen tatsächlich beinahe ausschließlich um Insider-Palaver drehen. Was ist das für eine Wohnung? Da hat doch der Dings gewohnt... Jetzt sind überall Leute, die hier nicht hingehören… und so weiter. Vielleicht wäre eine aufgezeichnete Variante dessen – ungedruckt, auf einem Tonträger – eine dezentere Lösung gewesen. Durch sie würden die Gedichte, die gegen Ende stärker in Prosa und agit-analytische Syntax fallen, um schließlich in zwei reine Essays zu münden, mehr Magie und weniger Dekonstruktion beziehungsweise Entmystifizierung erfahren.
Es stellt sich bei allen Gedichten – wie so oft bei Papenfuß – zudem die Frage, ob Patti Smith und Bob Dylan Fußnoten brauchten, um zu klingen. Die Antwort lautet nein. Papenfuß klingt. Aber bei seinem wie gehabt fast fetischhaften Umgang mit der Fußnote bringt sich seine Lyrik vielerorts um den eigenen Klang, die eigene Magie. Die meisten Anspielungen oder Lehnbilder könnten ohne weiteres als Partikel eines Kosmos wahr- und hingenommen werden. So aber bleiben sie manchmal ängstlich und kokett in einem seltsam um Korrektheit bemühten Textmisch, das wegen ihnen oft nicht abheben will. Papenfuß‘ »Psychonautikon« will gesprochen sein. Es ist eigentlich alles da. So wie es vorliegt, lähmt es sich stellenweise selbst.

Jonis Hartmann

Querköpfe, -denker, -leser

Auf der letzten Seite des »Psychonautikon Prenzlauer Berg« angekommen, lässt es sich nicht mehr leugnen: Eine Ahnung hat den Leser beschlichen, eine Ahnung von der Künstlerszene Prenzlauer Berg, von den 1980er Jahren bis heute. Keine rechte Ahnung hat man allerdings, wie das Buch das eigentlich geschafft hat.

Vielleicht sollte man zum Einstieg mittendrin, mit den »gelben Seiten« beginnen; in zwei Teile gegliedert findet sich, auf gelbes Papier gedruckt, ein Gespräch zwischen Annett Gröschner, Bert Papenfuß und Ronald Lippok. Und das hat schon etwas Lässiges. Der Verlag dringt nicht auf stringente, konzise Textsorten, stellt auch nicht einfach eine Audiospur online, sondern lässt entspannt plaudern und schreibt das mal eben so mit, rund 50 Seiten lang. Kommentiert werden hauptsächlich die von Papenfuß und Lippok erstellten »Stadtpläne«. Graphische Kartenausschnitte, die nicht auf Orientierung im Bezirk, sondern auf Einblick in die Köpfe der beiden Künstler, ihre Erinnerungen, ihre Perspektive abheben. Damit illustrieren sie hinlänglich, wie im Grunde auch die Gedichte von Papenfuß gearbeitet sind: »Gedanken wie Geäst zwischen den Zeiten«, individueller Zugriff auf einst oder gegenwärtig Erfahrbares, mit allerlei Skurrilitäten, Rätselhaftigkeiten durchwirkt, »Gedanken wie Geschling zwischen den Zehen«. Querlesen reicht für die Gedichte natürlich nicht, wenngleich man sie quer lesen muss, denn das ganze Buch ist quer gesetzt; gewissermaßen ein Literatur- Kalender ohne Kalender.

Auch Bert Papenfuß versieht seine Texte mit Fußnoten, verzichtet aber – anders als Kuhlbrodt – zumeist auf Kommentare und beschränkt sich auf genaue Quellenangaben und (zum Teil sehr ausführliche) Kontext-Zitate. Grundsätzlich neu ist die Idee, Gedichte mit Fußnoten zu versehen, freilich nicht. August Wilhelm Schlegel spöttelte bereits vor über zweihundert Jahren, dass derlei so gewitzt sei wie »anatomische Vorlesungen über einen Braten«. Sympathischerweise wird dieser Schlegel‘sche Einwand im Psychonautikon unerschrocken zitiert.

Den eigenen Worten fügt Papenfuß mit Lust und List seine Fundstücke bei, ganze Strophen mitunter, gerne Englisch, mitunter Russisch. Poetisch verwertbare Entdeckungen macht er allerorten, zum einen bei Kolleginnen und Kollegen wie Brecht, Novalis, Heine, Elke Erb, Ann Cotten, zum anderen auf Internetseiten, Grabsteinen oder in »einem Grafitti (sic!) auf dem Herrenklo«.
(Szene-)Anspielungen werden gemacht, Lokalkolorit und Ostsozialisation scheinen auf (ohne in den Fußnoten kommentiert zu werden), so dass eine spannende Frage wäre, wie und wo genau die Leseeindrücke von Ost und West, In- und Outsider divergieren.

So sind die Texte letztlich postmoderne Collagen, immer für eine Überraschung gut, dabei selten völlig eingängig und gerade deswegen zur Mehrfachlektüre ermunternd; oder besser ausgedrückt: »das Versteck der Sinne ist unangespannt, / vielsagend Mark um Deut das Wortgeflecht, kirrem Gedanken folgt klirrendes Geschirr, / dem Schlangenverderben das Wurmwerden.« Auch die Graphiken von Lippok sind in der Gesamtschau heterogen, mal klein im Fußnotenbereich, mal die Doppelseite ausfüllend, mal eher abstrakt, nebulös, surreal, mal gegenständlicher, stets passend und unpassend zugleich.
Essayistisch klingt der Band aus und konstatiert durchaus treffend für den Prenzlauer Berg: »Er ist überall, wo nicht nirgends ist«. Fest steht aber auch: »Wo Bert Papenfuß steht, ist Prenzlauer Berg.«

Lutz Graner

26. Mai 2016

Trinken und Denken

Wie Sternenhaufen entstehen: Angewandte alltagswissenschaftliche Dichtungen und Diskussionen im »Psychonautikon Prenzlauer Berg«

