Peter Waterhouse
Nanne Meyer

Die Auswandernden


Herausgeber:
Manfred Rothenberger und Institut für moderne Kunst Nürnberg
Gestaltung: Timo Reger
Text: Peter Waterhouse
Zeichnungen: Nanne Meyer

256 Seiten mit 58 doppelseitigen Farbabbildungen
Hardcover; 14 x 21 cm
Euro 28,00
ISBN 978-3-922895-28-2

Sechs Jahre nach seiner letzten größeren Veröffentlichung, der Novelle »Honigverkäufer im Palastgarten und das Auditorium Maximum«, erscheint mit »Die Auswandernden« neue Prosa von Peter Waterhouse, begleitet von zahlreichen Farbzeichnungen der Künstlerin Nanne Meyer.

Der 2012 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnete Schriftsteller Peter Waterhouse gilt als »kompromissloser poetischer Forschungsgeist« (Süddeutsche Zeitung), als ein »von Präzisionskunst heimgesuchtes Himmelskind« (Friederike Mayröcker).

Mehrere Jahre hat Waterhouse an seinem neuen Roman gearbeitet, und wie die Zeitumstände es wollen, sind »Die Auswandernden« nicht nur ein großes Sprachkunstwerk, sondern auch von hoher aktueller Relevanz. Das Buch erzählt von der aus einem kaukasischen Dorf nach Österreich geflüchteten Media, von ihrem Ringen mit der fremden Sprache, den Abgründen eines Asylverfahrens, von absurd anmutenden Einvernahmen, Protokollen und Bescheiden, kafkaesken Ämtern und Gerichten.

Gleichzeitig ist »Die Auswandernden« aber auch ein Liebesroman. Ein Roman über die Liebe des Autors zu Menschen am Rande der Gesellschaft, und ein Roman über seine Liebe zur Sprache, zu Wörtern und Wortklängen, zu Sinnschärfung und Sinnerweiterung. Mehr denn je offenbart sich Waterhouse als radikaler Spracharbeiter, als leidenschaftlicher Erforscher ihrer Bruchstellen und Schwellen, ihrer Entwicklungslinien und Bedeutungsverzweigungen.

Darüber hinaus ist dieses Buch das Dokument einer kongenialen Kooperation. Peter Waterhouse und die Zeichnerin Nanne Meyer haben sich jeweils intensiv mit der Arbeit des anderen befasst. Die Künstlerin antwortet auf den Text – ihre Linienlandschaften, Farbwirbel und Strichwolken schreiben ihn vielstimmig weiter.

So finden Text und Bilder in »Die Auswandernden« auf eindringliche Weise zueinander und schärfen die Sinne für die Wahrnehmung unserer Welt – einer ebenso kostbaren wie verletzlichen Welt.

Juli/August 2017

Alles ist lesens- und lebenswichtig
Brennendes Thema Völkerwanderung


Es ist kein Buch, das Grenzen überschreitet, und doch eines, das mit großer Leidenschaft und Sorgfalt sich darin übt, die Grenzen abzutasten und das »fast unleserliche Durcheinander« der Worte um ein sinnliches Bewusstsein zu erweitern.
Der Dichter und Übersetzer Peter Waterhouse nimmt sich in »Die Auswandernden« eines der brennendsten Themen unserer Zeit an, jener globalen Völkerwanderung, deren gewaltvolle Ursachen und Auswirkungen so vielzählig sind und zutiefst an das Herz des Gesellschaftlichen und Menschlichen rühren, dort wo die »Schönheit der Welt« geborgen liegen sollte und alle in ihrem Sprechen und Sprachlos-Sein zu Auswandernden werden.
Wenn er – als autobiografisch erkennbarer Ich-Erzähler – Media, eine junge Frau, die mit ihrer kleinen Tochter aus einem »kaukasischen Dorf« nach Österreich geflohen ist, bei ihren Spaziergängen durch die Wiener Neustadt begleitet, bei ihren Gängen vor Gericht und bei ihren alltäglichen Anstrengungen, mit dem »grünen Wörterbuch« die deutsche Sprache zu erlernen und anzukommen, dann sind damit seine eigenen, von frühester Kindheit an gemachten Erfahrungen mit Literatur und Sprache verwoben. Stifters Erzählung »Turmalin«, Charles Dickens’ Romane, Schillers »Ästhetische Briefe« oder »Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten«; Verhaftungsprotokoll, Asylgesetz, Abschiebungsbescheid; Erinnerungen an die gestorbene Freundin und ihr rätselhaftes Todesdatum – alles ist Waterhouse gleich lesens- und lebenswichtig, offenbart sich doch einem insistierend genauen Befragen und Bedenken der Sprache in einer unausgesetzten Denkbewegung des Retardierens, Repetierens, Reflektierens ein oft beunruhigender, fast unheimlicher Echoraum der Kontemplation auf ein Innerstes, vielleicht auf »das unbekannte Land?«
Waterhouse’ märchenhaft-reales Plädoyer für die anderssprachige Vielfalt ergibt gemeinsam mit den Zeichnungen Nanne Mayers ein – im Sinn Walter Benjamins »umständlich(es)« –, auf der Schwelle in die Stille und Sprachlosigkeit lauschendes, schönes, berührendes Buch.

Andreas Kohm

Nr. 6/2017

Wer »betreten« sagt, muss auch »verboten« sagen

Zunächst hält man ein ausnehmend schönes Buch in Händen. Den Texten von Peter Waterhouse stehen in »Die Auswandernden« Zeichnungen von Nanne Meyer zur Seite, die das Geschriebene nicht illustrieren, sondern begleiten, so wie der Erzähler eine junge Frau namens Media bei ihren Versuchen, in Österreich Asyl zu erhalten und Deutsch zu lernen. Auf je 15 bis 20 Seiten Text, der zwischen lyrischer Prosa und sprachphilosophischem Traktat changiert, folgen sieben Doppelseiten mit Zeichnungen, die bestimmte Worte wie »Anhaltezentrum« aufgreifen und sie bildhaft noch einmal anders ausdrücken.
»Die Auswandernden« kreist um Flucht, Recht und Sprache. Im Mittelpunkt steht, wie immer bei Waterhouse, Letztere. Der Text beginnt mit dem Versuch, eine im Einsiedlerpark im fünften Bezirk ¬aufgestellte Tafel, die von einem 1936 ¬begangenen Mord berichtet, zu entschlüsseln. Der Erzähler und Media, die mit ihrer achtjährigen Tochter aus einem Land im Kaukasus aufgebrochen ist, stoßen bei einem Spaziergang darauf. ¬Media bleibt an einzelnen Worten hängen, fragt nach, konsultiert ihr grünes Wörterbuch.
Das Gespräch der beiden dreht sich nicht nur um das korrekte Benennen von Dingen, es geht auch um die Anmut und Poesie der Sprache. Flüchtende würden laut Waterhouse nach »grace« suchen, nach »alle(n) Schönheiten der Welt«. Dem stellt er die emotionslose, teils bizarre Behördensprache gegenüber, in der um Asyl ansuchende Personen von der Polizei »betreten« (ergriffen) werden. Und: »War nicht das Betreten immer verboten auf den Schildern (…)?«
Waterhouse hat ein gutes Gespür für die Ungerechtigkeiten und Widersprüche, die sich in der Sprache manifestieren, aber er gerät nie ins Moralisieren. Bei seinen Überlegungen begleiten ihn Werke von Stifter, Dickens und Goethe, auf dessen »Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter« er immer wieder zu sprechen kommt. Zur Zeit der Französischen Revolution waren Menschen innerhalb Deutschlands auf der Flucht, auch das gab es.

