Kathrin Röggla
Oliver Grajewski

tokio, rückwärtstagebuch

Herausgeber: Manfred Rothenberger und Kathrin Mayer
Gestaltung: Timo Reger

152 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Flexcover, 21,5 x 15 cm
Euro 18,– | 32,– sFr
ISBN 978-3-922895-20-6
(Buchhandelsvertrieb: Verlag für moderne Kunst Nürnberg, www.vfmk.de)

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Titel Tokio, rückwärtstagebuch
Oliver Grajewski und Kathrin Röggla, 10.7.2009, Erlangen
Oliver Grajewski und Kathrin Röggla, 10.7.2009, Erlangen

»tokio, rückwärtstagebuch« ist die Koproduktion von Kathrin Röggla, einer der wichtigsten Vertreterinnen der deutschen Gegenwartsliteratur, mit Oliver Grajewski, der als Zeichner der Comicreihe »Tigerboy« bekannt geworden ist.

Kristallisationspunkt ihres Gemeinschaftswerks ist Tokio: In Rögglas tagebuchartigem Text (der eine stilistische Besonderheit aufweist – er läuft rückwärts, wie ein Film, den man zurückspult) wird die japanische Metropole zu einer Metapher für globale gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen, zu einem Schauplatz für die Erfahrung des Fremden. Es entwickelt sich eine subtile »culture clash«-Geschichte, die gleichermaßen komische wie »gespenstische« Aspekte beinhaltet.

Oliver Grajewski analysiert in seiner auf japanische Lesart verfassten hintergründigen »Rückwärts«-Bildergeschichte den urbanen Raum, er zeigt die Brüche und Verwerfungen, wenn über Jahrhunderte gewachsene kulturelle Traditionen wie im Zeitraffer von moderner Architektur »überwältigt« werden. Durch die Verwendung verschiedener Zeichenstile – von der klassischen Reportageform bis zum Manga-Cut-Up – spielt Grajewski virtuos mit den vielfältigen Möglichkeiten der Visualisierung einer komplexen Realität. In innerer Verwandtschaft zu den Gemeinschaftsprojekten des Schriftstellers Hubert Fichte und der Fotografin Leonore Mau bündelt Rögglas und Grajewskis »tokio, rückwärtstagebuch« zwei separate Seh- und Erzählweisen, die sich unmittelbar überkreuzen und durchdringen, sich zu einer ebenso vielschichtigen wie spannenden »Parallel-Story« verbinden.

4. April 2015

Eine Hymne an die Hermeneutik

Das »rückwärtstagebuch« von Kathrin Röggla und Oliver Grajewski erzählt und zeigt Fremdheitserfahrungen in der Ferne

Die Koproduktion »tokio, rückwärtstagebuch« will keinen Crashkurs in Japanologie geben, sondern Erfahrungen mit fremden Kulturen und Räumen sprach-bild-gewaltig präsentieren. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin Kathrin Röggla, die zuletzt den begehrten Arthur-Schnitzler-Preis für Dramatik erhalten hat und zur Stadtschreiberin von Mainz berufen wurde, und der Comiczeichner Oliver Grajewski, mit dem Kenner das (autobiographische) Magazin Tigerboy verbinden, lassen in ihrem Projekt nicht nur Text und Bild, sondern auch die westliche und die japanische Kultur aufeinanderprallen. Der experimentelle Verlag starfruit publications bietet innovativen, vor allem aber intermedialen Arbeiten und Projekten ein Forum; da trifft es sich gut, dass sich mit Röggla und Grajewski zwei AutorInnen zusammen getan haben, die sich nicht an Konventionen halten.

Auf 52 Seiten schildert Röggla ihre Eindrücke im fernen Tokio. Ihr Markenzeichen, die konsequente Kleinschreibung, ist auch hier keineswegs ein orthographischer Manierismus: Vielmehr ist sie Ausdruck von Gleichwertigkeit und Protest gegen die gleichsam neurotische Ordnungsliebe auf der textuellen Mikroebene. Die Besonderheit dabei ist, dass ihre Reise analeptisch rekonstruiert wird, ähnlich wie ein Reiseblog. Ihre tagebuchähnliche Dokumentation beginnt zwischen den Buchdeckeln am Ende der Reise, als sie längst im Flugzeug über das sibirische Gebirge Richtung Europa gleitet und schließt mit ihrer Ankunft am Flughafen der größten Metropole der Welt ab. Kurz zuvor stellt Röggla fest: »ich bin nur zaungast, und als zaungast kann man in japan alles nur verkehrt machen.« In einer fremden Stadt versucht ein jeder sich zunächst zurechtzufinden, völlig naiv und nichtwissend. Über diesen Punkt ist Röggla zu Beginn ihres Rückwärtstagebuchs folgerichtig hinweg und reflektiert ihre Position als Außenstehende, ja lässt das Fremde in der Fremde fremd sein. Genau darin besteht das Besondere des Buches. Rögglas und Grajewskis Band ist kein bloßer Reiseführer, kein Japanlexikon, keine Dokumentation – vielmehr ist der Band eine authentische Schilderung der Gefühlszustände der Reisenden, die hier jeweils von Begeisterung bis Paranoia reichen. Es überkommt einen das Gefühl eines Befremdens angesichts der Implosion von »Alterität«, wenn Röggla über U-Bahnen schreibt, für die ein extra angewiesenes Personal ganz selbstverständlich Menschen in enge Wagons quetscht, oder über einen Firmenangestellten berichtet, für den ein hektischer Zwölf-Stunden-Job Alltag ist – und der seine wenige Freizeit mit der aufwändigen Zubereitung kulinarischer Spezialitäten verbringt. Hier mischen sich Alltagserfahrungen, und Begegnungen mit prototypischen und/oder exotischen Menschen mit den Erfahrungen und Eindrücken einer Mitteleuropäerin, bis der Leser schließlich an den Anfang der Reise gelangt. Aus der abgeklärten Leserperspektive des eigenen, begrenzten Erfahrungshorizonts wird ein regelrechtes »erklärungsgewitter«.