Als voriges Jahr der Herbst begann, zog die »Rumbalotte« aus dem Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg fort. Aus der Kneipe wurde ein Verein, der wiederum eine Kneipe ist, am Rand von Pankow, aber nicht mehr täglich geöffnet hat. Ja, man konnte im fast durchgentrifizierten Prenzlauer Berg unarschlochmäßig ausgehen, und man kann es immer noch hier und da. Aber es ist nicht einfach.
»Mareile und mir ging das Stammpublikum in erster Linie auf die blankliegenden Nerven, weil der Umsatz nie reichte, anfallende Kosten und Unkosten zu bestreiten. Stark anzuzweifeln ist auch, ob wir mit den Tausenden demnächst in die Straßburger Straße ziehenden Miethochpreislern und Eigentumswohnern auskommen würden«, schreibt der Dichter und Kneipier Bert Papenfuß in dem Buch »Psychonautikon Prenzlauer Berg«, einer poetischen Rückschau auf fünf Jahre Alkoholopposition gegen die Zudringlichkeiten der braven schlimmen Ordnung des westdeutschen Kolonialismus, der die DDR aufgegessen hat, obwohl sie ihm nicht schmeckte.
»Alles, was wir ›Brüder und Schwestern‹ / in Staatsbürgerkunde über Westdeutschland / gelernt haben, war richtig! Konsequenterweise / war alles, was die Westdeutschen über die DDR / gelernt haben, zumindest so unrichtig, dass ›falsch‹ / nicht das richtige Wort dafür ist, stimmt doch, oder?« heißt es in »Keine Ursache, mitnichten«, einem dieser weitentwickelten Fußnotengedichte von Papenfuß aus dem Jahr 2014. »Candy says«, »Caroline says«, »Lisa says« hieß es bei Lou Reed, bei Papenfuß heißt in der Fußnote zu den obigen Zeilen »… sagt Mareile«. Das ist seine Frau, Frau Mareile Fellien. Sie verschickt immer noch die Rumbalotte-Programm-Mails für ihren neuen Ort in der Willner Brauerei, Berliner Straße 80.
Das Grundproblem der Gesamtstadt ist neben der Verteuerung der Vereinzelung im kapitalistischen Realismus die Verödung und Verblödung der Nacht. Die Ausmaße der fortschreitenden Katastrophe lassen sich ermessen, wenn man einem Gespräch folgt, das die drei Ostberliner Kneipenveteranen Bert Papenfuß, Ronald Lippok und Annett Gröschner über das Nachtleben vor und nach 1989 führen und das in dem »Psychonautikon« abgedruckt ist. Die Grundlage dieser Unterhaltung bilden Stadtpläne der Ausgeh-Erinnerung, die Lippok angefertigt hat. Der Musiker und Künstler hat Nachbarn, Nachhausewege, Netzwerke und Nischen imaginär kartographiert und diskutiert diesen »stereoskopischen Blick« mit dem Dichter Papenfuß und der Schriftstellerin Gröschner. Was war wichtig, was löst welche Assoziationen aus? Das ist angewandte Psychogeographie, von der die Situationisten in ihren Erklärungen meistens nur geredet haben.
Ein Auszug:
»Roland: Was wir jetzt beobachten, ist ja, dass so ein nächtlicher Ausflug in dem Gebiet, von dem wir sprechen, mittlerweile kaum noch möglich ist.
Annett: Ich bin ja sehr oft nachts unterwegs, und seit fünf, sechs Jahren ist der Prenzlauer Berg nachts total ausgestorben. Die Leute, die dir auf einem Kilometer begegnen, kannst du an einer Hand abzählen. Was auch an den Rändern des Wedding so ist, also es ist nicht nur Prenzlauer Berg tot. Die meisten Kneipen machen in der Woche vor Mitternacht zu. Da werde ich gerade wach.
R.: Das liegt natürlich auch an den Alkoholpreisen. Das war doch normal, dass nach der Wende alle Kneipen so lange offen hatten, wie Gäste da waren. Die Leute haben aber auch eine andere Disziplin oder führen überhaupt ein anderes Leben mit anderen Herausforderungen. Die meisten Menschen sind heute nicht mehr so die Creatures of the night.
A.: In Zeiten der Selbstoptimierung fällt zuerst die Party weg. Die gepflegte Afterworkparty natürlich nicht, aber das Abstürzen.
R.: Eher diese Art Exzess. Es ist ja physisch auch nicht ganz ohne, die ganze Nacht durchzubringen. Wir sprechen jetzt gar nicht von 9-to-5-Jobs, wir sprechen davon, dass die Leute auch zu Hause früh um acht an ihren Computern sitzen müssen.«
Ein alltagswissenschaftlich hochinteressantes Gespräch, zur Schullektüre ab 14 Jahren empfohlen. Es geht hier stets um die Kneipe, Stampe, Schankwirtschaft, nie um das Café oder die Bar der milchgeschäumten, aperolgespritzten Gegenwart. Um Menschen, die trinken und denken. Ungefähr derart wie Papenfuß 2010 dichtete: »Kurz nach der letzten Runde bilden sich in der verdichteten / Materiewolke der Ex-Supernova zierliche Klumpen; / es entstehen Sternenhaufen der leichteren Bauart, die sich in der Metzer Straße verteilen. / Wir selbst sind ein einzelner Stern; / in der uns umschwirrenden Scheibe / entstehen nach und nach Planeten. / Durch, durch den Kosmos, / ran an das Pflaumenmus. / Raus aus der Materie, / rein in die Kartoffeln. / Rum um die Kalotte / rein in die Spelunke.«

Christof Meueler

7.3.2016

»Es gibt keine Freiheit in der Diktatur der Bourgeoisie, Demokratie genannt«. Das ist die Stimme von Bert Papenfuß (60), Verursacher dieses unverblümten Bilderbuchs aus der Mitte der Berliner Subkultur. Kleinstmögliche Zielgruppe, aber klasse gemacht! Angesprochen fühlen werden sich Menschen, die alt genug sind, um die unabhängige Künstlerszene in Berlin, Prenzlauer Berg der Jahre 1970 – 1989 mit einem Satz klar umreißen zu können.

 Jüngeren Lesern wird sich die eine oder andere der ätzend direkten Kiez- Anspielungen nicht erschließen. Denn der in Mecklenburg-Vorpommern geborene Papenfuß, einst Bausoldat der NVA, später Dichter und Kneipier, hat mit dem Berliner Musiker und Maler Ronald Lippok sowie der gebürtigen Magdeburger Journalistin Annett Gröschner hier ganz tief in die Mottenkiste gegriffen, um das Kiez-Flair zumindest verbal gegen die Verspießerung und den Pankow-Schick zu verteidigen. Drei Gedichtzyklen, Interviews, Lippoks Zeichnungen, alles schwarz-gelb und frech im Querformat. Musik, Kneipenkultur, Wut und Politik: alles drin.
Große Bestände dürfen dafür gerne ein wenig Platz im Regal machen!