Sebastian Fasthuber

12. Januar 2017

Die Auswandernden

»Die Auswandernden« ist ein Buch zur Zeit. Zu einer Zeit, in der von Flüchtlingsströmen und -flut gesprochen wird. Wo sich viele und auf verschiedenen politischen Ebenen Sorgen machen um etwas, was sie ihre Identität nennen, und was sie schwer zu fassen bekommen. Fragt man nach, was sie damit meinen, und weil Identität in einer dynamischen Welt keine Festigkeit besitzt, bedienen sie sich, um sich ihrer zu versichern, einer überkommenen, nationalistischen, sexistischen und aggressiven Terminologie, um das Eigene festzuklopfen. Eine Position, die es auf allen Seiten der Grenzen gibt. Diese unbewegliche festgezurrte geknebelte Sprache, die sie benutzen, kann man mit gutem Recht als das Gegenteil von einer poetischen bezeichnen. Insofern ist es ein immer aktuelles Buch.
Eine poetische Sprache aber findet sich unter anderem hier in diesem Buch, und nicht nur weil wir darin Werken von Stifter und Dickens begegnen. Poetisch meint nicht dichterisch im engen Sinne, sondern beweglich und selbstreflexiv. Herstellend, hervorbringend vielleicht, und damit nicht verfestigend.
Die Perspektive auf die Sprache im Buch ist mehrfach gegliedert. Neben Literatur-, Alltags- und Amtssprachen ist da Media, eine der Auswandernden, die der Sprache im neuen Sprachraum auf verschiedene Art begegnet, und zum anderen der Icherzähler, der die Sprache, die eigentlich die seine ist, an ihrer Seite neu empfängt.
Die Begegnung der Fremden mit der eigenen Sprache macht deren Fremdheit auch jenem sichtbar, der in ihr aufgewachsen ist. Aber, und das scheint mir in diesem Buch der springende Punkt, diese Fremdheit ist nicht der Grund von Bedrohung.
Bedrohung erfahren der Icherzähler und Media viel eher aus verkrusteten politischen und bürokratischen Strukturen. Dort also, wo Sprache sich gar nicht mehr bewegt.
In der Mitte des Buches findet sich eine Meditation des Icherzählers angesichts eines Fremdwörterbuches, das Media von ihrer Schwester geschenkt bekommen hat. Großartig geschildert die Spannung aus konservativ ideologischem Vorwort und den Wortlisten, die es birgt.
Dann die Beispiele der fremden Worte, alphabetisch geordnet, nein, alphabetisch in Unordnung gebracht, die der Schreiber wohl nicht gelesen hatte, nicht bemerkt hatte, weil sie ihm als Fremde galten oder als etwas galten und daher die andere Ordnung und Sprache unbemerkt blieb: Essig, Evangelium und Fenchel, Fenster und Flamme, Flaum, Flegel, Form, Frucht, Glocke, Grad, Granit, Grenze, …
In der Aufzählung findet sich wohl der Beginn der Poesie.
Und auch in den großartigen collagehaften Bildern von Nanne Meyer, die den Text weniger illustrieren als begleiten und kommentieren, finden sich einzelne Worte und Wortgruppen aufgeklebt, gewissermaßen implantiert, die mit der gezeichneten Umgebung in Interaktion treten.
Wenn Waterhouse dem Buch den Titel »Die Auswandernden« gegeben hat, befinden wir uns schon mitten im Sprachspiel. Zum einen finden wir darin einen Prozess, der nicht mit Grenzüberschreitung sein Ende findet. Es wird durch die Grenzüberschreitung nicht wie im Wort (oder Begriff) der Ausgewanderten ein Status erreicht, sondern ein Fluss. Um in einen neuen Status zu wechseln, braucht es die Anerkenntnis eines Ziellandes, das die Ausgewanderten als Eingewanderte begreift. Und natürlich müssen sie selbst sich als solche begreifen. Es ist nicht ganz ein Gegenentwurf zu Sebalds »Die Ausgewanderten« (gleichwohl ein Text vom selben Rang), weil der Fluss, der hier beschrieben wird, noch keine Mündung kennt.

Jan Kuhlbrodt

6. Januar 2017

Der lange Weg der Verzweifelten

Eine Flucht stellt der Wiener Autor Peter Waterhouse ins Zentrum seines Werkes »Die Auswandernden«. Er folgt einem Mädchen aus dem Kaukasus auf ihrem Weg nach Österreich, erforscht die absurde Bürokratie, mit der sie konfrontiert wird und ringt ihren Schwierigkeiten mit der Sprache eine fordernde Poesie ab. In der Illustratorin Nanne Meyer hat er für dieses Projekt, das zugleich Liebe für Sprache und für Fremdartigkeiten zum Ausdruck bringt, eine geniale Partnerin gefunden.

Christoph Hartner

28. Dezember 2016

Poetische Perspektive auf eines der größten Themen der Gegenwart

In seinem Buch »Die Auswandernden« wirft der österreichische Schriftsteller Peter Waterhouse einen ungewohnten und erkenntnisreichen Blick auf unsere Kultur und unsere Sprache. Das Fremde erscheint dabei als Bereicherung, das auch die Grenzen der eigenen Sprache deutlich macht.

Die Texte des 1956 in Berlin als Sohn eines britischen Offiziers und einer Österreicherin geborenen Peter Waterhouse sind schwer zu kategorisieren. Der in Wien lebende Autor verbindet Lyrik und Prosa, Fakt und Fiktion, Geschichtsschreibung und Fabulierkunst auf eine eigenwillige Weise. Ganz am Ende seines aktuellen Buches »Die Auswandernden« schlägt er selbst eine Gattungsbezeichnung vor, indem er seinen Ich-Erzähler aus Walter Benjamins erkenntniskritischer Vorrede zum »Ursprung des deutsche Trauerspiels« zitieren lässt: »Darstellung als Umweg – das ist denn der methodische Charakter des Traktats. Verzicht auf den unabgesetzten Lauf der Intention ist sein erstes Kennzeichen. Ausdauernd hebt das Denken stets von neuem an, umständlich geht es auf die Sache selbst zurück. Dies unablässige Atemholen ist die eigenste Daseinsform der Kontemplation. Denn indem sie den unterschiedlichen Sinnstufen bei der Betrachtung eines und desselben Gegenstandes folgt, empfängt sie den Antrieb ihres stets erneuten Einsetzens ebenso wie die Rechtfertigung ihrer intermittierenden Rhythmik.«