Oliver Grajewskis Zeichnungen, die an die Manga-Ästhetik angelehnt sind, bilden das gestalterische Pendant zu Rögglas Text. Erzähltechnisch gelingt ihm das durch proleptische Einwürfe, stilistisch durch die japanische Lesart. Die einzelnen Panels werden nicht künstlich durch die comictypischen Trennungslinien, das sog. gutter, geordnet. Die offene Form der Einzelbilder erhöht die Komplexität auf der künstlerischen Ebene, sind sie doch stark reduziert und abstrahiert. Viele Darstellungen werden schraffiert. Auffällig sind der Hell-Dunkel-Kontrast und der Bezug zum japanischen Holzschnitt, dem historischen Ursprung des Mangas. Grajewskis Eindrücke und Reflexionen, die bisweilen mit Textfragmenten aus Rögglas Japanerlebnissen kombiniert werden, verteilen sich in Blockkästen über den Bildern. Die Zeichnungen enthalten somit keine Dialoge, sondern einen monologischen Reisebericht vom Rande einer Vorstadt zwischen Reisfeldern und Dörfern über den Aufenthalt im Kern Tokios bis hin zum Fluss Sumida. Dieser wird zum Sinnbild für die Grundlage des Lebens, für die Bewegung und den sich überschlagenden technischen Fortschrittsgedanken in Tokio – »oder gibt es im Fluss auch ganzes, bleibendes und den Stillstand?« Mit dieser Frage schlägt der Zeichner die Brücke zu seiner Kritik an den beständig wachsenden Erwartungen wirtschaftlicher Expansion im Allgemeinen und an der Traditionsbehaftung des Genres Comic im Besonderen.

Das hybride Werk von Röggla und Grajewski in das enge Korsett einer Tradition schnüren zu wollen, würde seinem Entfaltungspotential nicht gerecht. Anaphorische Einwürfe, Ellipsen und paradoxe Gegenüberstellungen kennzeichnen Rögglas Stil, der stets zwei Seiten einer Medaille zeigt, oder: »ein volk von schlafenden, […] wüsste man nicht, wieviel arbeit und wieviel fortbewegung von den meisten leuten gefordert wird.« Wer lustige Bildchen erwartet, ist hier ohnehin falsch. Grajewskis Popart-Konstrukt ähnelt inhaltlich dem Gekiga, einer realistischer gezeichneten Spielart des Mangas, die durch Authentizität den Blick schärfen will. Historisch betrachtet ist die Form Gekiga ein Statement gegen den Einfluss von Osamu Tezuka, der als maßgeblicher Begründer des Mangas in Japan gilt. Seine Verabsolutierung von Kindern und Jugendlichen als Zielgruppe verhinderte indes jene Vielfalt, an die Grajewski so dringend appelliert.

Beide Autoren probieren sich und loten Grenzen aus. Beiden gelingt es einerseits gängige Vorurteile über die japanische Kultur zu entlarven, etwa »die neue faulheit der japaner«. Andererseits politisiert die Sicht westlicher Menschen auf das Fernöstliche, denn »vor allem der gleichbleibende gesichtsausdruck ist es, der mich irritiert«, lautet Rögglas Reaktion auf die Menschen in einer Stadt, die niemals schläft. Der Tokioter Alltag, die Arbeitsmoral und das Verständnis von Gesellschaft müssen insofern alteritär bleiben, als wir gänzlich andere kulturelle Werte schätzen und schützen. Doch diese Erkenntnis unterstreicht das Konzept des Werks und macht es gelungen.

Andreas Blume

28. September 2011

Verloren in der fremden Welt der japanischen Hauptstadt

Sieben Wochen Tokio. Genügt das, um ein tragfähiges Bild von Japan zu bekommen? Die österreichische Autorin Kathrin Röggla skizzierte ihre Eindrücke in einem »Rückwärtstagebuch«. Oliver Grajewski lieferte die Bilder dazu. Ein spannendes Experiment.

Es wäre nicht Kathrin Röggla, wenn sie uns von ihrer Tokio-Reise im Jahr 2005 in den formalen Konventionen üblicher Reiseliteratur erzählen würde. Konventionelles war noch nie ihre Sache, weder in ihren Prosawerken noch in ihren Bühnentexten. Nicht etwa, weil Röggla um jeden Preis avantgardistisch erscheinen möchte, sondern weil sie sehr skrupulös und kritisch prüft, mit welchen Textstrategien sie ihren Themen und Gegenständen am besten gerecht werden könnte.