Connie Haag

März 2016

Das Zentrum von Überall

»Dort, wo einst Luschen und Ässer die Sau rausließen, wird jetzt Berliner Luft eingewickelt.« Klare Ansage für ein Bilder-Textbuch, das sich der Auflösung eines mentalen Biotops, der Gentrifizierung des Prenzlauer Bergs, widersetzt, ganz im Sinne von Bert Brecht in seinem Poem »Vom Sprengen des Gartens«: »Und übersieh nicht zwischen den Blumen das Unkraut, das auch Durst hat.« Aber Bert Papenfuß (60) vollzieht seine Sprengungen nicht mit Wasser, sondern mit Worten. Es kracht mitunter ganz schön. Papenfuß war im einstigen DDR-Untergrund eine wichtige Persönlichkeit, gerühmt als Kneipier der im Herbst 2015 geschlossenen Kulturspelunke »Rumbalotte continua«, empathisch als Dichter. Seine Poem-Zyklen sind wortreich, unverblümt, schroff: ein Strom voller Stimmen und Assoziationen. Bert Papenfuß erklärt den enigmatischen Buchtitel schlicht so: »Sagen wir mal: Das Buch ist ein Seelenführer durch den Prenzlauer Berg«. Also ein mentaler Stadtführer durch einen längst geplätteten Bezirk, der einst geprägt war von dieser schlichten Weltanschauung vieler Berg-Insassen: »Rumzicken, Durchticken, Rumficken und Durchblicken.«
Papenfuß selber gehört wohl zu dem Typus des poetischen Anarchisten: Zahllose Veranstaltungen, Lesungen, Koops mit Künstlern und Musikern und natürlich diverse Druckwerke pflastern seinen Weg, der kein Ziel kennt. Sein Prenzlauer Berg kann auch verstanden werden als Synonym für einen Lebens-Raum: »Er ist überall, wo nicht nirgends ist«. Minimalistisch, kongenial, kafkaesk und sehr prägnant sind im Buch die Schwarzweiß-Zeichnungen von Ronald Lippok, seinerseits einst Drummer der Ostrock-Punkband »Rosa Extra«, Weggefährte von Papenfuß und Mitbegründer des Musikprojekts »Ornament & Verbrechen«. Herausgeber Manfred Rothenberger hat mit diesem Buch ein weiteres Kunst-Literaturprojekt realisiert, das in Sachen Originalität und eben auch Sorgfalt in der Gestaltung seinesgleichen sucht.

Jochen Schmoldt

10. Februar 2016

Der Punk aus der Kleinstadt

Bert Papenfuß ist ein Lyriker, dessen Texte in der DDR verboten waren. Der Punk Papenfuß prägte die Ostberliner Szene wesentlich mit. Nach der Wende erhielt er zahlreiche Lyrik-Preise. Was wenige wissen: Seine Wurzeln liegen in Stavenhagen. Silke Voß unterhielt sich mit dem Enfant terrible des Ostens über Mecklenburg.

Herr Papenfuß, Sie kennen den Prenzlauer Berg aus einer Zeit der leeren Häuser mit abgeratzten Buden samt Außentoilette, des nächtlichen Bierholens aus Kohleeimern, endloser Spaziergänge auf Mietshaus-Dächern. Ganz anders als das Leben in der DDR-Provinz. Hat die dörfliche Enge ihre später gelebte Anarchie geprägt?
Naja, nicht unbedingt. Ich glaube, junge Leute mit 17 kommen überall auf den Trichter, sich gegen Autoritäten zu wehren. Das hängt ja auch davon ab, ob jemand vom Dorf oder einer Kleinstadt kommt, wie die persönliche Konstitution beschaffen ist und so weiter. Dass es in Mecklenburg nun besonders engstirnig war, kann ich auch nicht behaupten. Die Leute sind hier genauso nett und genauso bekloppt wie anderswo auch.
Wie lange waren Sie in Stavenhagen?
Geboren bin ich 1956 in der Reuterstadt, aufgewachsen bin ich aber bei meiner Oma mütterlicherseits und den Urgroßeltern in Jürgenstorf. Allerdings war ich oft bei Verwandten und Bekannten in Stavenhagen. Ab 1961 lebte ich dann bei meinen Eltern in Greifswald, war aber bis Anfang der 70er Jahre oft in den Ferien in Jürgenstorf.
Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit?
In Pribbenow im Krug habe ich mein erstes Bier getrunken und Skat gespielt, in Kittendorf war ich zum Jugendtanz, war in Waren baden und so weiter. Es ist alles schon so lange her.
Sind Sie jetzt manchmal noch in den Orten Ihrer Kindheit?
Bis Anfang der 80er Jahre war ich noch des öfteren mit meiner Frau und Tochter in Jürgenstorf und Stavenhagen, danach seltener, seit der Wende wohl gar nicht mehr.
Inwieweit hat Mecklenburg Ihr literarisches Schaffen geprägt?
Wenn man aus der Reuterstadt und umliegenden Dörfern kommt, hat man – abgesehen von beziehungsweise aufgrund der eingeborenen Mentalität – natürlich auch einen Zugang zu Reuters Sprache. Plattdeutsche Wörter, Worte, Einsprengsel und längere Passagen finden sich überall mehr oder weniger versprengt in meinen Büchern.
Wo ist Heimat für Sie?
Seit der Kindheit lese ich gern Karten, bin ich fasziniert von Orts-, Flur,- und Gewässernamen. Man kann Rügen ebenso gut Hawaii nennen. Es ist überall wie in Cornwall. Es kommt auf das Herz an, schreib ich einmal. Ich persönlich mag Bunkerstationen, Felsüberhänge und Hünengräber...

Zur Person:
Bert Papenfuß-Gorek, 1956 in Mecklenburg geboren, gehörte zu den bedeutendsten Protagonisten der alternativen Künstlerszene im Prenzlauer Berg. Als Dichter, Gitarrist, Sänger und legendärer Berliner Kneipier prägte er die Subkultur in diesem Berliner Stadtteil – der laut Papenfuß heute »völlig verspießert« ist. Er zog nach Weißensee, »da ist es cooler, es gibt sogar alte Leute und Prolls«. Seine Lyrik, gekennzeichnet durch provozierende Assoziationen, Anarchie, Angriffslust und Sprachkritik, wurde in der DDR nicht veröffentlicht. Papenfuß publizierte daher im Untergrund oder trug seine Texte in Begleitung von Rock- oder Punkbands vor. Als Nonkonformist flog er von der Erweiterten Oberschule Greifswald, schlug sich dann als Statist, Aktmodell, Elektronikfacharbeiter und Theaterbeleuchter Mitte der 1970er nach Berlin durch. Gab Zeitschriften wie »Sklaven« und »Gegner« heraus, gründete die Kulturspelunke »Rumbalotte« als »Hort der Erholung vom umgebenden Kommerz- und Tourischnickschnack«. Der Bohemian hielt damit im Ex-Szenebezirk Prenzlauer Berg, wo heute das »Latte-Machiato-Bio-Biedermeiertum« bildbestimmend ist, eine letzte Bastion gegen die Gentrifizierung hoch. 1991: F.-C.-Weiskopf-Preis, 1996: Stadtschreiber zu Rheinsberg, 1998: Erich-Fried-Preis. Jüngst erschienen: »Psychonautikon Prenzlauer Berg«, starfruit publications, Fürth.
 
