Jáchym Topol
Karel Cudlin

Unterwegs in den Osten

Herausgeber: Manfred Rothenberger und Kathrin Mayer
Text: Jáchym Topol
Aus dem Tschechischen von Eva Profousova
Fotografien: Karel Cudlin
Gestaltung: Timo Reger

176 Seiten mit 101 Abbildungen
im Duplex-Druck
Flexcover; 21,5 x 15 cm
Euro 24,00
ISBN 978-3-922895-21-3

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Titel Unterwegs in den Osten
Karel Cudlin und Jachym Topol, 30.12.2009, Prag
Karel Cudlin und Jachym Topol, 30.12.2009, Prag

Unterwegs in den Osten, der zweite Band der Reihe starfruit publications, die aussergewöhnliche Formen der Zusammenarbeit zwischen zeitgenössischen Autoren und Künstlern präsentiert, ist eine Koproduktion des renommierten tschechischen Dokumentarfotografen Karel Cudlin und des Schriftstellers Jachym Topol, der 2010 mit dem bedeutendsten Literaturpreis Tschechiens, dem Jaroslav-Seifert-Preis, ausgezeichnet wurde.

Roma beim Leichenschmaus; der Tag, als Gorbatschow in Prag war; die Pinkas-Synagoge: Cudlins Bilder zeigen zum einen Szenen aus der Zeit des »tiefen Sozialismus«, sie dokumentieren das Alltagsleben in der Tschechoslowakei der 1970er und 1980er Jahre, als diese noch Mitglied des Ostblocks war. Cudlin fotografiert nicht nur Bars und Stehimbisse, Maschinenfabriken oder  Politveranstaltungen wie die Parade am 1. Mai – es gelingt ihm auch, mit seiner Kamera an Orte vorzudringen, die damals vielen verschlossen waren, wie zum Beispiel das Prager Viertel Žižkov mit seinen dort lebenden Roma-Familien.

Oktober 1989, Deutsche Botschaft in Prag; eine Hochzeit in der Ukraine; die verlassenen ölfelder von Baku; Steppenkinder auf ihrem alten russischen Motorrad: Nachdem sich Tschechien der westlichen Welt geöffnet hat, wandert der Blick des Fotografen weiter in den Osten. Der zweite Teil des Buches versammelt Cudlins Aufnahmen von Reisen nach Polen, Rumänien, Bergkarabach und Aserbeidschan, nach Weissrussland, Moldawien und in die Ukraine, zur Wolga oder in die Mongolei. Diese Bilder sprechen von der langjährigen Herrschaft des Kommunismus, von archaischen Landschaften, von Armut und Not, aber auch von Widerstand und Autonomie, von Kraft und gesellschaftlicher Veränderung, von Reservaten der Menschlichkeit.

Jachym Topol ist in diesem Buch die »Stimme« des Fotografen – seine ebenso präzisen wie poetischen Texte bringen die Bilder »zum Sprechen«: Topol erzählt die Geschichten hinter Cudlins Fotografien, erschliesst wichtige historische, politische und kulturelle Zusammenhänge und leitet den Leser auf den Pfaden der Sprache in eine Welt, die so vielleicht schon bald nicht mehr sichtbar sein wird.

15. Dezember 2014

Buchpremiere: Der unbekannte Osten

Unterwegs in den Osten, so lautet die Zielrichtung einer Bildreportage der beiden Prager Jáchym Topol und Karel Cudlín. Eine Reportage, die in eine Gegend führt, in der offenbar niemand leben will, die aus dem Westen bestenfalls als Chimäre, als ferne Unbekannte wahrgenommen wird und von der lediglich undeutliche mehr oder weniger stereotype Vorstellungen existieren. Dabei ist längst nicht geklärt, wo dieser Osten eigentlich liegt, wie die Reisenden erfahren müssen.

»Nach Osteuropa fahren heißt auch, ständig auf der Suche zu sein«, ist da zu lesen. »Für die Slowaken liegt der Osten in der Karpato-Ukraine, von da aus wird man aber in den wahren Osten geschickt, nach Galizien. Aber die Bewohner der galizischen Ebene (darin ihren polnischen Nachbarn ähnlich) verkünden stolz: Wir sind Europa, wir sind die Mitte Europas! Und sie zeigen mit der Hand, dass man noch weit fahren muss, in die Ukraine, noch einmal 400 Kilometer, dort sei der Osten. Die Ukrainer verziehen allerdings das Gesicht und schicken einen nach Russland. Und in Russland ist man der Meinung, der wahre Osten beginnt erst in Sibirien. Da kommt aber schon das Japanische Meer.« Dort angekommen, ist man tatsächlich fast schon in Alaska, also in Amerika und damit im Westen schlechthin – womit sich der Osten wohl irgendwie aufgelöst hat.

Diesem sich verflüchtigenden Osten spürt der Band nach, der sich somit als Ergebnis einer Suchbewegung ohne konkretes Ziel verdankt, in der die Verfasser sich ihrem Osten vor und nach 1989 nähern – und dies nicht in nostalgischer Weise. Dabei sind es vor allem die Fotografien, durch die dieser Band heraussticht. Die Menschenschlange vor dem Obstladen in Prag in den 80ern; die Ehrenwache, zwei junge Pionierinnen, vor der zerfallenden Tatra-Fabrik in Prag Smíchov – wie nach einem Bombenangriff, so wird vermerkt –; die abziehenden sowjetischen Soldaten in Milovice Anfang der 90er, die nicht verstehen, warum man sie in Tschechien nicht mehr behalten möchte; die DDR-Flüchtlinge in der bundesdeutschen Botschaft oder eine der seltenen Aufnahme von den Demonstrationen des 17. November auf der Národní trida, der Nationalstraße in Prag.