Diese Skrupel professionellen Künstlertums plagten Röggla auch, als sie Eindrücke ihrer Japan-Reise in Tagebuchform brachte. Unweigerlich reihe sich solch eine Veröffentlichung ein in die Menge der Japan-Erklärungsbücher, in diese »projektionsliteratur, die nichts anderes tut, als die sozialen zusammenhänge, bräuche, riten, einfach alles beispielsweise aus den zen-traditionen oder aus dem no herzuleiten.« Solch vorschnelle Konstruktionen eines allzu einfachen Japan-Bildes wolle sie zumindest vermeiden, sagt sie, und man kann Kathrin Röggla bestätigen: Das ist ihr gelungen.

Sie vermeidet Interpretationen und konzentriert sich darauf, ihre Wahrnehmung auffälliger Details exakt festzuhalten. Dass gerade solche Wahrnehmungen zu aussagekräftigen Zeichen werden, spricht für die Qualität dieses exakt kalkulierten Texts, in dem nichts dem Zufall überlassen bleibt. Auf nur einer Seite konzentriert Röggla aussagestarke Informationen zur demokratiepolitischen Situation Japans, die bedenklich stimmen. Eine Partei hat zu viel Macht, und die Opposition hat wenig dagegenzuhalten. Politikersöhne werden wieder Politiker, so wie im Feudalismus. Bilder der großen Müdigkeit und ebenso großen Emsigkeit gehen im Stadtbild von Tokio nahtlos ineinander über. Gesten einer ritualisierten Bescheidenheit und Strukturen tragfähiger sozialer Bindung stehen im Kontrast zum individualistischen Habitus des Karrieremenschen.

Unkonventionell wie Rögglas Tagebuch, dessen Einträge sie, wie der Titel schon sagt, in verkehrter Chronologie anordnet, ist auch die Erscheinungsform des Texts. In der Moderne des 20. Jahrhunderts stand die Illustration von Literatur nicht sonderlich hoch im Kurs. In der Postmoderne kümmert man sich nicht mehr um solche Gebote. Den zweiten Teil zu »tokio, rückwärtstagebuch« steuerte der Zeichner Oliver Grajewski bei, den Kennern des künstlerisch ambitionierten Comics als Zeichner von »Tigerboy« bekannt.

Immer wieder relativiert Kathrin Röggla ihre eigenen Sätze. Gerne weicht sie auf den Konjunktiv aus, verweist auf Vergessenes oder Übersehenes oder deutet knapp an, worüber sie lieber nichts sagen will. Man kann für dieses Verfahren das verblassende Modewörtchen Dekonstruktion verwenden. Man kann aber – etwas altmodisch – auch von einer vorsichtigen Künstlerin sprechen, für die Wahrhaftigkeit nicht nur ein moralischer, sondern auch ein ästhetischer Wert ist.

Kathrin Röggla weiß, dass man nach sieben Wochen Tokio nicht die große Lippe zum Thema Japan riskieren kann. Für ein Reisebuch wäre das Gesehene, Gehörte, Erlebte zu wenig, aber das Tagebuch einer Künstlerin hat andere Gesetzmäßigkeiten.

Christian Schacherreiter

19. Oktober 2010

Überhöflichkeiten

Bei der Verarbeitung des Kulturschocks einer Japan-Fahrt hat sich Kathrin Rögla für »eine Form der umgekehrten Zeitreise« entschieden, eine Annäherung an den Zukunftsgenerator Tokio »in permanentem Rückwärtsschritt«. Entsprechend dem Selbstverständnis des neu gegründeten Verlags sollen hier ein literarisches und ein zeichnerisches Werk gleichberechtigt nebeneinanderstehen – dem Rückwärtstagebuch Rögglas folgt ein in japanischer Manier rückwärts bebilderter Comic von Oliver Grajewski. Er greift Versatzstücke der Erzählung Rögglas auf und illustriert sie. Rögglas Text entstand bei einer siebenwöchigen Lesereise durch Kulturinstitute und Universitäten. Als Zaungast der Anderswelt notiert sie die Riten, Gesten und »Gespenster der Überhöflichkeiten«. Aufschlussreich geraten vor allem ihre Alltagsstudien über die »öffentliche Müdigkeit« und »Choreographien der schlafenden Menge« in Tokios U-Bahnen, die nach sozialem Rang hierarchisch gestaffelte Höflichkeit oder den kollektiv erzeugten »Schein der Individualität«. 

Im zweiten Teil, in den Bilderwelten Grajewskis, wird Rögglas Prosa ins Visuelle übertragen. In den Schraffuren und Texturen, im Verwirrspiel der Horizontalen und Vertikalen spiegeln sich sowohl Bilder des Konformismus als auch des chaotischen Asiens. Markenzeichen von Grajewskis Zeichenkunst sind die aufgehobenen Grenzen zwischen Innen und Außen; in seinem Universum vereinen sich Tradition und Moderne, Bambushaine und Highways auf Betonstelzen. So ist die Japan-Reise weniger ein Kulturschock als eine Erschütterung des Selbst und der inneren »Psychogeographie«.

Steffen Gnam

Nr. 17 / 28. April 2010

In ihrem Reisebericht erzählt die Autorin von ihren Schwierigkeiten, als Fremde die japanische Kultur zu verstehen. Gerade ihre fragmentarische Darstellung macht dabei den Reiz aus: »im detail, im bruch, in der markierung der lücke liegen meine faszinationen«, schreibt Röggla. In der zweiten Hälfte des Buchs erzählt Oliver Grajewski in Comicform von seinen Japan-Reisen. Rögglas Text und Grajewskis Bilder liefern nicht nur spannende Einblicke in eine hektische Metropole, sondern auch in den Gefühlszustand der Reisenden.