Silke Voß

Nr. 2/2016

Interview mit Bert Papenfuß

Bert Papenfuß ist gerade 60 geworden. Wir sprachen mit dem Lyriker und Anarchisten über letzte Horte der Resistenz im Bezirk, Saufen mit Peter Brasch bei Trümmerkutte und sein mit Ronald Lippok zusammengestelltes neues Buch »Psychonautikon Prenzlauer Berg«.

Bert Papenfuß Geboren am 11.1.1956 in Reuterstadt Stavenhagen, Lyriker der Subkultur in Prenzlauer Berg, Kooperationen mit Musikern und Künstlern, Mitherausgeber vieler Zeitschriften (z.B. »Sklaven«, »Abwärts!«), anarchistischer Kulturkneipier (Kaffee Burger, Rumbalotte continua)..

tip Glückwunsch zum 60. Geburtstag, Bert Papenfuß. Werden Sie jetzt melancholisch?
Bert Papenfuß Nee, eigentlich nicht. Mit 19 konnte ich mir nicht vorstellen, 20 zu werden, geschweige denn 91. Und heute bin ich eben 60. So.
tip Im September haben Sie nach 15 Jahren Ihren Quasi-Zweitberuf als Kneipier aufgegeben: mit dem Ende der Kulturspelunke Rumbalotte continua in der Metzer Straße.
Bert Papenfuß Ja, es begann 1999 mit dem Kaffee Burger. Das habe ich neun Jahre lang gemacht, zusammen mit Karl-Heinz Heymann und Uwe Schilling. Und nach einem Jahr Pause noch mal fünf Jahre die Rumbalotte.
tip Fehlt Ihnen jetzt schon die Tresenarbeit?
Bert Papenfuß Überhaupt nicht, nee. Die Rumbalotte war für meine Frau Mareile und mich ein sehr anstrengender Job. Der Laden lief nicht gut genug. Wir konnten nicht wirklich davon leben.
tip Weil das Stammpublikum nicht ausreichte?
Bert Papenfuß Da haben sich ja auch Touristen hin verlaufen, in der Nähe sind viele Hostels. Die dachten, das wäre eine ganz normale Anarchokneipe, oder ein linkes Informationszentrum. Andere haben das für eine harte Musik-Bar gehalten. Ein paar haben aber auch begriffen, dass es ein Hort der Prenzlauer-Berg-Resistenz war.
tip Einer der letzten im Bezirk.
Bert Papenfuß Alle kennen ja die Situation. Der Prenzlauer Berg ist konsolidiert für eine bestimmte Populationsschicht, die ich jetzt nicht näher beschreiben muss. Aber auch diese Leute haben Kinder, die irgendwann groß sind. Dann werden sie merken, dass hier nichts los ist. Wenn sie sich amüsieren wollen, müssen sie nach Neukölln oder Kreuzberg. Gesellschaftliche Umbrüche haben Konsequenzen: Gentrifizierung, Degentrifizierung, Reconquista, Anarchie usw. usf.
tip Wie genau meinen Sie das jetzt?
Bert Papenfuß Wie ich’s gesagt habe: Berlin ist nicht aller Tage Abend.
tip Was bedeutet eigentlich das Wort »Psychonautikon« im Titel des neuen Buches?
Bert Papenfuß Sagen wir mal: Das Buch ist ein Seelenführer durch den Prenzlauer Berg, schon seit der Konzeption ein Standardwerk.
tip Eigentlich sollte es ja »Pißpott Prenzlauer Berg« heißen, wie eine originalgraphische Edition, die Sie – wie dieses Buch – mit dem Musiker Ronald Lippok (Tarwater, To Rococo Rot) gemacht haben.
Bert Papenfuß »Pißpott« bezieht sich auf das Märchen vom Fischer und seiner Frau. Dass man diverse Stufen der Entwicklung durchlebt und am Ende wieder auf seinen Ursprung zurückgeworfen wird. So ähnlich erschien Ronald Lippok und mir die Situation im Prenzlauer Berg. Als wir dort Anfang der 80er-Jahre anfingen, gab es keine Veranstaltungsorte für die Art von Kultur, für die wir standen. Kurz nach der Wende hatten wir ein reges kulturelles Leben in Prenzlauer Berg. Dann wurde es nach und nach wieder abgebaut. Und zum Schluss ist es so wie zu Beginn: Man will ein Konzert veranstalten.  Aber wo eigentlich? Wo?
tip Vielleicht zurück dorthin, wo alles anfing – zu den Performances in Wohnungen?
Bert Papenfuß ScHappy hat mir neulich erzählt, er mache jetzt wieder Wohnungslesungen.
tip Peter Wawerzinek alias ScHappy gehörte wie Sie zur legendären Prenzlauer-Berg-Connection – der Subkultur in Ostberlin.
Bert Papenfuß Er wohnt ja direkt im Herzen der Bestie: am Kollwitzplatz (lacht). Der Prenzlauer Berg hat sich damals auch in Mitte abgespielt, oder in Friedrichshain. Und wir haben vorzugsweise in Friedrichshain gewohnt. Adolf Endler hat zwar später diesen Begriff der »Prenzlauer-Berg-Connection« geprägt, aber das hing viel eher damit zusammen, dass relativ viele Veranstaltungen in Prenzlauer Berg stattfanden – und auch unsere Kneipen dort waren.
tip Auf einer von Lippoks wunderbar stilisierten Karten im Buch sind einige zu sehen.
Bert Papenfuß Klar, wir sind ins Café Mosaik in der Prenzlauer Allee gegangen, ins Wiener Café in der Schönhauser Alle, ins Fengler in der Lychener Straße. Oder ins Burger in den 70er Jahren.
tip Eine andere war Trümmerkutte an der Ecke Oderberger Straße / Kastanienallee.
Bert Papenfuß Das war eine Kneipe für Peter Brasch, der hat um die Ecke in der Choriner gewohnt. Wenn ich mal bei Trümmerkutte war, dann mit Peter Brasch nach einer durchsoffenen Nacht. Der machte sehr früh auf. Um vier oder fünf Uhr. Gut für die Nachtschwärmer.
tip Hat Ihnen die langjährige Kneipenerfahrung später hinterm Tresen was gebracht?
Bert Papenfuß Das hat im Kaffee Burger dazu geführt, daß ich sofort Tresenverbot hatte – da ich am Tresen immer so großzügig bin und alle meine Freunde einlade.
tip Die alte Prenzlauer-Berg-Szene wirkt ja als Schlagwort fort. Aber auch literarisch?
Bert Papenfuß Viele haben sich zurückgezogen. Stefan Döring macht kaum noch was. So ähnlich wie Henryk Gericke, der auch nur alle fünf Jahre mal ein Büchlein rausbringt. Von vielen hört man gar nichts mehr. Detlef Opitz arbeitet immer zehn oder 15 Jahre an einem Buch. Ein paar sind gestorben, wie Peter Brasch. Wer ist eigentlich noch literarisch aktiv (grübelt)? ScHappy, ich. Döring hin und wieder.  Aber sonst?
tip Jan Faktor – der aber der Szene entsagte und im Jahr 2000 in einem Text darlegte, »warum aus uns nichts geworden ist.«
Bert Papenfuß Die Vorwürfe hat er schon 1984 erhoben. Immer wieder über die Jahre. Diszipliniert euch! Sauft nicht so viel! Verderbt euch die zwischenmenschlichen Beziehungen nicht durch die ganze Rumfickerei! (lacht)
tip In einem Ihrer Texte im Buch schreiben Sie ja von der angeblichen Prenzlauer Berger Redensart »Rumzicken, Durchticken, Rumficken und Durchblicken«. Laut Fußnote ein Zitat aus: Diktatorenkollektiv (Hg.). »Lohn und Sanktion. Wie wir sprachen – was wir wurden. Lexikon und Idiotikon der Prenzlauer Berg-Untertagesprache«. Erscheinungstermin: 2017. Im Netz findet man dafür unter einem Ihrer Texte aber auch ein früheres Datum: 2013.
Bert Papenfuß Ja, ja. Wir arbeiten schon lange daran (lacht).  Steht da nicht auch noch etwas vom Kapitel »Prenzlauer Berg rhyming slang«?
tip Ja. Das Projekt gibt es also wirklich?
Bert Papenfuß Ich bin ein Mitglied des Autorenkollektivs. Wir wollen einfach mal die ganzen klandestinen Ausdrücke zusammentragen, die man in den 70er- und 80er-Jahren benutzt hat.
tip Wie geht es nach dem Ende der Kulturspelunke Rumbalotte continua weiter?
Bert Papenfuß Wir betreiben die Rumbalotte als Verein. Jetzt haben wir ein Vereinslokal in der Willner-Brauerei in Pankow. Da gibt es einen Biergarten, ein paar kleine Gewerke wie eine Kaffeerösterei und diverse Clubs. Es war ja auch immer so, dass wir unsere Veranstaltungen auch in befreundeten Kneipen gemacht haben: im Baiz oder im Lokal – dem ehemaligen Pieper –, und im Luxus von Stefan Döring.
tip Sie selbst sind vor vier Jahren nach Weißensee ins Komponistenviertel zu Ihrer Frau gezogen. Wie sind die Kneipen dort?
Bert Papenfuß Wir gehen da eigentlich nicht in die Kneipe. Gibt ja keine richtige. Gegenüber ist ein Kubaner. Das war früher mal die »Baiz von Weißensee«. Aber der Vermieter hat irgendwann viel mehr Miete verlangt, das war’s dann. Das Komponistenviertel ist sozusagen der verlängerte Prenzlauer Berg.
tip Der Prenzlauer Berg zieht Ihnen also quasi hinterher, Herr Papenfuß!
Bert Papenfuß Natürlich! Ein Bio-Ding nach dem anderen, eine Cocktail-Bar nach der anderen! Weiter hinten gibt es immerhin noch einen Antifa-Laden, die Bunte Kuh, die ist schon ewig da. Für die bin ich jetzt allerdings zu alt.