Dabei verbleibt der Blick der Kamera nicht in Prag, die Exkursion nimmt den Weg nach Osten. Über Böhmen geht es weiter nach Polen, Weißrussland, über die Wolga an den Baikalsee und in die Mongolei und wieder zurück in die Ukraine und den Kaukasus – nach Baku und Bergkarabach. Es sind vertraute und exotische Regionen zugleich, die hier in wunderbaren Schwarz-Weiß-Fotografien erfasst werden, die das Alte vor 1989 in Erinnerung rufen, aber auch die sozialen und ökonomischen Lasten des Neuen eindrucksvoll zu erfassen wissen.

Januar 2012

Dieser literarische Fotoband ist eine Gemeinschaftsarbeit des renommierten tschechischen Dokumentarfotografen Karel Cudlin und des Schriftstellers Jáchym Topol. Chronologisch aufgebaut dokumentiert der Band zunächst den Alltag der Tschechen zu Zeiten des Sozialismus. Cudlins sehr ausdrucksvolle Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen z. B. die desillusionierten Blicke von Arbeitern in einer Maschinenfabrik, Veteranen auf einer Trauerfeier oder Menschen auf 1.-Mai-Paraden. Im 2. Teil des Buches, also nach der Öffnung der Grenzen, folgen Reiseaufnahmen aus der Ukraine, Russland und sogar aus der Mongolei. Unwirtlich wie unwirklich wirken beispielhaft die Fotos eines ukrainischen Heilbades vor dem Hintergrund eines verfallenden Salzbergwerks. Topols poetische Texte, mehr als nur reine Bildbeschreibungen, ergänzen trefflich Cudlins fotografische Sicht.

November 2011

Endlose Weiten, geheimnisvolle Heilbäder und unvermutete Jack-Kerouac-Milieus: Osteuropa ist ein Märchenland für Entdecker – man muss nur Vorurteile überwinden und sich darauf einlassen. Der neue literarische Bildband »Unterwegs in den Osten« des tschechischen Fotografen Karel Cudlín weist den Weg.

Wie war das damals wirklich in Prag 1981? Zu dieser Zeit herrschte in der Goldenen Stadt noch der tiefste Sozialismus, und in den Augen westlicher Beobachter waren alle Länder jenseits des Eisernen Vorhangs trübsinnige Grau-in-grau-Zonen, in denen die Schwermut alles andere überlagerte.

In »Unterwegs in den Osten« des Nürnberger starfruit-Verlages demonstrieren nun der Schriftsteller Jachym Topol und der Fotograf Karel Cudlin, dass sich hinter der scheinbar tristen Fassade des sozialistischen Utopia faszinierende Milieus verbargen.

Um den Leser in diese vergangene Welt mitzunehmen, arbeiten Topol und Cudlin in  ungewöhnlicher Weise zusammen: Der Schriftsteller Topol, ausgezeichnet mit dem renommierten Jaroslav-Seifert-Literaturpreis, wird zum Ghost-Writer des Fotografen und kommentiert dessen Fotos in der Ich-Form. So verdichtet sich die Domäne des Wort-Künstlers mit der des Bild-Künstlers bei jedem gezeigten Foto – eine Methode, die der junge Verlag in ähnlicher Weise bei all seinen bislang veröffentlichten Büchern anwendet.

Das Buch ist chronologisch angelegt und dokumentiert zunächst das Alltagsleben in der sozialistischen Tschechoslowakei, bevor die Bilder von Reisen in den Osten erzählen. Im Prager Palac Lucerna wirkt sich die sozialistische Losung von der Gleichheit aller zur Abwechslung einmal vorteilhaft aus. Denn hier war für jeden Geschmack etwas geboten – ob politische Liederabende, Rock- und Jazzkonzerte oder manchmal sogar Boxkämpfe, der »Palast« lockte die unterschiedlichsten Besucher in seinen einzigen Saal.
Egal, ob hier der große Schauspieler Jan Weirich auftrat oder Louis Armstrong, was hier auch immer los war, es endete meist in einem Riesenbesäufnis – dass irgend jemand die Tischplatte als Kopfkissen missbrauchte, war in jenen Tagen ein vertrauter Anblick.