Das Fremde erscheint als Bereicherung

Waterhouses Traktat beginnt am Einsiedlerplatz der Gemeinde Hundsturm im fünften Wiener Gemeindebezirk. Dort steht eine Tafel, auf der von der Geschichte dieses Ortes berichtet wird. Unter anderem erfährt man, dass der Schuldiener Johan Urban unweit dieses Platzes am 15. Oktober 1936 von einem Unbekannten niedergeschossen wurde. Vor dieser Tafel stehen zwei Menschen. Ein Mann, vermutlich ein Schriftsteller, jedenfalls ein Erzähler, und eine Frau, die Media heißt und mit ihrer achtjährigen Tochter Miranducht aus der Kaukasusregion nach Wien geflohen ist. Beide lesen diese Tafel. Sie, die Fremde, muss ihn, den Heimischen, nach den Bedeutungen einiger Wörter fragen, die sie nicht kennt.
»Wie viel machte Media neu in dieser Stadt. Wenn sie mich manchmal nach der Bedeutung eines Wortes fragte, wurde das Wort dann nicht neu für mich? Wenn sie nach einem Wort fragte, stand es dann am Anfang. Manchmal fragte sie nicht nach der Bedeutung eines Worts, sondern sprach ein Wort auf eine neue Weise und erneuerte es vielleicht. Sie nannte das Buch von Astrid Lindgren Pippi Langstrumpfhose. Sie schrieb in einem Bewerbungsbrief das Wort Timm. Auf meine Frage, was ein Timm sei, sagte sie, das wisse sie nicht, Timm, sie habe das Wort gehört. Oder Tims vielleicht. Man habe ihr gesagt, sie würde in einem Timm arbeiten. Ein gutes Timm, wenn Menschen gut zueinander passen.«
Durch seine Begleiterin sieht der Mann seine Stadt und seine Sprache mit neuen Augen. Das Fremde erscheint als Bereicherung, als eine ungewohnte und erkenntnisreiche Perspektive auf unsere Kultur und unsere Sprache. Selbst seine geliebte Literatur von Stifter, Dickens, Hebbel und Schiller sieht der Ich-Erzähler in einem neuen Licht. Auch beginnt er die Wörterbücher und Asylantragsformulare der jungen Frau und die Gesetzestexte zum Asylrecht zu lesen. Dabei horcht er auf den Nachhall der Begriffe im Sprachraum und der Literatur, legt neue und versteckte Bedeutungen nah und stößt dabei auch an die Grenzen der deutschen Sprache.

Die Grenzen deutscher Sprache

In der Aufführung eines Films über die Zusammenarbeit des Komponisten Arthur Sullivan und des Librettisten William Gilbert, die er in einem Wiener Kino anschaut, fragt ein Sänger wenige Minuten vor der Premiere ihres Stücks »Madame Butterfly« einen der beiden: »Will you grant me just a few minutes of grace?« Und der Erzähler stellt fest, dass das Wort »grace« etwas beschreibt, dass es in seiner Sprache nicht gibt.
»Aber das Wort beschrieb auf einmal den Kinosaal. Und es beschrieb mich. Es beschrieb die lange Zeit. Und ich erinnerte mich: Es bedeutete ein paar Minuten Zeit. Aber es war nicht zu übersetzen und es bedeutete nicht Zeit, Entlastung, Verzögerung. Es war eines der schönsten Wörter der Welt. ... Als es in Wien zu immer mehr Verhaftungen und amtlichen Befragungen und polizeilichen Überprüfungen der Identität kam, Protokolle von Hand zu Hand weitergereicht wurden und Haftbefehle und 50 Seiten lange Beschlüsse, erinnerte ich mich an das Wort grace: Die vielen, die aus so vielen Ländern nach Österreich und nach Wien und nach Europa flüchteten, sie suchten nicht nach Asyl, sie suchten nicht nach Schutz, sie suchten nicht darum an, vorübergehend oder lange Zeit geduldet zu werden, sie baten um das, worum der Sänger gebeten hatte, auf der Schwelle, vor der Premiere. Sie baten um grace, also nicht um einen Zeitraum, nicht um Immunität, sondern um die Schönheit der Welt. Um Gunst; um Freundschaft; um Liebe; um Wohlwollen. Will you grant me grace? Lebensfreude? Die Schwelle betreten?«
Die Flucht der jungen Frau mit ihrer Tochter erscheint dem Erzähler schließlich als ein Märchen der Gegenwart, das er mit Goethes, seinen Novellenzyklus »Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten« beschließenden Kunstmärchen gegenschneidet. Aus dem Erzähler wird ein mythischer Fährmann, ein Übersetzer.
Es ist sicher kein Zufall, dass es sich auch beim Autor dieses Textes um einen Übersetzer handelt. Peter Waterhouse hat unter anderem Michael Hamburger, Andrea Zanzotto und Allen Ginsberg ins Deutsche übertragen. Die Künstlerin und Berliner Kunstprofessorin Nanne Meyer übersetzt wiederum Waterhouses Prosa in Illustrationen, die den Text unterbrechen. So spiegelt sich die Konstellation des Textes in der Autorenschaft – der wortgewandte und wortwendende Schriftsteller und die sich von seinen Erzählungen ein Bild machende Frau. »Die Auswandernden« ist eine fordernde aber auch sehr lustvolle Lektüre, die eine frische, poetische Perspektive auf eines der größten Themen unserer Gegenwart gibt. Wenn, nach Wittgenstein, die Grenzen unserer Sprache auch die Grenzen unserer Welt sind, hat Peter Waterhouse diese mit »Die Auswandernden« ein wenig durchlässiger gemacht.