Interview: Erik Heier

29. Dezember 2015

Im Viertel stets aufs Ganze

Kunstbuch, Szene-Bibel: »Psychonautikon Prenzlauer Berg«

Bei »starfruit« ist jetzt das Kunstbuch »Psychonautikon Prenzlauer Berg« erschienen. Der Untergrund-Dichter Bert Papenfuß und der Zeichner Ronald Lippok wagen darin wilde Würfe in Wort und Bild.

Wer als Kneipenbetreiber tolle Schänken aus den Ruinen des Ostens stampfte und sie zum Beispiel »Kulturspelunke Rumbalotte continua« taufte, der macht auch als Dichter nicht halblang, wenn es im Viertel aufs Ganze geht. Bert Papenfuß jedenfalls, dieser schillernde Berliner Wirtshaus-Rimbaud, dieser hartgesottene Nachtlokalerfinder (»Kaffee Burger«) und diese zentrale Figur des künstlerischen Untergrunds der DDR, hat gemeinsam mit dem Zeichner und Musiker Ronald Lippok (»Ornament & Verbrechen«) ein Buch erarbeitet, in dem Erinnerung wie Befürchtung pulsieren. Der aktuellen Gentrifizierung des verblühenden Szeneviertels ihres Herzens treten die beiden als Prenzlonauten damit heftig in den Hintern.