Vom Palac Lucerna in der Prager Altstadt gelangt man leicht zum Stadtteil Zizkov. Wer den 20-minütigen Spaziergang unternimmt, landet in einer völlig anderen Welt. Bis vor knapp zehn Jahren lebten in dem ehemaligen Arbeiterviertel Roma und Kleinbürger Tür an Tür. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eröffnete eine Unmenge von Kneipen, das Leben spielt sich seither noch mehr auf der Straße ab als es ohnehin schon der Fall war. Während die Schänken blieben, wurden die Roma von der neuen Zeit allerdings verdrängt. Im Kommunismus durch den Staat mit billigem Wohnraum versorgt, konnten sie im freien Spiel der Marktkräfte nicht mithalten und zogen einer nach dem anderen weg.
Jene Bewohner Zizkovs, denen die Roma ein Dorn im Auge waren, atmeten auf, doch die Welt ist in Zizkaberg, wie der Bezirk im Volksmund heißt, seither weniger bunt. Bei Karel Cudlin, der in den siebziger Jahren die Bücher von Lawrence Ferlinghetti, Jack Kerouac und den anderen Beatniks las, machte es eines Tages Klick, als er in der Zeitschrift Svetova literatura auf die Harlem-Fotos von Roy DeCarava stieß. Denn wie Schuppen fiel es ihm von den Augen: Diese farbenprächtige Welt gab es ja auch direkt vor seiner Nase.
Die Roma lebten zwar ebenfalls im Sozialismus, aber irgendwie auch außerhalb. Die Politik von Zuckerbrot und Peitsche, wie sie das Regime betrieb, habe bei ihnen nicht verfangen, schildert der Fotograf. Seien sie aus der Arbeit geflogen, sei ihnen das egal gewesen. Denn an einem Urlaub am Meer seien sie ohnehin nicht interessiert gewesen. Während die »Normalbürger« ständig schikaniert wurden und um ihre Kaderakten bemüht gewesen seien, hätten die Roma auf die Regeln gepfiffen und lieber gefeiert. So wie auf dem Foto, das Prager Roma bei einem Leichenschmaus in den 1980er Jahren zeigt.

Doch 1989 hatte schließlich das ganze Land Grund zum Feiern. Mit der »Samtenen Revolution« im November dieses Jahres fegten sie das kommunistische Regime binnen weniger Tage weitgehend gewaltfrei weg. Schon im Dezember 1989 wurden die bis dahin hermetisch abgeriegelten Grenzen zu Deutschland und Österreich durchlässig. Ein Foto zeigt tschechoslowakische Soldaten bei der Entfernung von Stacheldraht an der Grenze zu Österreich im Januar 1990. Ein paar Tage zuvor hatten sie noch an diesem Stacheldraht Wache geschoben – mit dem Auftrag, jeden notfalls zu erschießen, der aus dem eingezäunten Land fliehen wollte.

Mit der Freiheit begann in der Tschechoslowakei die mühsame Aufarbeitung der Vergangenheit. Der Kommunismus hatte – wie in der DDR – eine ramponierte Zivilgesellschaft hinterlassen, mit etlichen Defiziten. Das Gedenken an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus war von den Kommunisten beispielsweise immer behindert worden. Den zentralen Ort für das Gedenken an den Holocaust – die Pinkas-Synagoge in der Prager Josefstadt – hatten sie nach dem Prager Frühling kurzerhand zugesperrt.
Das Gotteshaus blieb für Jahrzehnte geschlossen und verwitterte langsam. An den Wänden der Pinkas-Synagoge stehen die Namen aller tschechischen und mährischen Juden, die die Nazis umgebracht hatten. Es sind 77.297 Namen, die während der Diktatur lange Zeit nicht zu sehen waren. Nach der »Samtenen Revolution« dauerte es vier Jahre, bis die Pinkas-Synagoge wiederhergestellt war – nun strömen die Massen in sie.

Als die Grenzen fielen, machte sich Cudlin nicht etwa auf in den Goldenen Westen –  nein, es zog ihn immer tiefer in den »armen« und »kaputten« Osten. Was faszinierte ihn daran? »Nach Osteuropa zu fahren, heißt auch, ständig auf der Suche zu sein«, schreibt sein »Ghostwriter« Jáchym Topol. Ständig nachforschen – das klingt nicht unbedingt anregend. Worin besteht der Reiz? Topol/Cudlin holen für ihre Antwort aus: »Für die Slowaken liegt der Osten in der Karpato-Ukraine, von da aus wird man aber in den wahren Osten geschickt, nach Galizien. Aber die Bewohner der galizischen Ebene (darin ihren polnischen Nachbarn ähnlich) verkünden stolz: Wir sind Europa, wir sind die Mitte Europas! Und sie zeigen mit der Hand, dass man noch weit fahren muss, in die Ukraine, noch einmal 400 Kilometer, dort sei der Osten. Die Ukrainer verziehen allerdings das Gesicht und schicken einen nach Russland. Und in Russland ist man der Meinung, der wahre Osten beginnt erst in Sibirien. Da kommt aber schon das Japanische Meer. Asien. Also gibt es Osteuropa eigentlich überhaupt nicht.«

Keiner will also Osteuropäer sein. Der Sehnsuchtsort derer, die es nun mal sind, sei der zivilisierte und reiche Westen, schreiben die Autoren von »Unterwegs in den Osten«. Wer von dort komme, sei für die Leute automatisch interessant: »Du steigst aus dem Auto, jemand verwickelt Dich in ein Gespräch und lädt Dich zu einer Hochzeit ein, zu sich nach Hause. (...) Du lernst Leute kennen, übernachtest bei ihnen, und fährst am nächsten Morgen weiter.« Und das endlos lange – immer tiefer in die unendlichen Ebenen des Ostens.

Tatsächlich: Das klingt spannend. Und nicht nur das. Denn ausgerechnet in dieser vermeintlich unwirtlichen Region findet Cudlín »seinen Ort in der Welt«: das Dorf Jassinja, zu deutsch »Esche«. Von Jassinja im östlichsten Zipfel der Karpato-Ukraine sind es gut 50 Kilometer bis zur rumänischen, aber 1400 Kilometer bis zur russischen Grenze – der »wahre Osten« ist also noch fern.
In dem 8.000-Einwohner-Ort seien die Menschen vor allem Nachbarn, schreiben Topol/Cudlin. Sie hielten Tiere, arbeiteten draußen an der frischen Luft unter der Sonne und wenn sie gute Laune hätten, erzählten sie gerne Geschichten aus ihrem Leben. Die Kinder auf dem Foto spielen auf dem Eis der Theiß, dem längsten Nebenfluss der Donau. Um den Sonnenstrahl zu erhaschen, wartete Cudlín drei Tage lang.