Maik Brüggemeyer

24. Dezember 2016

Ein Herz für »Die Auswandernden«

Eine kurze Moritat steht am Anfang von Peter Waterhouses raffiniert konstruiertem und sich in Wortkaskaden und Denkschleifen labyrinthisch entwickelndem Buch »Die Auswandernden«, das gemeinsam mit der Hamburger Zeichnerin Nanne Meyer entstand. Auf einer Tafel am Wiener Einsiedlerplatz ist die Geschichte des Schuldieners Johann Urban zu lesen, der 1936 diesen Platz durchquerte und von einem Unbekannten überfallen wurde. Urban trug die Gehälter des Schulpersonals bei sich, hielt die Geldtasche auch dann noch fest, als der Täter auf ihn schoss. Urban starb bald darauf. Der Mörder wurde nie gefunden.
Für den Wiener Autor Waterhouse, der es mit »Die Auswandernden« auf die Shortlist des Österreichischen Buchpreises schaffte, ist diese kleine Geschichte einerseits der Steinbruch für weit verästelte Gedanken über Sprache, deren Sinnebenen und deren
Übersetzbarkeit, andererseits gibt diese Gewaltschilderung vom Einsiedlerplatz den Tenor vor, der dieses Buch durchzieht. Eine latente Bedrohung ist spürbar. Ganz konkret spiegelt Waterhouse das Klima eines Landes im Zeichen der Flüchtlingskrise.
Waterhouse beschreibt mit lapidarer, analytischer Sprache, die sich gerne auch im Kreis dreht, Szenen, die in einem zeitlosen Orwellschen Raum, aber auch 1936 oder 2016 denkbar wären: Verhaftungen häufen sich, es gibt ständige Kontrollen, gefühlte und tatsächliche Willkür, ein mächtiger bürokratischer, kafkaesker Apparat greift durch. Und es gibt das Flüchtlingsmädchen Media aus dem Kaukasus, zu dem sich der Ich-Erzähler nicht nur hingezogen fühlt. Er will Media auch über seine Sprache sein Denken erklären, indem er ein ums andere Mal die Geschichte des armen Schuldieners Urban wendet, befragt, auseinandernimmt, wiederkäut. Es ist ein mühsames, mitunter ermüdendes Geschäft, das aber dazu führt, dass der Leser begreift, welche Bedeutung Sprache für den Kulturtransfer hat und wie schmal der Grat zum Widerspruch und Missverständnis ist.
Dort wo der Wort- und Texttüftler Waterhouse seine »machtvollen Sprachwolken« (so eine Kritik in »Der Standard«) zu arg verdichtet, hilft die Klarheit von Nanne Meyers delikaten Zeichnungen im Buch, die mit präzisen, knappen Andeutungen und einzelnen Wortfetzen eine eigene Geschichte rund um Fremdsein und Orientierungssuche erzählt.

Thomas Kliemann

10. Dezember 2016

Himmelskinder

Mit seinem poetischen Forschergeist, mit seiner Gabe feinster Beobachtung und freiester Assoziation, hat der österreichische Dichter Peter Waterhouse in der lyrischen Langprosa »Die Auswandernden« Adalbert Stifter, Goethes »Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten«, Spracherkundungen einer nach Österreich einwandernden Georgierin (namens Media) mit Erinnerungen an die Zweisprachigkeit der eigenen Kindheit verwoben. Kompromisslos, unermüdlich. Waterhouse, dieses »von Präzisionskunst heimgesuchte Himmelskind« (so Friederike Mayröcker) gelingt es, durch das Drehen und Wenden kleinster Sprach-Details neue Fäden zu spinnen, die uns allzu bekannt geglaubte Sprache aufzudröseln und die uns allzu selbstverständlich scheinende Wirklichkeit zu hinterfragen. Was etwa haben Worte wie »lange«, »entlanglaufen«, »verlangen« und »langeweile« miteinander zu tun? und überhaupt. Bei Waterhouse, und das ist eine große Kunst, erhalten durch die Hauptperson die Erfahrungen der »Auswandernden«, die ja eigentlich Einwandernde sind, das Gewicht und den Raum, den die Gesellschaft ihnen verweigert.

»Wenn ich sie etwas fragte, zog sie sich meist zurück, wurde eigentlich verschwiegen, schien nicht über die Frage oder über eine Antwort nachzudenken, sondern an etwas anderes, das von der Frage ausgelöst war. Verlor sich lange in diesem Andenken und vergaß wahrscheinlich die Frage. Fragen eröffnen einen leisen Raum. Wenn ich Media etwas fragte, blieb sie leise. Etwas gefragt, schien sie an etwas ganz anderes zu denken – daran irgendwie, wie die Nichtantwort lauten könnte, die unerwartete, unerhörte, versteckte, verlorene ...«

Beim Lesen von Prosa gleitet das Auge für gewöhnlich Wort für Wort voran, von links nach rechts, von oben nach unten, Seite für Seite. Wir lesen, und die Zeit verstreicht. Bei Peter Waterhouse hält sie nicht selten inne. Und wir mit ihr. Die Berliner Künstlerin Nanne Meyer, auch sie ein Himmelskind, die sich im Zeichnen immer zu neuem Mut aufschwingt, hat Bilder geschaffen, die – im engen Dialog mit dem Text entstanden – die Erzählung seitenlang unterbrechen und so den Leser aus dem Kontinuum des Textes nachdrücklich hinauskatapultieren. Die Zeit dehnt sich in den Raum. Worte, Sätze oder Halbsätze  wie »Akteneinsicht«, »Bescheide«, »Zeugniseinvernahme« und »Zurückschiebung« – oder »keine«, »kein«, »nicht« und »ohne«, »Keller, Kellner, Kerker« aber auch Sätze wie »Was bedeutet: nicht deuten?« oder »auswandern – Unterricht im Verlernen und Verlieren« hat sie aus dem Textreich auswandern lassen. So erhalten sie ein stärkeres Dasein, können sich in Meyers Bildreich einbürgern. Ein Sprach-, Denk- und Augenschmaus.

Marie Luise Knott

7. Dezember 2016

Sobald die Wörter fraglich waren

Sprache kann festnehmen und Sprache kann beglücken: Peter Waterhouse zeigt in »Die Auswandernden« beides


Was für ein erstaunliches Buch: Da stehen am Anfang ein Mann und eine Frau auf einem Platz in Wien vor einer Tafel und lesen. Er liest schnell, er kennt die Sprache ja, und wendet sich bereits, um weiterzugehen. Sie hingegen steht noch immer da und liest und liest und liest. Für sie ist die Sprache neu, sie muss erst entdeckt  werden, Wort für Wort.

Media ist mit ihrer Tochter aus einem kaukasischen Dorf nach Österreich gekommen, hier beantragt sie Asyl. Der Mann an ihrer Seite, wohl Peter Waterhouse selbst, begleitet sie nun auf ihren Wanderungen durch Stadt und Sprache. Sie liest langsam, fragt nach der Bedeutung, liest noch einmal, schlägt Worte im grünen Wörterbuch nach, das sie aus der Tasche zieht. »Gelang, bedeutet es lange?« oder: »Was bedeutet gescheitert? Was ist ein gescheiterter Räuber? Ist ein gescheiterter Räuber ein anderer Räuber als ein Räuber? Hat er nichts geräubert und ist er kein Räuber?« Solche Fragen machen etwas mit dem Begleiter und den Lesenden: Die eigene Sprache wird neu entdeckt.