Ingrid Brodnig

Nr. 7 / 25.3.2010

Reisetagebuch

Japanische Texte liest man von hinten nach vorne. Die Schriftstellerin Kathrin Röggla und der bildende Künstler und Comiczeichner Oliver Grajewski haben sich von der Rückwärtsbewegung der Mangas inspirieren lassen und ein Buch von hinten nach vorne erzählt. Kein formaler postmoderner Kniff also, sondern ein Schachzug kultureller Assimilation. Wie schwer ihnen diese vor Ort in Tokio fiel, erzählen Röggla und Grajewski in ihrem Gemeinschaftsprojekt, das nach längeren Aufenthalten in der Hauptstadt Japans entstanden ist. Röggla verweigert sich der klassischen Erzählhaltung von Reiseberichten nicht nur durch die Umkehrung von vorne nach hinten, sie beschreibt nicht einfach Eindrücke und Atmosphäre, sondern führt sie auf eine theoretisierende, nicht immer originelle Metaebene. Plastische Schilderungen gibt es lediglich in einer Art doppelter Optik, als Bericht über Berichte. Grajewskis Zeichnungen sind da schon direkter, doch die Motive, Großstadtmomente von Verkehrschaos über Leuchtreklame und Spielhöllen bis zu Manga-Variationen, sind gleichzeitig wild gemischt und arg verfremdet. Das in Japan verbreitete Phänomen des Kawaii, eine flächendeckende Niedlichkeitsästhetik à la Pokemon, erscheint hier eindrucksvoll verzerrt. Textlich wie bildlich ist das Genre Reiseliteratur komplett dekonstruiert.

Tobias Schwartz

Nr. 5/2009

tokio, rückwärtstagebuch

kommt der westler nach japan, dann ist alles anders: die kultur, schrift, sprache, bilder, götter. texte, bilder, filme zu dem thema füllen regalwände. jetzt gibt es ein neues experiment: das »tokio, rückwärtstagebuch« (starfruit publications), eine gemeinschaftsarbeit der österreichischen autorin kathrin röggla mit dem deutschen zeichner oliver grajewski. unabhängig voneinander bereisten sie japan und betrieben ihre kunst. dann trafen sie sich und es entstand ein mehrfach gedrehtes buch.

röggla entwickelt ihren text rückwärts. von der rückreise zur ankunft in japan. »was kann ich schon anderes unternehmen, als aufzuschreiben, was ich sehe, wahrnehme, den zufällen und meinen interessen gleichermaßen folgend«, also tagebuch schreiben, fragt sie. bemerkenswert, dass es ihr mit einigen sprachlichen und dekonstruktiven tricks gelingt, japan eben nicht zu erklären; die fremdheit nicht zu mystifizieren, und vor allem: nichts ins erzählen zu geraten.

grajewski ist bekennender anhänger der manga-zeichenkultur japans und zeichnet darum sein tagebuch so, wie es sich gehört, von hinten nach vorne. er führt uns in verschiedenen stilen durch die straßen und viertel, zu menschen in einer schwarz-weißen großstadt. ist man also am ende der röggla-geschichte angekommen (inhaltlich am anfang), stößt man auf das ende der grajewski-bilder und muss erst zum ende des buchs blättern, um wieder in die mitte zu lesen. ein durchaus interessantes und kurzweiliges experiment.

silke johannes

26./27. September 2009

Literatur trifft Comic

»die erschöpften müsste man erwähnen, neben all den erschöpften straßen und städten auch die erschöpften menschen, die einem gegenübersitzen in den unterschiedlichsten positionen und einem ins gesicht hineinschlafen. wie sie stehend oder sitzend in der u-bahn vor sich hindösen, in den zügen, in den theatersälen...« Kathrin Rögglas notorisch kleingeschriebener Tagebucheintrag vom 19. Dezember 2005 dürfte sich mit der Beobachtung vieler decken, die das erste Mal in Tokio waren. Und es bleibt nicht die einzige staunende Beobachtung in einer durch und durch kryptischen Welt. Die österreichische Autorin hatte während ihres fünfwöchigen Aufenthalts in Tokio immerhin Menschen an der Seite, die ihr die Geheimnisse etwa einer U-Bahn-Fahrt erklärten, und sie versteht einige Worte Japanisch. So sehr sie auch versucht, intellektuell in diese Gesellschaft einzudringen, so sehr lässt sie sich auch von der Faszination der Rituale oder der typischen Klang- und Geräuschkulisse fortreißen.

Dass Kathrin Rögglas Leben irgendwie durcheinandergerät, zeigt schon der Aufbau ihres Buches: »tokio, rückwärtstagebuch« beginnt mit dem endlos scheinenden Rückflug über den Eisfeldern Sibiriens und endet mit ihrer Ankunft in Tokio. Ein schönes Motiv. Kathrin Rögglas klare Sprache, die detaillierte Beschreibung des Alltags, aber auch ihr Gespür, Atmosphärisches in Worte zu fassen, gliedert gewissermaßen die Tage in der japanischen Hauptstadt.