Ganz andere Attraktionen als in Jassinja finden sich in Solotwyno, das nur eine Autostunde entfernt liegt. Schon zu k.u.k.-Zeiten gab es dort ein Bergwerk, in dem bis vor wenigen Jahren noch Salz abgebaut wurde. Die heruntergekommene Fabrik läuft immer noch, doch mittlerweile geht es nicht mehr primär um Rohstoffgewinnung, sondern um das Erholungsbedürfnis der Menschen. Zwar pumpen die Fördertürme immer noch Salzwasser aus der Tiefe des Bodens, doch nur um es in alle möglichen Seen zu leiten: Aus Solotwyno wurde ein Heilbad.
Zwischen umgefallenen Bohrtürmen, erstarrten Kränen und stehen gelassenen Güterwaggons flanieren Urlauber, sie baden, schmieren sich mit Schlamm ein und aalen sich auf ihren Badetüchern. Auch in Solotwyno bestätigt sich: Der Osten ist eine Gegend für ungewöhnliche Entdeckungen.

Bergkarabach hat durch den Krieg zwischen den armenischen und aserbaidschanischen Einwohnern zwischen 1988 und 1994 traurige Bekanntheit erlangt. Die Armenier vertrieben fast alle Aserbaidschaner, doch sie selbst mussten Baku, Sumgait und andere aserbaidschanische Städte verlassen – es gab viele Tote.
Der Hass zwischen den beiden Völkern ist noch immer groß, der Krieg hat die landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaften zerstört, heute gibt es kaum noch etwas, wovon die Menschen leben können. Trotzdem ist die Gastfreundschaft noch immer so wie überall im Kaukasus, nämlich kaum zu überbieten. Der herrlich gedeckte Tisch vor der Kulisse einer wilden Berglandschaft lässt den Besucher für einen Moment das Elend rundherum vergessen. Die bereit stehende Wodkaflasche bestärkt das Gefühl: So schön kann nur der Osten sein.

Paul Katzenberger

10. September 2011

New York war von dort ganz weit weg

Am 11. September 2001 sollte im weißrussischen Minsk eine Ausstellung mit Bildern des tschechischen Fotografen Karel Cudlín eröffnet werden.
Unter den Gästen waren auch diplomatische Vertreter aus den USA – die plötzlich davon stürzten. »Ich hörte jemanden sagen, gerade sei das dritte Flugzeug abgestürzt«, erinnert sich Cudlín. »Ich verstand nur Bahnhof.« In einer Bar mit Fernseher ließen sich Fußballfans nur mit Mühe dazu überreden, auf einen Nachrichtensender umzuschalten. Was aus New York berichtet wurde, »interessierte in dieser Bar aber kaum einen«.
Die Vorstellung, dass es Menschen gab, die sich für das Drama im World Trade Center nicht sonderlich interessierten, ist aus unserem Blickwinkel befremdlich. Es liegt eine bittere Ironie darin, dass Cudlín von diesem verhängnisvollen Ereignis geografisch und geistig so weit weg war: Das Amerika von George W. Bush zog in der Folge von 9/11 die berühmte »Achse des Bösen« durch die politische Welt; die jahrzehntelange Ost-West-Grenze verlor im öffentlichen Bewusstsein endgültig ihre Bedeutung.
Nicht für Cudlín. Sein entlegener Aufenthaltsort an diesem Tag ist symptomatisch für sein Werk: Schon kurz nachdem sich 1989/90 der Eiserne Vorhang gehoben hatte und alles Richtung Westen strömte, richtete Cudlín seinen Blick in die entgegengesetzte Richtung. Erst in Tschechien und Polen, später in der Ukraine, Aserbaidschan und Russland dokumentierte er mit einprägsamen Schwarz-Weiß-Bildern, wie sich dort der Alltag veränderte – oder eben nicht; unter anderem, weil sich kaum jemand interessierte für die Zustände im Abseits dieser Orte.
Obwohl er nicht der einzige Fotograf war, der mit seiner Kamera tief in den Osten reiste, ist das Buch, das jetzt in der Reihe »*starfruit« von Manfred Rothenberger und Kathrin Mayer herausgegeben wurde, eine Entdeckung. Nicht nur, weil die Bilderzeitreise in den frühen 80ern beginnt und bis ins Jahr 2007 führt; sondern auch, weil die Fotografien begleitet werden von kurzen Texten des Schriftstellers Jáchym Topol, ein Landsmann und Freund Cudlíns. Was Cudlín zu seinen Aufnahmen aus der Erinnerung kramte, dem gab der Lyriker und Romancier (48) eine literarische Form. Hellsichtige poetische Zeilen sind dabei entstanden, die sich gleichwohl davor hüten, das, was Alltag und Geschichte aus den Menschen und Orten dort machen, zu Elendsromantik zu verklären. Eben das gilt auch für die Aufnahmen des 1960 geborenen Cudlín.
Nach der Öffnung des Vorhangs, veränderte sich manches, was sich dahinter verbarg, so rasch, dass kaum Zeit war, es wahrzunehmen. Augenblicke davon reicht dieses Buch gewissermaßen nach: Eben noch standen Menschenschlangen vor tristen Lebensmittelläden, schon beißt ein Junge gierig in einen Big Mac, hält ihn dabei mit den Händen umklammert, als könne er sich in Luft auflösen.
Hatte die kommunistische Propaganda also doch recht gehabt: der Osten, in Nullkommanichts überrollt vom Klassenfeind, wenn auch eher kulinarisch als ideologisch. Was nicht gesagt werden durfte: Genau das sehnten die Menschen herbei. Der Besitzerstolz eines jungen Pragers, der im Oktober ’89 einen Doppelkassettenrecorder ergattert hat, ist fast rührend.
Gehören solche Momentaufnahmen noch zum Allgemeingut, entwickelt das Buch seine besondere Sogkraft, wenn die Reise bis zum Baikalsee, in die Mongolei oder nach Baku in Aserbaidschan führt, wo die Apokalypse der Natur unübersehbar begonnen hat. Während sich Cudlín räumlich entfernt, kommt er zeitlich immer näher ins Heute – ein spannender Effekt, der auch sichtbar macht: Die trüben Grau-in-Grau-Kulissen des Sozialismus waren nicht erschreckender als die postkommunistische Trägheit.
Keine Frage, Vergnügungsreisen sehen anders aus. Und doch möchte man schon nach zwei oder drei Stationen keinesfalls frühzeitig aussteigen aus dieser mit viel Sorgfalt und Verstand gemachten Publikation.