Die Sprache: In diesem wunderschönen, mit Nanne Meyers Zeichnungen kongenial künstlerisch gestalteten Buch ist die Sprache vielleicht die eigentliche Hauptperson, allerdings eine vielfach befragte. Denn was Sprache anrichten kann, auch das ist Thema dieser ebenso essayistischen wie poetischen Prosa. Da gibt es die Sprache der Bescheide, Protokolle, Ausweisungsbescheide und Ablehnungen, eine Sprache, die weiß, die deutet, die keine Fragen kennt. Eine Sprache, die festschreibt und festnimmt. Die haftet und verhaftet. Die Ankunft von Flüchtlingen etwa wird in Protokollen als »Aufgreifen« beschrieben, selbst wenn sie gerade vor dem Aufgreifen geflüchtet sind. Flüchtlinge werden nicht eingelassen und aufgenommen, sondern aufgegriffen – und gedeutet. »Warum nicht die geschehenen und erfundenen Geschichten gleich bewerten? Warum die einen höher bewerten als die anderen, die einen für wahrer halten als die anderen? Warum sie deuten? Um die aufgegriffenen Erzähler noch einmal aufzugreifen? Den an der Landesgrenze Aufgegriffenen noch einmal in der Sprache aufzugreifen.« Die Sprache verrät das Nicht-Willkommen Heißen der Menschen. Von den Menschen erzählen solche Protokolle: nichts.


Orte und Schriften der Deutung

»Media hatte mir die Beschreibung und Dokumentation ihres Landes zu lesen gegeben und gesagt, sie wolle diese Beschreibung nie mehr wieder sehen, welche von dem Amt in Graz gekommen sei. Eine Beschreibung, nicht um ihr Land und ihren Landstrich zu beschreiben, sondern um die Zurückweisung, die Zurückschiebung und die Abschiebung in das ferne Land zu begründen und vorzubereiten, als zulässige Abschiebung gemäß Paragraph 8 oder 8000 Asylgesetz zu beschreiben. Jeder Satz der Beschreibung war eine Begründung, somit war jeder Satz keine Beschreibung, somit eine Lüge.«
Da ist der Ort der Deutung, der Asylgerichtshof, da sind die Schriften der Deutung, behauptende Bescheide und Gesetzesbücher ohne eine einzige Frage. So kann man Menschen wohl kaum begegnen. Beginnt das Gespräch nicht erst, wenn der oder die Andere eben nicht zu deuten, nicht zu erkennen ist, wenn er oder sie anders spricht?, fragt Peter Waterhouse – und als ein solches Gespräch kann man durchaus auch das Gespräch zwischen dem Text und den Zeichnungen sehen, das gesamte schöne Buch als Übersetzung von Text ins Bild und zurück, die Bilder als unausdeutbare Fragen, die den Text weiterführen.
Der zweisprachig aufgewachsene Peter Waterhouse weiß als Übersetzer über die Kunst und Schwierigkeit der Übersetzung, aber er weiß auch, dass im Missverständnis möglicherweise ein besonderer Reichtum steckt. »Vielleicht wurde das Land ihrer Herkunft am ehesten beschrieben, vielleicht wurde es am leisesten dokumentiert, wenn Media versuchte, Worte der neuen Sprache zu deuten, und wenn ich ihre Rede missverstand. Eröffnete sich in ihrem Deuten und immer dann, wenn ich ihre Rede missverstand, ihr fernes Land? Sobald die Wörter fraglich waren? Belebte sich die Herkunft?«

Frage über Frage

Frage über Frage stellt Waterhouse in diesem wohl fragenreichsten Buch der Saison – und deutlicher könnte er sich nicht wenden gegen jene Bücher ohne jede Frage, die des Gesetzes. Gegen die Welt der Bescheide erinnert er an den Möglichkeitsraum der Literatur und des Märchens (Literatur als Kunst der Auswanderung?), beginnend bei Adalbert Stifter. Die vielen erwähnten Texte locken zur Lektüre, allen voran Johann Wolfgang von Goethes »Unterhaltungen
deutscher Ausgewanderter«, die die Flucht vor französischen Revolutionstruppen über den Rhein erzählen.
Und er schenkt wunderbare Wörter. »Grace«, denkt der Autor einmal nach, dieses Wort ist kaum zu übersetzen und es ist eines der schönsten Wörter der Welt. »Die vielen, die aus so vielen Ländern nach Österreich und nach Wien und nach Europa flüchteten, sie suchten nicht an um Asyl, sie suchten nicht an um Schutz, sie suchten nicht darum an, vorübergehende oder lange Zeit geduldet zu werden [...] Sie baten um »grace«, also nicht um einen Zeitraum, nicht um Immunität, sondern um die Schönheit der Welt. Um Gunst; um Freundschaft, um Liebe; um Wohlwollen.«

Brigitte Schwens-Harrant

7. November 2016

Ein altes Märchen in unserer Nähe

Liest man Peter Waterhouse, muss man sich darauf einstellen: Realien sind Illusionen, gemacht aus Wörtern. Es gibt zwar direkte Berührungspunkte zur Lebenswelt, zur Politik, zu trivialen Minutiae des Alltags. Doch aufgehoben und weitergetragen werden sie in Sprache. So auch in dem neuesten Prosaband »Die Auswandernden« des 1956 in Berlin geborenen, zweisprachig aufgewachsenen, über Paul Celan promovierten Autors, der in Wien lebt.
Der Ausgang hier: eine Infotafel am Einsiedlerplatz am Hundsturm in Wien. Ausführlich wird der trockene Text über einen 1936 fehlgehenden, in einem Totschlag endenden Raubüberfall auf einen Schuldiener und Geldkurier durchdacht, gedeutet, aufgefächert, vom berichtenden Ich und von Media, einer Asylwerberin, mutmaßlich aus Tschetschenien, die Deutsch lernt.
Somit greift Waterhouse, wie früher auch, einerseits ein hochpolitisches Thema auf, Flucht, Heimatverlust, Ankommen, die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Und überführt es anderseits in die Echokammern der Literatur. Interpunktiert es mit Goethes »Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten«, in denen es um die Flucht von Deutschen innerhalb Deutschlands vor den napoleonischen Truppen aus dem Linksrheinischen anno 1792 geht. Kontrastiert es mit der Verwaltungssprache und der ins grotesk Unpersönliche abstrahierten juridischen Terminologie. Und reflektiert es im Wortsinn mit der deutschen Sprache, ihren Eigenwilligkeiten, Eigenheiten, etymologischen Verwurzelungen und Wurzellosigkeiten.

Sprache als Tiefenbohrung

Diese machtvollen Sprachwolken kreisen in intensiver Korrespondenz um 58 doppelseitige, zwischen den Polen Dialog und Komplementarität sich verknäulende Farbabbildungen der Berliner Zeichnerin und langjährigen Kunstprofessorin Nanne Meyer. Im Zentrum steht: das Fehlen eines solchen. Bereits in seinem Gedichtband »passim« von 1986 stieß man auf ein zentrales Leitwort dieses Dichters, auf »Abwesenheit«: »Der Name der Sprache heißt: Abwesenheit.«

Abwesenheit begreift Waterhouse, dieser gelehrte Dichter, allerdings nicht als Verlust, Vakuum oder Leere. Vielmehr handelt es sich um das Gegenteil: um ein Zurückholen, eine Unterhaltung, ein Erinnern, um einen erinnernden Dialog. Mit Literatur. Mit Sprache. Vor allem aber durch Sprache als Tiefenbohrung und in assoziierender Anverwandlung.
In »Die Auswandernden«, einem Band, der ob der schönen Ausstattung und Gestaltung, des dicken, schweren Papiers und der schönen Typografie auch beim Wettbewerb der schönsten Bücher des Jahres eingereicht werden könnte, wird ausdauernd gefragt. Oft ballen sich die Fragesätze zu ausgreifenden Absätzen – was dann vor allem im letzten Sechstel rhetorisch ein wenig erwartbar und sacht überraschungsfrei wird.
Ganz am Schluss deponiert Waterhouse noch einen poetologischen Hinweis in eigener Sache, als er fünf Sätze aus der »Erkenntniskritischen Vorrede« von Walter Benjamins literarhistorischer Untersuchung »Ursprung des deutschen Trauerspiels« von 1925 zitiert. Über Darstellung als Umweg denkt der deutsche Feuilletonist und Geschichtsphilosoph da nach und über das stete Neuansetzen des Denkens, unablässiges Atemholen sei »die eigenste Daseinsform der Kontemplation«.