Die Nächte, besser: die Bilder, mit denen nächtens der Kopf das Erlebte verarbeitet, finden sich im zweiten Teil des »Rückwärtstagebuchs« wieder. Der in Berlin lebende Zeichner Oliver Grajewski, der durch seine Comicreihe »Tigerboy« bekannt wurde, wirft mit seinen intensiven Schwarzweißzeichnungen Schlaglichter auf Rögglas Reise. Zwar verfolgt auch er eine Chronologie, doch im Mittelpunkt stehen Textfragmente und ungeheuer expressive Bilder aus den Straßen von Tokio und immer wieder Ausflüge in das Reich der Mangas. Virtuos spielt er mit Blickwinkeln und Bildgenres, geht auch mal ganz nah ran an das beobachtete Objekt, zerlegt es in abstrakte Fragmente. Nach Sofia Coppolas Film »Lost in Translation« ist das kongeniale Doppel von Autorin und Zeichner der schönste Versuch, sich einer fremden, faszinierenden Welt zu nähern.

Mit »tokio, rückwärtstagebuch« startet der junge Nürnberger Verlag »starfruit publications« ein Experiment: Die Initiatoren Manfred Rothenberger und Kathrin Mayer wollen zeitgenössische Autoren und Künstler zusammenbringen. Röggla und Grajewski sind das erste Duo, auf das nächste darf man gespannt sein.

Thomas Kliemann

18. September 2009

Tokio, von hinten aufgerollt

Doppeltagebuch von Kathrin Röggla und Oliver Grajewski

Formal ist es - auch wenn die Grundidee etwas überstrapaziert wird - das originellste Buch aus dem Kreis der Autoren, die zum Saarbrücker Schriftstellerkongress anreisen: Sieben Wochen hat die Österreicherin Kathrin Röggla, die für eine dekonstruktivistische Prosa und lesenswerte New-Economy-Dramen steht (darunter »draußen tobt die dunkelziffer«, 2007 auch in Saarbrücken zu sehen) Ende 2005 in Tokio verbracht. Zusammen mit dem (Comic-)Zeichner Oliver Grajewski hat sie daraus ein Doppeltagebuch gemacht, dessen Sichtweisen sich auf komplementäre Weise ergänzen: hier Rögglas Erinnerungsskizzen, die auf für sie typische Weise den Schreibprozess und dessen Widernisse thematisieren; dort Grajewskis Schraffuren, deren architektonische Textur Tokios ihn an einen "ausgekippten Legokasten" erinnert.

Das Motiv der Rückwartsbewegung ist gestaltbildend: Während Röggla ihre sieben Wochen-Chronologie von deren Ende her (und somit immer auch im Bewusstsein des Anfangs) rückwärts erzählt, ist Grajewskis Bilderfolge in japanischer Tradition von hinten nach vorne zu lesen. Wobei beides auch ineinanderwirkt: Skizzen illustrieren Rögglas fast ethnografische Suchbewegung, aus der Satzfetzen wiederum die Comics unterfüttern. Daraus entsteht gezielt kein Tokio-Reisebuch, eher eine Bildtextsammlung, die Konstitutiva des japanischen Lebens, aber auch Fremdheitserfahrungen einzukreisen sucht. Das gelingt mal mehr, mal weniger, hat aber als Erinnerungsspeicher und als Konzept einer Künstler-Koproduktion nachhaltigen Wert.

Christoph Schreiner

13. September 2009

Die Gespenster von Tokio

Eine Reise, las sie bei Nicolas Bouvier, werde einen nichts lehren, wenn man ihr nicht auch das Recht einräume, einen zu zerstören. Dafür verflogen die sieben Wochen, die Kathrin Röggla 2005 in Tokio verbrachte, aber viel zu gut organisiert – nicht ohne dass gerade die wohlige Rundumbetreuung ihren Preis forderte. Gegen Ende ihres Aufenthalts suchte die Berliner Schriftstellerin eine Paranoia heim, die sich in halluzinierten Gesichtern am Fenster und Schritten im Flur äußerte. Keine Waldgeister und Gnome, wie sie ihr in Abbildungen begegnet waren, sondern »die gespenster meiner begegnungen, die gespenster meiner überhöflichkeiten, die etwas sehr körperliches bekamen«, wie sie in der ihr eigenen Kleinschreibung notiert.

Das Tagebuch, das vom Weg in diese Attacke Zeugnis ablegt, verfährt im Krebsgang. Es ist die chronologisch rückwärts ablaufende Bestimmung einer Fremdheit, die die Entschlüsselung einer Entfremdung von sich selbst (oder was man dafür hält) einschließt – und auch die Lust in Mitleidenschaft zieht, das festzuhalten, was sie tagtäglich erlebt. Rögglas »Rückwärtstagebuch« lässt sich, nicht nur wegen seiner wiederholungsselig kreiselnden Satzstrukturen, als gedankliche Zirkelbewegung lesen: »vor der abreise lädt man alles mit fremdheit auf, nach der ankunft stellt man fest, wie ähnlich hier alles ist, bis man dann in den darauffolgenden tagen immer mehr erkennt, wie sehr alles doch anders ist.«

Eine Stadt, zwei Blicke. So, wie der Text im ersten Teil von Zeichnungen aus der Feder von Oliver Grajewski kommentierend unterbrochen wird, durchziehen im zweiten Teil die comichaften, ebenfalls im Krebsgang erzählten Strips des Berliner Künstlers Röggla-Zitate. Die Verschränkung der Perspektiven gehört zum Programm des Nürnberger Verlags Starfruit Publications, der mit diesem, mit Flexcover, Fadenbindung und cremefarbenem Munken-Pure-Papier wunderschön ausgestatteten Band, eine Reihe von Kooperationen zwischen Literatur und Bildender Kunst eröffnet. Zum Stadtführer taugt das nicht. Aber als Anleitung, sich zwischen Patchinko-Lärm und der Ruhe von Yasujiro Ozus Tempelgrab selbst einmal zu verirren, hat es eine unheimliche Verführungskraft.