Tamara Dotterweich

September 2011

Jáchym Topol / Karel Cudlín: Unterwegs in den Osten

Der Spruch »Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte« wird oft angewendet, um die Wichtigkeit von Fotografie zu betonen und klingt doch zugleich ein wenig abgeschmackt angesichts vieler falsch benutzter oder verstandener Bilder, die ohne passende Legende daher kommen. Manche Bildebenen erschließen sich eben doch erst mithilfe von Informationen. Und wie spannend und bereichernd können Erzählungen sein, bei denen Bilder und Text sich ergänzen!
Eine bemerkenswerte Bild-Text-Kombination ist im Verlag starfruit publications erschienen, der genau diese Tugend zum Programm gemacht hat: »außergewöhnliche Formen der Zusammenarbeit zwischen zeitgenössischen Autoren und Künstlern.«
Im Mittelpunkt der zweiten Verlagspublikation »Unterwegs in den Osten« stehen die Schwarzweiß-Fotografien von Karel Cudlín. Ihm verlieh der tschechische Autor Jáchym Topol eine »Stimme«. Beide sind seit der Öffnung des »Eisernen Vorhangs« als Reporter und im eigenen Auftrag unterwegs, vorzugsweise im Osten. »Ob es nun stimmte oder nicht, der Westen kam uns beiden bald ausreichend fotografiert und beschrieben vor«, schreibt Topol im Nachwort.
Fotograf und Autor sind nicht zusammen gereist, aber manchmal haben sich die Reisen überschnitten und man tauschte sich später in Kneipen oder bei Freunden aus. Erste Texte zu einzelnen Fotos entstanden und nach und nach die Idee zu einem Buch. »Es ging uns um die Entstehungsgeschichte der Bilder, nicht darum, die Probleme dieser Welt zu lösen«, so Topol. Und: »Wir haben uns von unseren persönlichen Erfahrungen und von unserer Neugierde führen lassen.«
Die ersten Aufnahmen entstanden Ende der 70er Jahre in Prag, die jüngsten ab 2005 in Aserbaidschan, der Ukraine, Bergkarabach, Polen und Rumänien. Karel Cudlín hat die letzten Jahre des sozialistischen Systems ebenso mit seiner Kamera begleitet wie die Zeit des Umbruchs und die Folgen des neuen Kapitalismus. Bilder und Texte erzählen davon auf lakonische, unaufgeregte Weise. Und auch wenn es an einer Stelle heißt: »Keiner ist gerne Osteuropäer«, so dominiert hier doch eine Poesie und Menschlichkeit, die auch den Betrachter und Leser neugierig macht.