Zeit-Aufgehobenheit

2010 hat am Ende des Prologs zum zentralen Kapitel Waterhouse in »Der Honigverkäufer im Palastgarten und das Auditorium Maximum« Gilbert Keith Chesterton zitiert. Der katholische Essayist hatte einst über Charles Dickens, den Romancier des Frühviktorianismus, der so anders war als er, Chesterton, – und über Dickens und die prägnanten Rätselhaftigkeiten, scheinbar klein, doch das Große ins Wanken bringend, in dessen Roman »Eine Geschichte aus zwei Städten« (1862) denkt Waterhouse auch in den »Auswandernden« klug nach –, geschrieben: »Unser Gedächtnis bewahrt niemals eine Tatsache, die wir bloß beobachtet haben; um sich einer Gegend immerdar erinnern zu können, muss man dort eine Stunde lang gelebt haben, und um irgendwo eine Stunde leben zu können, muss man für eine Stunde vergessen, wo man ist."

Alexander Kluy

17. Oktober 2016

Peter Waterhouse – Die Auswandernden

Dieses Buch beeindruckt (wie alle Veröffentlichungen aus dem starfruit-Verlag) schon durch seine Erscheinung. Die Texte von Peter Waterhouse wurden durch Zeichnungen von Nanne Meyer in Szene gesetzt, man könnte auch sagen vertieft, bereichert, veranschaulicht, transformiert, transponiert oder dramatisiert.

Die Zeichnungen umfassen jeweils sieben Doppelseiten und greifen Gedanken auf, die in der vorausgehenden Textpassage geäußert wurden. Meyer nimmt einige wenige Worte, schreibt sie auf ein Stückchen Papier, das sie in das Bild klebt. Die Worte werden dadurch nicht ganz Teil des Bildes, sie stehen immer herausgehoben und ein wenig verloren zwischen Gestalten und Gegenständen, auf Flächen oder Linien, in der Stadt oder auf dem Flughafengelände, auf einer Landkarte oder in den Himmel geschrieben. Man muss sich einlassen auf die Bilder, die ich nicht Illustrationen nennen möchte, sie erzählen die Geschichte noch einmal auf andere Weise.

Die Geschichte lässt sich kurz zusammenfassen. Eine junge Frau namens Media verlässt gemeinsam mit ihrer achtjährigen Tochter Miranducht ein Land, das in der Kaukasusregion liegt und fliegt nach Wien. Dort beantragt sie Asyl. Der Autor begleitet sie bei ihren Bemühungen, Fuß zu fassen, beleuchtet dabei die gängige Asylpraxis Österreichs und begleitet sie vor allem bei ihren Versuchen, Deutsch zu lernen. Das klingt eher unspektakulär und dass es eine solche Aktualität hat, ist dem Zufall geschuldet, da der Autor schon Jahre vor der großen Flüchtlingswelle begann, dieses Buch zu schreiben.
 
Es ist definitiv kein Roman, es ist keine Erzählung, kein Erfahrungsbericht, keine Dokumentation. Am ehesten ist es ein langes Gedicht, oder, diese Spur legt Waterhouse selbst, es ist ein Traktat. Auf der vorletzten Seite seines Buches zitiert er die Sätze, die eine Zeit lang die »schönsten Sätze der Welt« für ihn waren:
 
»Darstellung als Umweg – das ist denn der methodische Charakter des Traktats. Verzicht auf den unabgesetzten Lauf der Intention ist sein erstes Kennzeichen. Ausdauernd hebt das Denken stets von neuem an, umständlich geht es auf die Sache selbst zurück. Dies unablässige Atemholen ist die eigenste Daseinsform der Kontemplation. Denn indem sie den unterschiedlichen Sinnstufen bei der Betrachtung eines und desselben Gegenstandes folgt, empfängt sie den Antrieb ihres stets erneuten Einsetzens ebenso wie die Rechtfertigung ihrer intermittierenden Rhythmik.«
 
Man kann getrost den negativen Beiklang, den das Wort »Traktat« hat, beiseite lassen und sich der Definition, die Waterhouse gibt, anschließen. Sein Traktat ist eine unglaubliche feinfühlige Auseinandersetzung mit Sprache – und damit mit dem Innersten des Menschen. Er macht das an der Art deutlich, wie Media (weibliche Form von Medium = zwischen, in der Mitte agierend) die Worte benutzt. In ihrem Bemühen, alles richtig zu verstehen, macht sie Ableitungen, die es nicht gibt, die aber ein Wort in einer Weise funkeln lassen, die ganz neue Sichtweisen ermöglichen. Oder sie verbindet Worte miteinander, die nicht aus demselben Stamm kommen, die aber in tiefe Überlegungen führen, wenn man sie eben doch zueinander in Beziehung setzt.
 
Als Paten stehen Waterhouse Adalbert Stifter, Charles Dickens und Johann Wolfgang von Goethe bei. Er zitiert nicht nur Passagen ihrer Werke, er liest sie neu, indem er ganz genau die einzelnen Worte hinterfragt, bzw. sie von Media hinterfragen lässt. Sie, die Lernende, lehrt den Könner, wie viel reichhaltiger die Sprache sein kann, wenn die Betrachtung die alten Wege verlässt. Media, die mit Kinderbüchern und Gedichten aufgewachsen ist, die ihr Wörterbuch wie einen Schatz immer bei sich hat, macht aus den Wörtern Gedichte. Sie prägt sich Bilder ein, Geschichten, Märchen. Für sie sind Worte mehr als Handwerkszeug.
 
Wie doppelt hart ist da die Behördensprache. Media wurde am Flugplatz aufgegriffen. Begreift jemand, warum ein Mensch, der mit dem Flugzeug, für das er ein Ticket besaß, an der Grenze aufgegriffen wird? Eintreten in das neue Land ist schwierig, »Betreten verboten« ist geläufiger als das Eintreten für jemanden, für etwas.
 