Gregor Dotzauer

19. August 2009

Kathrin Röggla und Oliver Grajewski

Sieben Wochen lang, von Anfang November bis Mitte Dezember 2005, hat sich Kathrin Röggla in Tokio aufgehalten und darüber Buch geführt. Auch der Comiczeichner Oliver Grajewski hat die Stadt mehrere Male besucht. »tokio. rückwärtstagebuch«, erschienen in der neu gegründeten Nürnberger Reihe starfruit publications, ist nun eine Koproduktion der beiden Künstler. Die Rückwärtsbewegung ist Gestaltungsprinzip des Buchs: Oliver Grajewskis Bildgeschichte ist, wie in japanischen Comics üblich, von hinten nach vorne zu lesen und auch Kathrin Rögglas Tagebuch beginnt mit dem Rückflug nach Europa und endet mit der Ankunft in Tokio: Ein Tagebuch in »permanentem rückwärtsschritt«. Ihm ging die »Konstruktion der Bildwelt des Buches relativ Karl-May-artig von der Hand«, Röggla plagen Zweifel über Sinn und Form einer Reiseerzählung:

»an der bewertungsfront befinden sich die zahlreichen japanerklärungsbücher, in die man sich unweigerlich einreiht mit einem text über japan. all die projektionsliteratur, die nichts tut als die sozialen zusammenhänge, bräuche, riten, einfach alles beispielsweise aus der zen-tradition oder aus dem no herzuleiten. immer wird zusammengefasst zu einem klebrigen ganzen, das man als japan zu erkennen glaubt, doch ich muss mir nur meine eigenen schreibanfänge ansehen und mir wird klar, dass ich auch nichts großartig anderes mache. das ist die ohnmacht der japan-touristen, im grunde nichts anfangen zu können mit dem detail, bzw. es nicht für sich stehen lassen zu können, ohne gleich einen masterkontext zu konstruieren, weil man keinen alltagskontext hat.«

Die »übliche indirektheit« der japanischen Gesellschaft wird Röggla zum Gestaltungsprinzip. Sie verweigert sich einer kontinuierlichen und traditionellen Erzählung, verweigert sich der Wiedergabe des Atmosphärischen. Gerade aber in der Verneinung des Erzählens und der Darstellung und Thematisierung des Erzählrahmens – und das sind Erzählprinzipien Rögglas, die in all ihren Texten zu finden sind – erzählt sie doch. So schreibt sie etwa: »diesbezüglich nicht vergessen, die erdbebenstandards zu erwähnen« Röggla lässt Gesprächspartner erzählen: »edwina erzählt mir, wie man das so macht, wie man sich hier fortbewegt« Oft verwendet sie Konjunktiv II-Konstruktionen: »ich würde notieren die ganze öffentliche müdigkeit, die ich tagtäglich erlebe« oder: »vermeiden würde ich in jedem fall das geräusch des mori towers, von dem aus man an klaren tagen den mount fuji sehen kann.«

Man darf sich von Röggla nicht täuschen lassen: Was dekomponiert wirkt, ist komponiert, ist Literatur, der das bloße Festhalten und Nacherzählen in einer unreflektierten und distanzlosen Ich-Perspektive zu mager ist.
»erschöpfte straßen in erschöpften städten«: Die Megastadt Tokio als ausdifferenziertes und ausgereiztes System. Röggla und Grajewski sind gleichermaßen fasziniert von den aus europäischer Perspektive schwer wahrnehmbaren Ordnungen, nach denen die wuchernde und ausufernde Großstadt Tokio funktioniert. Grajewski erinnert die Struktur der Stadt an einen »ausgekippten Legokarton.« In einer Mischung aus japanischer und europäischer Bildsprache gelingt es ihm, die »gewürfelte Architektur im Kleinen« mithilfe von einfachen Schraffuren, Rastern, Parallelen wiederzugeben und auch die ständige massenhafte Bewegung, die Metapher Tokios, eindrücklich darzustellen. »Gelassen verschwinde ich im Untergrund, denn es ist die Bewegung des Individuums, die die Veränderung der Welt in sich trägt.« Comic-Kunst, in den französischsprachigen Ländern längst eine anerkannte Erzählform, wird im deutschsprachigen Raum oft unterschätzt. Grajewski zeigt, was sie zu leisten im Stande ist.

Rögglas Text und Grajewskis Bildgeschichte schmiegen sich zu einer mehrschichtigen, ästhetisch anspruchsvollen und anziehenden Bildtexterzählung, mit der ein Maßstab gesetzt ist. Ein Gemeinschaftsprojekt, das nach Fortsetzung ruft.

Peter Landerl

14. August 2009

Gespenster der Überhöflichkeiten

Nicht einmal bis zehn zählen gelingt ihr auf Japanisch. "was ich stolz angenommen hatte", notiert Kathrin Röggla. Schließlich besucht die österreichische Autorin Tokio zum wiederholten Mal. Sie wähnte sich halbwegs gewappnet für Japan. Aber dort zählen Kinder anders als Erwachsene. Lange Dinge oder flache Dinge bekommen unterschiedliche Zahlen: "wie seltsam hören sich diese geschichten über eine sprache an, die ich doch nie erlernen werde." Plötzlich fühlt sich Japanisch "wie eine unüberwindliche mauer an, hinter der das wirkliche tokio liegt".