Anna Gripp

Nr. 4/2011

Osteuropa heißt, auf der Suche sein

Zwei Poeten treffen sich hier, der eine hat es im Blick, der andere in der Sprache. Worauf Karel Cudlín seine Kamera richtet, wird eine Geschichte daraus. Das könnte schon reichen. Doch dann kommt Jáchym Topol hinzu, fragt nach Orten und Personen der Fotos, schreibt auf, was Cudlín berichtet, schleift und feilt und poliert ein wenig daran mit unglaublichem Sprachgefühl. So zwischen graumeliertem Velvet-Underground-Feeling, prolliger Realsoz-Groteske und grimmigem Ost-Bruttosozialprodukt-Gesteigere-Staunen. Knapp zwanzig Fotos und die realsozialistische Tschechoslowakei springt einen an wie dreibeiniger Tiger mit Krankenkassengebiss. Die Arbeiterviertel, in denen das 19. Jahrhundert für immer stehenzubleiben scheint, die speckigen »Bufets«, die Roma in Zizkov, die das Regime nie kleinkriegte. Die Maschinenfabrik Rustonka im Prager Stadtteil Karlin, inder schon zu K.u.K.-Zeiten Straßenbahnen repariert wurden, mit ihren »Helden der Arbeit«: möglichst schnell heimkommen, Karten spielen und trinken, sozialistisches Eigentum abstauben. Und tiefschwarzer Humor, die Bilder sind verdammt dunkel. Holde Vergangenheit, inzwischen geschliffen. Weiter geht es in den Osten. Der Vorhang fällt und geht auf: Polen, Tschechien, Ukraine, nach den gesprengten Ketten. In Milovice ruhen sich sowjetische Besatzer vor dem Abzug aus, Fremdlinge unter Pflaumenbäumen, danach ab zum Bahnhof: »Ganz normale Menschen«. Ein betrunkener Offizier: »Dann kommen die Deutschen und pflastern mit euren Köpfen den Wenzelsplatz. Und wir werden euch nicht mehr helfen können.«
Stimmt, es rettet uns kein höh’res Wesen. Dafür kommt McDonalds.
Dan die Juden, das, was geblieben ist, verfallene Friedhöfe in der Ukraine, verluderte Quartiere in Kazimierz, Krakau. Die Pinkas-Synagoge in Prag, erst in der kurzen Tauwetter-Periode 1962 geöffnet, 1968 geschlossen wegen Endrenovierung, da wurden viele Opfernamen wieder abgekratzt; 1996 erst wieder eröffnet, mit einer intimen Feier. Ein paar Journalisten, die meisten Gäste Juden, Verwandte von den 77.292 ermordeten Menschen, deren Namen an den Wänden stehen.
Familienfeier. Schattenbilder. Trauerbilder im Zentrum des Buches.
Und immer tiefer in den Osten, Roma, das ganz andere Europa, Elend und Lebensfreude, Winterbilder aus der Ukraine, als wäre da ein Breughel am Werk gewesen, Stillstand, und dann: Völkerwanderung, der Mensch ist seit je ein Nomade, der Osten bricht auf zur »Gastarbeit«. Und weiter an die Wolga, Astrachan, die alte Handelsstadt, Wasser, Sümpfe, Bäche, Fischsuppe, der Schulbus ein Boot. Nach Osten, Kindertraum Baikalsee, verfallene Gräber tschechischer Legionäre aus dem Ersten Weltkrieg, Umzug einer Nomadenfamilie in der Mongolei nach Ulan Bator, in das neue Leben. Ein Sprung zurück ins sterbende Leben, Baku am Kaspischen Meer, Ölförderung, nature morte, ein riesiger Industrieslum, die »weltweit am stärksten verpestete Landschaft«. Sighet, Rumänien, das Getto von Lodz, das heute wieder eines ist, und Bergkarabach sind die letzten Stationen. – »Für das Buch haben wir uns kein Ziel gesteckt, keine Strukturen festgelegt«, sagt Jáchym Topol im Nachwort. Es sind auch nur Momentaufnahmen. Man erahnt so viele Geschichten in ihnen.

Balduin Winter

12. August 2011

Das Buch ist beeindruckend. Es ist ein kleiner Schatz der Fotografie und Literatur. Dieses Buch ist dokumentarische Fotografie und dokumentarische Literatur und Geschichtsbuch in einem Band.
Wer jemals im Osten vor 1989 war und/oder auch in der Tschechoslowakei, der findet hier wieder, was man selbst gesehen hat und noch viel mehr. Denn das Buch berichtet über die Zeit bis 1989 und die Zeit nach 1989.
Dies ist der zweite Band der Reihe starfruit publications, die außergewöhnliche Formen der Zusammenarbeit zwischen zeitgenössischen Autoren und Künstlern präsentiert. Die Kooperation zwischen dem Dokumentarfotografen Karel Cudlín und dem Schriftsteller Jáchym Topol ist mehr als gelungen.
»In diesem Land gab es keinen Terror. Wer nicht aufbegehrte, der konnte in Ruhe leben, wir kannten keine Armut, nur Mangel. Schwarzmarkt, Valutenschieberei, Tauschhandel. Kellner, Taxifahrer, Fleischer, Gemüsehändler – das war der sozialistische Adel.«
So schreibt Jáchym Topol im Kapitel über »Stehimbisse, Läden, Anstehen, Einkaufstaschen«.
Hier berichten zwei Reporter, der eine mit dem Bild und der andere mit dem Buchstaben. Sie sammeln Eindrücke und Erlebnisse in Ländern und Städten, die früher hinter der Mauer waren.
Aber das Buch ist nicht nur Geschichte, es ist auch aktuell. Viele Fotos zeigen das Leben in Lodz, Karabach, Solotvino, Baku, Blansko und an anderen Orten.
Die Texte machen aus den Geschichten der Fotos neue Geschichten hinter den Fotos und andere Geschichten neben den Fotos.
Dabei strahlt das gesamte Buch eine Ruhe aus, die ich selten in einer Veröffentlichung gefunden habe. Und es berichtet trotzdem über das, was uns Menschen gerade passiert.
»Das, was in Baku passiert ist, ist ein Paradebeispiel für die grauenvolle Art, wie der Mensch mit den von ihm entdeckten Bodenschätzen umgeht. Auch wenn man die kaputte Landschaft direkt in Augenschein nimmt, kann man den Grad der Umweltverschmutzung kaum ermessen. Es ist ein riesiger Schauplatz der Zerstörung, ein anschauliches Bild dafür, wie sich der Mensch der Ressourcen der Natur bedient, ohne darüber nachzudenken, was später passieren soll. … Eine Landschaft, die im Sterben liegt.«
Es sind solche Texte und die Bilder dazu, die zeigen, dass Literatur und Bildreportagen heute wichtiger denn je sind. Dieses Buch ist ein kulturhistorischer Schatz. Das gilt auch für das Layout und das gesamte Projekt.
Vor dem Verschwinden der Mauer, beim Verschwinden der Mauer und nach dem Verschwinden der Mauer erlebt man Menschen und Geschichten.
Wie man in Prag den Einzug der Ostdeutschen in die westdeutsche Botschaft erlebte, wie McDonalds nach Most kam, wie die neue Freiheit zur Suche nach Arbeit führt.
Es ist ein beeindruckendes Dokument als persönlicher Erlebnisbericht, als dokumentarische Fotografie und als literarisches Dokument. Vielleicht liegt es an der Übersetzung, aber die Sprache ist oft so leicht, dass es fast schon ein Vergnügen ist, den Worten zu folgen.
Und so ist dem Verlag ein Buch gelungen, welches sehr selten und sehr kostbar ist. Es ist ein kluges Buch und es dokumentiert den Wandel, der sich gerade vollzieht oder wie es so schön heißt, das Buch »leitet den Leser auf den Pfaden der Sprache in eine Welt, die so vielleicht schon bald nicht mehr sichtbar sein wird.«
Doch durch die Fotos sehen wir sie heute noch. Dieses Buch lohnt sich für Menschen, die denken und die spüren können. Es ist ein selten gutes Buch.