Monster des Morgengrauens

»Dort wo einst Luschen und Ässer die Sau raus ließen, wird jetzt Berliner Luft eingewickelt. Hauptsache, die Touristen amüsieren sich und machen keinen Krach, und koksen uns nicht das ganze Strychnin weg«, schallt es aus den Zeilen des Herrn
Papenfuß. Und Lippok flankiert ihn passend mit ein paar Motiven, die sich als Monster des Morgengrauens ebenso einordnen ließen wie als Archaik im letzten Licht. Das sitzt.
Manfred Rothenberger wiederum, der sich neben seinem Brotjob als Direktor des Nürnberger Instituts für moderne Kunst seit 2009 einen kleinen Liebhaber-Verlag namens »starfruit« leistet, um darin furchtlos Literatur mit bildender Kunst zu kreuzen, packt auch diesen Stier bei den Hörnern, wenn er sagt: Mit so einem Werk sei zwar »kein Buchpreis zu gewinnen, aber mit Sicherheit das ein oder andere wilde Herz«.
Das ist tief gestapelt. Die Stiftung Buchkunst etwa hat vor wenigen Monaten die starfruit-Veröffentlichung »Magische Rosinen« von Joshua Groß und Philippe Gerlach als »eines der schönsten Bücher des Jahres 2015« gepriesen. 2013 heimste Rothenberger für sein Engagement einen Staatspreis für Kleinverlage ein. Die Auflage bei starfruit liegt so bei 1.000 bis 1.500 Stück.
Zurück zu den schlagenden Herzen der Kiezkartographen Papenfuß (Jg. 1956) und Lippok (Jg. 1963) und ihrem Kosmos der Künste, zurück zu diesen Stadtführern der anderen Art in ihrem Rausch der Zeilen, Zeichen und Zeiten. Drei Gedichtzyklen mit den deftigen Titeln »Pißpott revisited«, »Pißpott revisited für worse« und »Pro tussi à gogo« erhält ihr gelbschwarzes Buch mit einer Rüsselzeichnung vorne drauf. Zwei Essays kommen noch dazu.
Was es mit dem Begriff »Psychonautikon« auf sich hat, ist dann im Interview zu erfahren, das Annett Gröscher den beiden Raumgestaltern für Idealisten und Fantasten abgerungen hat. »Psychonaut« sei eine »Bezeichnung für einen Drogenfreak«, eröffnet Papenfuß neue Horizonte und Lippok fügt beflissen hinzu: »In Anlehnung an Kosmonaut. Jemand, der nicht den Kosmos, sondern die Seelengründe erforscht.«
In Papenfuß’ Versen und Zeilen samt ihren so unterhaltsam wie wahnwitzig anmutenden Quellenverweisen aus Kunst, Punk und Politik fließen Weltraumpiraten und Paramilitärs, Nachtgiger und Glücksritter, Rotwelsch, Aufruhr, Begehr und Verzehr als gewaltige Gedankenströme zusammen, ja, geraten hart aneinander.

Das Bier war im Eimer

Wohn-Dächer und Kneipen, Friedhöfe und Autobahnen, real existierende Straßennamen und fantastische Gedenkstätten wie »750 Jahre im Eimer« weisen dann die Orientierungspläne und schwarz gezeichneten Straßenkarten auf, die das Szenegebiet Prenzlau mit internen Bezugspunkten zeigen. Als so genannte Scherzkarten gab es solche Graphiken von fantastischen oder verfremdeten Landkarten in der Kunstgeschichte bereits seit dem Barock.
»Im Eimer« wiederum hieß nicht nur ein Club, von dem Papenfuß und Lippok im Interview berichten, im Eimer war zuweilen auch das Bier, das zuweilen in Literkübeln aus Kneipen in die umliegenden Wohnungen geholt worden ist, wie die Psychonauten sich erinnern. Bier als ein Balsam im Prenzlauer Berg.

Christian Mückl

27. Dezember 2015

Hochheiliger Nibelungenquatsch


»Psychonautikon Prenzlauer Berg« – eine Kulturgeschichte der poetischen Renitenz

Es war einmal ein blendend aussehender Dichter in schwarzer Lederkluft, der den Mythos der poetischen Renitenz im Prenzlauer Berg mit sehr wortnärrischen, politisch respektlosen, aufsässigen Gedichten begründete. »dreizehntanz« hieß der Gedichtband, mit dem der experimentelle Wortartist Bert Papenfuß-Gorek 1988 »gegen ferfestigungen / ferfestigter zungen« anschrieb und die herrschende Grammatik des SED-Staats aus den Angeln hob. Um die vorlauten Rivalen aus der subliterarischen Szene der »Prenzlauer-Berg-Connection« in ihrem Übermut ein wenig zu dämpfen, hatte damals der Dichter Volker Braun in »Sinn und Form« einen sehr boshaften Aufsatz  veröffentlicht, der die rebellischen Gesten der von ihm belächelten »Neutöner« doch deutlich relativierte. »Unsere jungen Dichter«, so Braun damals, »verbrauchen ihre Fantasie an Tunnels und Fesselballons, ihre ›monologe gehen rechtens fremd‹, Fluchten wieder, aber auf Hasenpfoten ... unsere vermeintlichen Neutöner, Hausbesetzer in den romantischen Quartieren (wo sie sich ordentlich führen), sind wohl gute Anschaffer, die fleißig auf den Putz hauen, Hucker, nicht Maurer.« Als Hauptverantwortliche und Unterstützerin dieser ästhetisch renitenten Poeten hatte Volker Braun die von ihm so apostrophierte »Flip-out-Elke« ausgemacht, die an poetischer Aufsässigkeit seit je interessierte Elke Erb, die mit der Anthologie »Berührung ist keine Randerscheinung« (Kiepenheuer & Witsch 1985) den Aufbruch der jungen Poeten in der DDR motiviert und dokumentiert hatte.
 
Dreißig Jahre nach Volker Brauns Ironisierungen der Prenzelberg-Dichter hat sich die Szenerie von Grund auf verändert. Nach Sascha Andersons literarischem Offenbarungseid als Mitarbeiter der Stasi war das Ansehen der experimentell ambitionierten Dichterszene im Berliner Osten dramatisch gesunken.
Bert Papenfuß indes blieb der Gralshüter der anarchistischen Bewusstseinshaltung und die Zentralfigur der poetischen Renitenz. Während viele experimentell ambitionierte Dichter aus jenen Aufbruchsjahren in die Komfortzonen des Literaturbetriebs abwanderten oder in der Bedeutungslosigkeit versanken, erfand Papenfuß immer neue Kraftorte des literarischen Anarchismus. Zunächst waren es Zeitschriften im Geiste des Dadaisten und Anarchisten Franz Jung (1888 – 1963), mit denen Papenfuß den Mythos der anarchistischen Rebellion am Leben hielt.