Kathrin Röggla wagt dennoch eine Annäherung an Tokio, an das japanische Wesen. Für ihre Romane, Theaterstücke, Essays und Hörspiele erhielt die 38-Jährige schon viele Preise. Ihr Stück "worst case" wurde vergangenen Oktober am Freiburger Theater uraufgeführt. Nun spaziert die Wahlberlinerin durch Tokio, nimmt an Katastrophenübungen teil, interviewt Größen aus der IT-Branche, lässt sich Geschichten erzählen. Diese Splitter schreibt sie nieder – chronologisch, aber umgedreht: "tokio, rückwärtstagebuch" beginnt mit dem nächtlichen Heimflug, als sich in Rögglas Kopf die Bilder sibirischer Eisfelder über jene von Arakawa-ku legen, dem nördlichen Bezirk Tokios. Zwischen den Welten, inmitten feiernder Fußballfans überkommt sie eine seltsame, verkehrte Stimmung. "wie dreht man diese nacht wieder um, damit sie in die richtige richtung läuft?", fragt sich Röggla. Indem man sich an der Erinnerung nach hinten hangelt?

Je weiter sie zum Anfang der Reise vordringt, desto munterer wird Rögglas Ton. Noch freut sie das Unerwartete, das später ermüdet; so erschlägt, dass sie "nichts mehr aufnehmen mag", dass sie nach fünf der sieben Tokio-Wochen eine Paranoia-Attacke befällt. "gespenster der überhöflichkeiten" schrecken Röggla. Japanische Vollständigkeitsriten befremden sie ebenso wie die indirekte Kommunikation. Dabei gibt sie selbst vieles indirekt wieder: Es wird ihr berichtet, erklärt. Anderes "sagt man mir". Sie windet sich in Konjunktiven, rätselt, "wo sich eigentlich mein standpunkt befindet"? Wie eine Katze um den heißen Brei schleicht sie durch Tokio. Ein sehr persönliches Erfahren von Fremdheit. Ein Staunen über das eigene Unverständnis, das in Unsicherheit mündet. Verzweifelte und heitere Situationen beschreibt Röggla ruhig, durchsetzt mit zurückhaltender, wunderbar schütterer Poesie und in konsequenter Kleinschreibung. Ihre Texte umwehen Szenen und Straßenzüge wie ein Luftzug. Fühlbar, sanft, ungreifbar, geisterhaft. Hier erhascht die Nase einen Duft, dort meint das Ohr, ferne Klänge aufzufangen.

Die Augen zu füttern, übernimmt Oliver Grajewski. Der Zeichner des autobiographischen "Tigerboy"-Comics begleitet Rögglas subtile Schilderungen mit schwarz-weißen Bildern – einerseits. Er konkretisiert sie, ergänzt sie, durchdringt sie. Doch das Reisetagebuch, dessen erste Hälfte sich von vorne rückwärts liest, läuft in der zweiten von hinten vorwärts: Hier breitet sich Grajewski mit Tusche und Bleistift aus. Er schraffiert, punktet oder malt nur grobe Konturen. In rascher Folge lösen sich naive Cartooncharaktere, weiche Familienporträts, düstere Stadtlandschaften, heldenhafte Kunstfiguren und wuselige Panoramen ab. Sie beleuchten Momente Rögglas früherer Tokio-Reisen. Ihre eigenen Geschichten, die sie in knappen Textschnipseln erzählt. Die marschieren nicht immer im Gleichschritt mit den Zeichnungen. Auch Zitate aus dem vorderen Teil mischen sich ein. Sie laden dazu ein, mit Lese- und Betrachtungsgewohnheiten zu spielen, wie es Literatur-Bild-Kombinationen jenseits des Comics gerne tun.

Darauf will sich der Starfruit Verlag spezialisieren. In seiner ersten Veröffentlichung funktioniert die Verbindung. Das "rückwärtstagebuch" ist ein feines, einfaches Experiment: rückwärts von hinten muss ja wieder vorwärts ergeben. Röggla hat diesen Weg gewählt, weil Japaner Bücher von hinten lesen – eben so, wie Grajewskis Beitrag angelegt ist. Das Ende liegt somit in der Mitte.

Jürgen Schickinger

27. Juli 2009

Rückwärts ist es richtig rum

Jammern hilft nix, Büchermachen hilft. Manfred Rothenberger ist da Überzeugungstäter. Die schöneren Seiten des Lesens hat er sich jedenfalls schon vor 20 Jahren nicht vermiesen lassen. Schon gar nicht von der Universität! Aber vielleicht sollte ein bibliophil veranlagter Kunstbesessener wie er einfach nicht Fächer wie Germanistik oder Kunstgeschichte studieren. Wie sie an den Lehrstühlen Literatur sezierten und Kunst abstrahierten, war nicht so sein Ding. Ein Gegenentwurf musste her. Und er hatte ihn: »baterìa« hieß das Werk, war ein Magazin, das Kunst und Literatur gleichermaßen anging – Rothenbergers erster Coup! Manch einer kriegt heut noch feuchte Augen, spricht man ihn auf das ambitionierte Liebhaberheft an. Aber gut.