»Das in vielen Ländern und Sprachen bekannte Wort ›Asyl‹, welches der Reisende am Ende der Flucht zu dem Polizeibeamten sagt, oft ohne eine weitere Erklärung, weil die Reisenden nicht Deutsch sprechen, steht auch im Gerichtsprotokoll und doch wird der Augenblick der Ankunft und der kurze Gruß und das Anschauen, die kleine Überraschung vielleicht und dann das Ansuchen und die Bitte um Asyl in den Gerichtsprotokollen und anderen amtlichen Protokollen nicht beschrieben als Ankunft und Gruß und Bitte, auch nicht als Ende der unsicheren Reise, endliches Ende der Flucht, Beginn der Zeit und Beginn des neuen Lebens, sondern immerzu als Aufgreifen. Das Wort ›willkommen‹ habe er in keinem der vielen Protokolle gelesen, jedes 40 und mehr Seiten lang.«
 
Wie Dickens in seinem »Tale of Two Cities« fragt sich Waterhouse, ob es eine »Welt beiseite gibt?« Diese sucht er, versucht er in Worte zu fassen, wie auch Goethe dies in seinen »Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter« versucht. Auf diese kommt Waterhouse immer wieder zu sprechen, vielleicht als Erinnerung daran, dass es auch Situationen gab, in denen Menschen aus Deutschland ausgewandert sind. Vielleicht auch, weil Goethes Personen schon ausgewandert sind, Waterhouse aber den Prozess des Überganges in etwas Neues erkunden möchte – zu den Ausgewanderten gesellen sich die Auswandernden.
 
»War es möglich, einem Menschen nachzudenken, ohne etwas zu wissen? Im Nachdenken zu immer weniger Wissen zu finden? Nachdenken, um anzufangen? Nachdenken, um anzudenken? War die Literatur keine schreibende Kunst, sondern eine Kunst der Auswanderung?«
 
Um Flucht/Flüchtlinge und Sprache kreisen die Gedanken des Schriftstellers, dessen Buch zu lesen ein Abenteuer ist. Manchmal sind die Übergänge fließend, von Medias Gedanken zu Goethes »Märchen« ist es nicht weit, die Rede des Autors im Asylgerichtshof ist eine Erweiterung davon, ein mysteriöser Todesfall, der mit der Zahl 4 zusammenhängt, ist ein Einschub, der es ihm erlaubt, über den Tod (auch als eine Variante der Geburt) nachzudenken. So, wie durch Worte Grenzen und Schwellen verlaufen, ziehen sie sich auch durch das Leben, der Tod ist eine davon.
 
Ich kann nur wiederholen: das Buch ist ein Abenteuer, es führt in unbekanntes Gelände. Es verlangt Zeit und am besten liest man es gleich ein zweites Mal – dann wird es zum Ausgangspunkt eigener Wanderungen, Kreise und Mäander. Nebst den Inhalten (Waterhouse macht seine Meinung zum Thema Asylpolitik sehr deutlich) macht dieser Traktat klar, wie unverzichtbar Wortkunstwerke, auch Gedichte genannt, sind. Heute noch, gerade heute.
 
Petra Lohrmann

15. Oktober 2016

Flüchtende entdecken Sprache

Was drücken Wörter aus? Und was steht zwischen und hinter ihnen?

Charles Dickens nimmt einen ebenso wichtigen Platz ein wie Eigenheiten des Fremdenrechts; Wörter und ihre Bedeutungen samt verzweigten Assoziationen stehen hier neben Bildern, die das Geschriebene spiegeln, deuten und weiterdenken. Peter Waterhouse hat mit Nanne Meyer »Die Auswandernden« verfasst – ein Buch, das nur schwer zu fassen ist.
Der österreichische Schriftsteller, dessen neues Werk auf der Shortlist für den ersten Österreichischen Buchpreis gelandet ist, hat sich der Aktualität verschrieben: Der gebürtige Berliner zeigt sich als umtriebiger Geist im gesellschaftspolitischen wie literarischen Geschehen, der sich konventionellen Vorgaben entzieht. So beginnt »Die Auswandernden« nicht mit Text im herkömmlichen Sinn: »niemand wußte«, »aber jeder«, »wird wissen« steht auf der ersten Doppelseite in kleinen, weißen Feldern. Einmal ist der Hintergrund schwarz, versehen mit zarten Kreisstrichen, gegenüber wähnt man sich in einer Mischung aus kartografischer Nahaufnahme und mikroskopischer Zellansicht. Es sind Bilder der deutschen Künstlerin Nanne Meyer, die in einen Dialog mit Waterhouse’ Gedanken treten. Diese kreisen um Flucht und Flüchtlinge, um reale Personen sowie Schicksale hinter diesen Begriffen und um Sprache und Bedeutung von Wörtern.
Den Ausgangspunkt liefert ein Parkbesuch mit Media, die mit ihrer kleinen Tochter aus einem kaukasischen Dorf nach Österreich geflüchtet ist. Stets führt sie ihr Wörterbuch mit, das Autor wie Leser beisteht, um sich an Begriffen wie »gescheitert«, »betreten« und »aufgreifen« entlang zu hangeln. Medias Schicksal geht in Erinnerungen an eine Lesung von Waterhouse über, wird gekreuzt mit Betrachtungen zu Dickens’ »Tale of Two Cities«, und es rückt dann durch die Absurdität von Befragungen und notwendigen Amtswegen der Geflüchteten wieder in den Vordergrund. Dann gibt es noch einen mit der Zahl Vier zusammenhängenden Todesfall, eine Rede von Waterhouse im Asylgerichtshof und märchenhafte Einschübe. Sie alle wechseln sich teils ansatzlos, teils mit behutsam vorbereiteten Übergängen ab, ergänzen sich und stehen doch oft wie zufällig nebeneinander.
Nanne Meyer bedient sich für ihre Bilder manchmal der Natur als Vorlage, dann wieder sind sie von architektonischer Präzision. Sie greift Themenblöcke auf – lässt sie nachklingen oder nimmt diese vorweg. Es ist ein lustvolles Hin-und-her-Springen zwischen den oft atemlos wirkenden Gedanken von Waterhouse, die als Sprache wie Kaskaden die Seiten hinabstürzen, und den klaren Blicken Nanne Meyers auf einzelne Abschnitte.
Seinen Standpunkt zur Haltung Österreichs in der Flüchtlingskrise und zu unmenschlich erscheinenden Verfahren macht Waterhouse von Beginn an deutlich. Aber statt Schuld zuzuschreiben, verleiht er Gefühlen eine Stimme und geht auf die Suche nach dem, was dahinterstecken mag. »Die Auswandernden« ist ein Text geworden, an dessen Wortgewandtheit man sich laben kann und der zum Verweilen bei der kleinsten Einheit lädt. Das ist ein in jedem Fall ungewöhnliches Unterfangen mit einem lohnenden Ergebnis.