Michael Mahlke

3. August 2011

Auf der Suche nach dem verlorenen OstenAls Karel Cudlín in den 70er Jahren zu fotografieren begann, gab es den Warschauer Pakt noch, ebenso Cudlíns Heimatland, die Tschechoslowakei, und somit auch einen gleichsam melancholischen wie fröhlichen Alltag mit viel Patina.Seit sich Europas Osten dem Westen geöffnet hat, ist dieses Lebensgefühl auf dem Rückzug: Konsum und bunte Farben haben im früheren Ostblock Einzug gehalten – und Cudlín hat sich samt Kamera auf die Reise gemacht: Auf der Suche nach dem verlorenen Osten.

15. Juli 2011

Reportagen aus einer fremden Welt

In der Reihe starfruit präsentiert der Nürnberger Herausgeber Manfred Rothenberger immer einen Bildenden Künstler zusammen mit einem Autor.
Diesmal sind es der tschechische Schriftsteller Jáchym Topol und der Fotograf Karel Cudlín.
»Unterwegs in den Osten« heißt schlicht und treffend der Band, der Bilder von Cudlín von den 70er Jahren bis heute vereint. Der Fotograf gehört zu den renommiertesten in Tschechien, jahrelang war er Vaclav Havels offizieller Lichtbildner, jetzt lebt er von Reportagen und als freier Künstler. Cudlín interessiert der Sog Richtung Westen nicht, der nach der Wende in seiner Heimat eingesetzt hat. Dafür macht er sich von Prag aus immer weiter auf Richtung Osten, nach Weißrussland, Bergkarabach, Aserbaidschan, an den Baikalsee.
Sehr intim lichtet er Kinder, Dorfbewohner, Fabrikarbeiter ab und schildert dabei ganze Geschichten. Seine Erlebnisse hat er Topol erzählt, der sie in schlichten Sätzen treffend fasst: »McDonald’s in Most. Bei der Eröffnung stand eine Schlange neugieriger, erwartungsvoller Menschen vor der Filiale. Das war also der Kapitalismus. Wie sieht er denn aus? ... Das waren die 90er Jahre: Der Hunger nach Freiheit war gestillt, der Hunger
nach Ware geblieben.«
In wenigen Sätzen erzählen die beiden Reportagen aus einer fremden Welt.

Katharina Erlenwein

12. Juli 2011

Mitfühlender Erzähler hinter der Kamera

Fotografien sagen mehr als 1000 Worte. Und doch ... Wie oft findet man sich abgespeist mit kargen Orts- und Zeitangaben, während die aufgenommene Szene nach Erklärungen ruft, eine Geschichte zu bergen scheint, die vom Foto allein nicht erzählt wird.

Es gibt natürlich auch Aufnahmen, die durch eben diesen Hermetismus gewinnen und deren Aussagekraft eine Geschichte vermindern würde. In »Unterwegs in den Osten«, dem Band mit Fotografien des 1960 geborenen Tschechen Karel Cudlín gibt es beide Arten von Fotografien. Und das Buch enthält Geschichten, die Cudlin dem tschechischen Schriftsteller Jáchym Topol erzählt hat.

Cudlíns Schwarz-Weiß-Fotografie eines zugefrorenen, von wenigen, kleinen Häusern und kahlen Bäumen gesäumten Flusslaufs, auf dem sich einige Kinder mit Schlittschuh und Schlitten tummeln, braucht beispielsweise keine Erklärung. Die an Breughel erinnernde Szene wird nach oben hin mit einer Kette von weiteren Häusern am Horizont abgeschlossen und von einem Sonnenstrahl beherrscht, der das Bild diagonal durchkreuzt. Er überhöht die winterliche Idylle zur Kirche. Cudlin hat für das ukrainische Dorf Jasina ein Andachtsbild geschaffen.

Anders sieht es mit Aufnahmen aus dem Prag der 80er-Jahre aus. Cudlin zeigt skeptische, verhärmte und gelangweilte Arbeiter der Maschinenfabrik Rustonka und trostlose junge Rekruten. Die Bedrückung der Menschen teilt sich unmittelbar mit, aber wie verbreitet sie war, wie sehr sie zum Alltag gehörte, erzählt Cudlín mit klaren, starken Worten. Wer auf diesen Aufnahmen lacht, ist entweder Roma und hat nichts zu verlieren – oder glaubt sich beim Scherz auf der 1.-Mai-Demonstration unbeobachtet.