Alles hat seine Zeit, also war auch die von »baterìa« schlussendlich mal vorbei. Weil Rothenberger anschließend ein paar Abenteuer und andere Jobs dazwischenkamen – unter anderem ist er zum obersten Kopf beim Institut für moderne Kunst Nürnberg emporgewachsen – zogen etliche Sommer ins Land, bis der heute 49-jährige wieder heiß auf ein bibliophiles Wunschkind war.

Sieht so aus, als hätte er mit der Bücherfreundin Kathrin Mayer die perfekte »Mutter« – sprich Mitherausgeberin – gefunden, denn jetzt ist das Baby da. Es trägt den frechen Namen »tokio, rückwärtstagebuch«, kam im taufrischen Nürnberger Eigenverlag »starfruit publications« zur Welt und kann sich glücklich über die wagemutigen Künstler schätzen, die da auf dem Buchumschlag stehen.

Es handelt sich um die Schriftstellerin Kathrin Röggla und den bildenden Künstler Oliver Grajewski; um zwei also, die sich trauten, zum Auftakt der als Serie angelegten »starfruit«-Publikationen ihre angestammten Reviere Wort und Bild zu verlassen und aus unterschiedlichen Richtungen aufeinander zuzugehen.

Wer Röggla ist, muss man kaum noch erklären, zählt die 1971 in Salzburg geborene Buch- und Theaterautorin doch zu den wichtigsten Vertreterinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Oliver Grajewski, Jahrgang 1968, passt dazu wie die Tüpfelchen auf Rögglas »ö«. Der gebürtige Leverkusener wurde u.a. als Zeichner der Comicreihe »Tigerboy« bekannt.

Kristallisationsort des Gemeinschaftsprojekts ist Tokio. Röggla war mal dort, Grajewski auch, beide unabhängig voneinander. In ihrem »Rückwärtstagebuch«, das er illustrierte und sie schrieb, nähert sich jeder auf seine Art der Großstadt an.

Eine stilistische Besonderheit ist, dass Rögglas tagebuchartige Texte »rückwärts« laufen, also wie ein Film, den man zurückspult, zu lesen sind. Röggla sieht Tokio als Metapher für eine Metropole in der globalisierten Welt. Eine Landung im Fremdsein wird erlebt, ein Branden zwischen Kulturen, eine gleichermaßen komische wie unheimliche Story erzählt.

Auch Grajewski legt sich zeichnerisch ziemlich ins Zeug, was seine Bildergeschichte betrifft, die auf japanische Lesart funktioniert: Rückwärts ist es richtig rum. Klassische Reportage hat er als grafische Stilform ebenso drauf wie Fantasy, Comic, Manga-Cut-Up.

Dafür dass Rögglas Texte zeitreiseartig zwischen dem betörenden Konzert der Eindrücke einer Millionenstadt und melancholischen Stelldichein am Bürgersteig hin und her pendeln, bietet Grajewski Steilvorlagen en masse.

Mit ihrem Gemeinschaftsprojekt der separaten Seh- und Erzählweisen, die sich überkreuzen und durchdringen, stehen die beiden freilich nicht allein. Ähnlich dem Schriftsteller Hubert Fichte, der mit der Fotografin Leonore Mau zusammenarbeitete, kommen sie aber in Sachen »tokio« – gerade was hippe Sequenzen der Comic- und Manga-Szene betrifft – mindestens so locker und jugendlich zur Sache.

Daran ist auch den Nürnberger Herausgebern gelegen: »Ein Buch zu machen, das man sich als Student leisten kann, ohne dass es irgendwie lumpig ist«, war Rothenbergers Traum, den er mit grafischer Hilfe von Timo Reger, einem Mitglied der Hersbrucker Bücherwerkstatt, verwirklichen konnte. Für 18 Euro ist das »rückwärtstagebuch« im Handel zu haben – wo es dann, schon aufgrund des orange-leuchtfarbenen Flexcovers, ins Auge sticht.

Dass Rothenberger als Leiter des Instituts für moderne Kunst dem – ähnlich klingenden, doch davon unabhängigen – Verlag für moderne Kunst räumlich wie beruflich nahe steht, sieht er als Glücksfall. Der »starfruit«-Verlag kann die Vertriebsstrukturen mitnutzen. Wer »mehr« will, kann es kriegen. Eine signierte Ausgabe mit einem Faltdruck von Grajewski und einer Farbfotografie von Röggla in einer Auflage von 100 Exemplaren ist erhältlich. Die ersten Sammler – auch aus Nürnberg – schlugen schon zu.

Vorwärts gesagt: Für was Bibliophiles hat das »rückwärtstagebuch« ordentlich Pulsschlag. Staubfänger sehen anders aus.

Christian Mückl

Im Rahmen der Reihe »seiten sprünge – Autoren in der Stadt« fand am 10. Juli 2009 im Museumswinkel Erlangen die Buchpräsentation Kathrin Röggla / Oliver Grajewski: »tokio, rückwärtstagebuch« statt.

tokio, rückwärtstagebuch

Nummerierte und signierte Vorzugsausgabe in Kartonbox mit einem signierten Faltdruck von Oliver Grajewski und einer signierten Farbfotografie von Kathrin Röggla.

Auflage: 100 Exemplare

Preis: 150,– Euro

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Kathrin Röggla: »Neo Pank«, 2005/2009, Farbfotografie, 17,0 x 12,5 cm.
Oliver Grajewski: »A broken heart is a working heart«, 2009, zweimal gefalteter Offsetdruck auf PlanoPak-Dünndruckpapier, 42,0 x 28,0 cm (offen).

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Literaturport Berlin / Brandenburg