Es waren Zeitschriften mit kampfeslustigen Namen, die zwar nur eine kurze Lebensdauer hatten, aber dann sofort ein Nachfolge-Perodikum generierten: Zeitschriften wie das 1997 im Basis Druck Verlag gegründete Blatt »SKLAVEN«, auf die der »SKLAVEN Aufstand« folgte, danach der »GEGNER«. Nach weiteren publizistischen Probeläufen mit Blättern wie »floppy myriapoda«, »telegraph« und »Zonic« wurde dann ab 2013 das anarchistische Zentralorgan »ABWÄRTS!« ins Leben gerufen, worin bis heute die schwarze Fahne der Anarchie geschwenkt wird.
All diese Metamorphosen und Mutationen des anarchistischen Biotops im Prenzlauer Berg kann man nun in einem herrlich ausgestatteten und mit Zeichnungen von Ronald Lippok und heiteren Fußnoten von Papenfuß versehenen Buch nachlesen, das bei »starfruit publications« erschienen ist. Allein schon die sorgfältig erstellte Typographie und die liebevolle Gestaltung, die dem »starfruit«-Verleger Manfred Rothenberger zu verdanken ist, machen dieses »Psychonautikon Prenzlauer Berg« zu einem großen Lesevergnügen. Die Gedichte und Traktate werden auf weißem Papier im Querformat präsentiert, auf gelbem Papier dann die ethnografischen Gespräche zur Genese des anarchistischen Biotops. Auch wenn man nicht bereit ist, in die kokette anarchistische Selbstbeweihräucherung der Autoren mit einzustimmen, liest man mit Begeisterung diese kleine Kulturgeschichte der poetischen Renitenz. Aus dem Mann mit der Lederkluft ist dreißig Jahre später ein Mann mit üppigem Seemannsbart geworden, der seine experimentellen Poeme in Moritaten, Traktate und lästerliche Lieder verwandelt hat. Bert Papenfuß, der Wortartist, hat mittlerweile eine Poetik der heiter-beiläufigen Schnoddrigkeit entwickelt, die ihre Quellen und Stichwortgeber aus altnordischen Mythologien, Störtebeker-Romantik, der Gaunersprache Rotwelsch und anarchistischem Schrifttum bezieht. Das klingt manchmal verdammt kalauerhaft oder bierselig, zelebriert aber in den stärkeren Passagen einen immer noch verblüffenden Wörter-Tanz. In heiterer Selbststilisierung entwerfen Papenfuß, Ronald Lippok und Annett Gröschner eine »psychogeographische« Weltkarte des Prenzlauer Bergs, wo alle kleinen Kampfplätze der Szene eingezeichnet werden und wo am Ende deutlich wird, dass alle Wege der Anarchie in die Metzer Straße und die dort von Bert Papenfuß bis September 2015 betriebene Kulturspelunke »Rumbalotte Continua« führen. Wer jemals als Nicht-Eingeweihter die Schwelle dieser wirkungsmächtigen Raucherkneipe überschritt, geriet nach kurzer Zeit in Atemnot. Denn so viel dicke Luft und auch heiße Luft hat sich wohl kaum jemals in einem Lokal der Gegenwart zu so vielen Ideen der Renitenz inkarniert. In einem Papenfuß-Gedicht aus neuerer Zeit heißt es vielsagend: »Hochheiliger Nibelungenquatsch, / Remmidemmi und Kladderadatsch: / Ich geh schon mal ausbüxen. / So weit, so ungefähr. Ratze-/ kahl. Das Glas ist leer.« Diese Gestalter des poetischen »Remmidemmis«, die hier ihren privatanarchistischen Mythen-Mix vorlegen – sie verstehen es wirklich sehr gut, auf den Putz zu hauen. Auch wenn dabei die eigenen Legendenbildungen immer mehr abbröckeln.

Michael Braun

30. November 2015

Psychonautikon Prenzlauer Berg

Zunächst einmal ist es ein sehr schönes Buch, schwarz-gelb mit einer Zeichnung auf dem Cover, unverkennbar Lippok, ein Elefantenkopf mit einem seesternförmigen Auswuchs auf der Stirn und leeren Augenhöhlen, die auch eine Art Eingang sein könnten.
Psychonautikon deutet ja auch darauf hin, dass es im Inneren handelt. Irgendwie ein Ritt über Hirnwindungen oder ein Surfen auf einer Gedankenbrandung.
Im Buch selbst jede Menge Lippokscher Kunst, fortführend und erweiternd die Kubinsche Reise ins Skurril-Paradoxe zuweilen, und an anderer Stelle bis zum Anschein von Höhlenmalerei zurückgenommen. Ein Strich, eine Figur. Lippok, Leiberg und Penck waren und sind Gegenentwürfe. Rau gegenüber der Leipziger Schule mit ihren photographisch exakten Oberflächen. Lippok puzzelt nicht, Lippok erfindet. Das Abseitige wächst ihm aus dem Strich heraus, es muss also irgendwie im Strich selbst schon liegen. Mitunter gibt es sich als Archaisches preis, aber nicht im Sinne von zeitlich ursprünglich, sondern als etwas, das von der Außenwand der Kultur her kommt. Erhabenheit, die man sonst vielleicht nur im Horrorfilm findet.
 
Vielleicht ist es jetzt so weit, oder aber es war schon immer so. Der Berg wird historisch. Untrügliches Zeichen dafür sind die Anmerkungen in den Fußnoten zu Papenfuß' Gedichten. Referenzen auf Texte von altisländischer Dichtung über Expressionismus bis hin zu Artikeln von Volker Braun in Sinn und Form.
Zentral (zumindest für mich) vielleicht ein Gedicht, das der nimmermüden Elke Erb gewidmet ist, das »Schonen« heißt und das im Refrain Verse der Autorin durchdekliniert. Der erste Refrain, bestehend aus Zitaten lautet:

»Gedanken wie Reisig zu Füßen«
»Es fängt an dunkel zu werden
Es hört auf hell zu sein«
»Meine eigenen störrischen Zweige,
zum Winter geworfen«
»Es hört auf dunkel zu sein
Es fängt an hell zu werden
Und zwei ist eins.«


Der mehr oder weniger romantische Anklang dieser Strophe verliert sich dann natürlich in der Permutation und im handfest Balladesken des ganzen Gedichts.
Der letzte Refrain:

»die Monologe gehen fremd«
Vorbeigefahren, eingeschliffen:
Eins ist zwei und null zugleich.
»Werden zu hell an fängt es
Sein zu dunkel auf hört es
Werden zu dunkel an fängt es«
Mainstream ist woanders.