Fast alle Fotografien, ob vor oder nach der Wende, besitzen eine stille Würde und berückende Sinnlichkeit. Cudlín schätzt, wen er fotografiert, und kommt seinen Objekten nah. Man glaubt, Dreck, Schweiß und Alkohol zu riechen, ohne deshalb Abstand nehmen zu wollen. Dabei sieht das kümmerliche Heilbad im ukrainischen Solotvino entsetzlich aus. Unmittelbar hinter den Wasserbecken rotten die gewaltigen Kräne und Fördertürme des Salzbergwerks vor sich hin, dem die Kurgäste das heilsame Wasser aus 300 Meter Tiefe verdanken. Aus den Gesichtern aber strahlt eine anrührende Dankbarkeit.

Oder das Foto der erschöpft am Tisch mit Konservengläsern und Plastikflasche in grauem Licht eingenickten Männer, halb angezogen oder mit hoch gerutschtem, ausgeleiertem T-Shirt – die intime Szene im Bauwagen zeigt, erzählt Cudlín, Gastarbeiter aus der Ukraine, die 1980 die Prager Tatra-Werke abreißen.

Die chronologische Anordnung der Aufnahmen liest sich als Logbuch des Reisenden Cudlín, der neben den normalen, grauen Gesichtern in der Tschechoslowakei die »wunderschönen« der Roma findet und nach der Wende deren Freude und Unantastbarkeit in Polen, der Ukraine, der Mongolei sucht. Cudlín ist ein mitfühlender Erzähler mit der Kamera und manche seiner Erzählungen mit Worten, von Jáchym Topol vorsichtig gerundet, können auch ohne Foto bestehen.

Jörg Plath

Juli 2011

Menschenlandschaften, Überreste

Manfred Rothenberger steht für inzwischen unzählige hochkarätige Kunst- und Literaturprojekte in Nürnberg, früher hätte man ihn als »graue Eminenz« bezeichnet. Grau sind aber auch die kreativen Gehirnzellen, und die benutzt er konsequent. Einst war er leidenschaftlicher Aktivist und Mitherausgeber der nun schon legendären Literatur- und Kunstzeitschrift »batería«, seine Ausstellungen für das Institut für moderne Kunst sind Kleinode in Serie. Und der 2009 von Manfred Rothenberger und Kathrin Mayer in Nürnberg gegründete Verlag »starfruit publications« konzentriert sich auf Publikationen von Kooperationen zwischen einem Autor und einem Künstler. Das erste Buch dieser neuen und mutigen Reihe war von Kathrin Röggla und Oliver Grajewski – »tokio, rückwärtstagebuch«: Texte und Schwarzweiß-Cartoons über die japanische Megastadt.
Jetzt folgt der zweite Streich: »Unterwegs in den Osten« mit Texten von Jáchym Topol und Schwarzweiß-Fotos von Karel Cudlín. 2005 brachte Rothenberger die beiden für eine Ausstellung zusammen. Daraus entwickelte sich eine Freundschaft verwandter Seelen mit diesem Resultat: einem ganz außerordentlichen Foto-Textband über untergehende Welten, über Außenseiter und »Randgruppen«, die in vielen östlichen Ländern, etwa Ungarn, zunehmend diskriminiert und verfolgt werden. Cudlín ist ein dokumentarischer Fotograf, ein Poet hinter der Kamera mit immensem Sinn für Menschen, Zeit und Geschichten. Genau das prägt seine Fotos, die oft wie gemalt wirken, niemals bloß Schnappschüsse sein wollen, immer aber »wahrhaftig« wirken. Dem entspricht Topol mit seinen Texten, die natürlich keine Bildbeschreibungen sind, sondern Resultate ähnlicher »Weltanschauungen« – beide vereint der spröde, melancholische und ungleich liebevolle Blick auf Menschen, Landschaften und Taten. Jáchym Topol lebt in Prag, wo er 1985 das Underground-Magazin »Revolver Revue« gegründet hat. Als Romancier schrieb er sich an die Spitze der tschechischen Gegenwartsliteratur und erhielt 2010 mit dem Jaroslav-Seifert-Preis den namhaftesten Literaturpreis Tschechiens.
»Unterwegs in den Osten« ist sowohl eine Reise in die tschechische Vergangenheit zu Zeiten des Sozialismus und danach, dann sind es Reisereportagen, etwa in die Ukraine, zu den einsamen Ölfeldern von Baku, nach Polen, sogar in die Mongolei: »Woher diese Unlust, Osteuropäer zu sein? Ist doch klar, der Osten ist arm und kaputt.« – so das lakonische Fazit von Topol/Cudlín. Ihr Buch ist dennoch ein so hinreißender wie berührender Abgesang.«

AM

Nr. 17, 20.4.2011

Die ZEITmagazin-Entdeckungen der Woche
Die Fotos des Tschechen Karel Cudlín aus den Ost-Diktaturen der achtziger Jahre erscheinen jetzt als Bildband.
Zu sehen: Alltag, Melancholie und erstaunlich viel gute Laune.

Im Rahmen der Eröffnung einer Ausstellung mit Fotografien von Karel Cudlín fand am 24. Mai 2011 die Buchpräsentation Jáchym Topol / Karel Cudlín: »Unterwegs in den Osten« im Internationalen Haus Nürnberg / Heilig-Geist-Haus statt.