Sichtbar auch hier der Zugriff von Papenfuß aufs Material. Er hält die Form, führt Treibstoff ins Innere, bis sie es selbst nicht mehr aushält und explodiert. Dieses Phänomen ist fast in jedem seiner Gedichte zu beobachten. Eine Art Atomlyrik. Es wird angereichert bis zum Knall. Herrlicher Krach!
Mir, als gebürtigem Karl-Marx-Städter und später dann Leipziger, war der Prenzlauer Berg immer Fiktion und somit ein Sehnsuchtsort, den ich mein Lebtag umschiffte, als hätte ich Angst, den Berg / die Insel zu betreten, weil er/sie verschwände im reinen Kontakt. Und nun hat er sich auch in die Fiktion zurückgezogen und als Gedanke konserviert.
Der Berg ist historisch geworden, seine Protagonisten siedeln in der Diaspora und senden mythologische Betrachtungen. Variationen einer Vergangenheit. Einer Vergangenheit aber, die ihren Anspruch bewahrt und immer wieder Explosionen zeitigt und damit verhindert, dass ein Leser wie ich in melancholische Rückschau versinkt.

Durch, durch den Kosmos,
ran an das Pflaumenmus.
Raus aus der Materie,
rein in die Kartoffeln.
Rum um die Kalotte,
rein in die Spelunke.


Gedichte und Zeichnungen im Buch sind auf weißem Papier gedruckt. Durchschossen sind sie von zwei auf gelbem Papier gedruckten Gesprächsblöcken. Hier konstruiert und rekonstruiert die Berliner Autorin Annett Gröschner im Gespräch mit Papenfuß und Lippok den Berg jenseits des Szeneviertels neu. Irgendetwas muss man mit der Asche ja machen. So lautet der letzte Satz.

Jan Kuhlbrodt

15. November 2015

Warum es sich nicht mehr lohnt, über den Prenzlauer Berg zu schimpfen, außer es wird ein Psychonautikon

Es gab mal eine Zeit, in der der Prenzlauer Berg wild war. Eine Zeit, die wie aus einer anderen Epoche scheint, von der man hier und da mal munkelt und die dann gerne in einem Ton mit der Geschichte vom Trümmerfeld Mitte genannt wird. All das ist im Jahrzehnt des Prenzlberg-Bashings in den Wogen grüner Smoothies ertrunken und unter Schwabenwitzen todverniedlicht worden. Was jetzt nicht passieren sollte: Dass dieser Text in den Ordner mit den Prenzlauer-Berg-Lästerartikeln verschoben wird. Dies ist keine Tirade. Vielmehr so etwas wie die Bühne für eine Ehrenrettung im Wolfspelz. Bert Papenfuß (Gedichte und Text) und Ronald Lippok (Zeichnungen) beleuchten in »Psychonautikon Prenzlauer Berg« diese Welt, in der »einst Luschen und Ässer die Sau rausließen«, aber mit den Mitteln eines Spions im System.

Der Dichter Papenfuß war eine der zentralen Figuren des DDR-Untergrunds. Gemeinsam mit dem Musiker und Künstler Lippok (Ornament & Verbrechen, Tarwater, to roccoco rot) lässt der Kneipier (u.a. Kaffee Burger) eine Assoziationswelle auf den geneigten Leser los, die ihresgleichen sucht. Wenn hier Weltraumpiraten und Paramilitärs auf Kosmonauten und Glücksritter, Rotwelsch und Schwabenblagen, T. Rex und Franz Jung treffen, ist der harte Aufprall nicht weit. »Psychonautikon Prenzlauer Berg« zeigt der Gentrifizierung den Mittelfinger, aber nicht aus der Sicht des arroganten Zuzug-Hipsters. Papenfuß und Lippok machen Tabula Rasa und erwecken damit die längst verloren geglaubte Welt des wilden Prenzlauer Bergs wieder zum Leben.

Wenn Architektur gefrorene Musik ist, dann hatte der Architekt hinter diesen Versen Punk auf der Tastatur.

Am kommenden Donnerstag stellen Papenfuß und Lippok Psychonautikon Prenzlauer Berg im Rumbalotte continua mit einer Lesung vor. Drei Tage später, am Sonntag, findet dann im Roten Salon der Volksbühne die große Gala zu »20 Jahren Tarwater« statt. Für beide Abende gilt – wie die Volksbühne so treffend schrieb: Der Abend soll ausdrücklich unterhalten. Für alle gilt: Hin da und noch ein bisschen von dem Prenzlauerberg-Spirit schniefen, in dem die wilden Kerle wohnten.

Johannes Hertwig

5. November 2015

Psychogeografischer Stadtplan

Bert Papenfuß, eine der zentralen Figuren des DDR-Undergrounds, und Ronald Lippok, Künstler und Mitglied des Electronic-Duos Tarwater, halten dem gentrifizierungsversessenen Ex-Szenebezirk Prenzlauer Berg den Spiegel vor. Wieder gelingt dem Kleinverlag aus dem Fränkischen, der Gegenwartskunst und Literatur in bibliophilen Gemeinschaftsprojekten zusammenspannt, ein großer Wurf.

Nils Kahlefendt

16. Oktober 2015

67. Frankfurter Buchmesse: Zehn Bücher, die uns auffielen

(...)
Interessiert sich tief im Westen jemand für die Gentrifizierung des Prenzlauer Bergs? All die verlorenen Ost-Ruinen, die jetzt von Beate Uhse oder Rossmann übernommen sind. Man tut dem Lyriker und Kneipier Bert Papenfuß und dem Musiker und Zeichner Ronald Lippok nicht Unrecht, wenn man ihnen Ostalgie unterstellt im »Psychonautikon Prenzlauer Berg«. Im kongenial gestalteten, quer zu lesenden Band lassen sie in Wort und Zeichnung ihrer Aggression freien Lauf, und ihrer Wehmut, und es werden vielleicht auch alte Schlachten noch einmal ausgefochten. Immerhin lösen eingeschobene Interview-Passagen mit Annett Gröschner und Fußnoten manche kryptische Anspielung auf, und Papenfuß montiert sich quer durch die Kulturgeschichte von alten Runensteinen über den Barocklyriker Hans Aßmann von Abschatz und Brecht bis zu T. Rex und Can. Er fügt Zeilen, neben denen sich Gangsta-Rapper wie Pussies ausnehmen. Auf mindestens jeder zweiten Seite stehen Verse zum In-Steine-Hauen, Wortmusik, die rockt: „Ab uff’n Schwof mit Schickedanz, Schüddekopp, Lobe-/danz, Schlichtegroll, Rördanz, Störtebeker und Discomaus;/ die Elite ist der Abschaum des Durchschnitts durch und durch:/ Eitrig giert der Schlund,/ ohne Zutaten keine Gedichte;/ literatur dich andermal ins Knie rein!“
(...)

Ralf Stiftel