6. Oktober 2016

Schwer zu fassende Wortkaskaden: »Die Auswandernden« von Waterhouse

Charles Dickens nimmt einen ebenso wichtigen Platz ein wie Eigenheiten des Fremdenrechts; Wörter und ihre Bedeutungen, ihre artverwandten und weitverzweigten Assoziationen stehen hier quasi gleichberechtigt neben Bildern, die das Geschriebene spiegeln, deuten, weiterdenken. Peter Waterhouse hat mit Nanne Meyer »Die Auswandernden« verfasst – und damit ein Buch, das nur schwer zu fassen ist.
Der österreichische Schriftsteller, dessen neuestes Werk auch auf der Longlist für den ersten Österreichischen Buchpreis gelandet ist, hat sich sozusagen der Aktualität verschrieben: Im Jahr seines 60. Geburtstags zeigt sich der gebürtige Berliner, der 2012 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis bedacht wurde, damit als ein stets Suchender, ein umtriebiger Geist im gesellschaftspolitischen wie literarischen Geschehen, der sich konventionellen Vorgaben gänzlich entzieht.
So beginnt »Die Auswandernden« auch nicht mit Text im herkömmlichen Sinn: »niemand wußte«, »aber jeder«, »wird wissen« steht auf der ersten Doppelseite in kleinen, weißen Feldern. Einmal ist der Hintergrund schwarz, versehen mit mehreren zarten Kreisstrichen, gegenüber wähnt man sich in einer Mischung aus kartografischer Nahaufnahme und mikroskopischer Zellansicht. Es sind Bilder der deutschen Künstlerin Nanne Meyer, die hier und die weiteren 250 Seiten über immer wieder in einen Dialog treten mit den Gedanken von Waterhouse.
Und die kreisen im Kern um zwei Dinge: Flucht, Flüchtlinge und die realen Personen sowie Schicksale hinter diesen Begriffen; und andererseits um Sprache, um die Bedeutung von Wörtern – sowohl die offensichtliche wie die unausgesprochene – und die Möglichkeit, damit der Welt zu begegnen. Den Ausgangspunkt dafür liefert ein Parkbesuch mit Media, die mit ihrer kleinen Tochter aus einem kaukasischen Dorf nach Österreich geflüchtet ist. Stets führt sie ihr Wörterbuch mit, das in weiterer Folge für den Autor wie für den Leser zum vielgestaltigen Anker wird, um sich von »gescheitert« über »betreten« bis zu »aufgreifen« entlangzuhangeln.
Das Schicksal von Media geht somit über in Erinnerungen an eine Lesung von Waterhouse, wird gekreuzt mit Betrachtungen zu Dickens’ »Tale of Two Cities«, rückt dann durch die Absurdität von Befragungen und den notwendigen Amtswegen der Geflüchteten wieder in den Vordergrund. Dann gibt es noch einen mit der Zahl 4 zusammenhängenden Todesfall, eine Rede von Waterhouse im Asylgerichtshof oder märchenhafte Einschübe. Sie alle wechseln sich teils ansatzlos, teils mit behutsam vorbereiteten Übergängen ab, ergänzen sich und stehen doch oft wie zufällig nebeneinander.
Und immer wieder die Bilder Meyers: Mal die Natur als Vorlage bedienend, dann wieder von architektonischer Präzision, greift sie einzelne Themenblöcke auf und lässt sie nachklingen – oder nimmt sie in bestimmten Fällen auch vorweg. Es ist ein lustvolles Hin- und Herspringen, das so möglich wird, zwischen den oft atemlos wirkenden Gedanken von Waterhouse, die gerade im Hinblick auf die Sprache wie Kaskaden die Seiten hinabstürzen, und dem klaren Blick Meyers auf einzelne Abschnitte.
Seinen Standpunkt zur Haltung Österreichs in der Flüchtlingskrise, zu vielfach unmenschlich erscheinenden Verfahren macht Waterhouse von Beginn an klar und deutlich. Statt aber bloß Schuldzuschreibungen zu fabrizieren, verleiht er Gefühlen eine Stimme und geht darüber hinaus auf die Suche nach dem, was dahinter stecken mag. »Die Auswandernden« ist ein Text geworden, an dessen Wortgewandtheit man sich laben kann, der aber auch zum Verweilen bei der kleinsten Einheit lädt. Ein in jedem Fall ungewöhnliches Unterfangen mit einem lohnenden Ergebnis.

Joachim Leitner

22. September 2016

Gegen den Konsens der Gegenwart

In seinem Essay »Slipstream« (1989) entwickelte Bruce Sterling die Idee einer Literatur, die über den Realismus hinaus zeigt: »Instead, it is a contemporary kind of writing which has set its face against consensus reality. It is a fantastic [writing], surreal sometimes, speculative on occasion, but not rigorously so. It does not aim to provoke a sense of wonder…«
 
»Die Auswandernden«, der neue Roman von Peter Waterhouse (*1956) provoziert nicht; aber er sensibilisiert den Leser für die kollektive Verkalkung der Hirne; er macht erfahrbar, wie sehr das Denken in der Gewohnheit verrostet, wie stark der kognitive Kapitalismus manipuliert. Dabei mörsert Peter Waterhouse die Wahrnehmung so fein, dass er bisweilen in ein transzendentes Erzählen rutscht. »Die Auswandernden« ist gleichzeitig a) eine Erinnerung, b) ein ideen- und sprachgeschichtlicher Versuch, sowie c) die (spekulativ bis surrealistische) Aufzeichnung eines Heilungsprozesses, der die Akzeptanz von Irrlichtern beinhaltet und eine unglaublich zarte Willkommensgeste an den Abschied (und den Tod) darstellt.
Ein Hauptmotiv in »Die Auswandernden« ist (konkret wie metaphysisch) das Übersetzen: das Übersetzen von Sprachen und Gesten; das Übersetzen über einen Fluss; das Übersetzen in einen anderen (Seins-)Zustand. Für Peter Waterhouse scheint das Übersetzen verwandt zu sein mit dem Übertreten, mit dem Eintreten, mit der Verständigung, mit der Erlösung. Der physisch erfahrbare Zustand des Lebens ist womöglich nur eine Schwelle, oder zumindest nur ein Zustand von vielen möglichen. Und das Übersetzen, wenn es nur feinsinnig genug genutzt wird, ermöglicht die Versöhnung mit anderen (Seins-)Zuständen; mit unverständlichen Zuständen, schmerzhaften Zuständen, ausgrenzenden Zuständen.
Die Zeichnerin Nanne Meyer (*1953) wiederum übersetzt gleichsam die Gedanken von Peter Waterhouse; greift Worte auf oder Sätze; verfeinert die Ideen weiter, dreht sie um; zeichnet dem Buch einen doppelten Boden ein; ein doppelter Boden, der die Geheimnisse des Romans zugänglich macht (»aber bedeutete Ende soviel wie Mitte?« / »war das Wünschen eine Art, nichts zu tun?«).
 
Der eigenwillige Erzähler berichtet in »Die Auswandernden« von seiner Beziehung zu Media, einer Immigrantin in Wien. Er berichtet von Intimität und Nähe, von der Verständigung zwischen Liebenden; er berichtet von den Tagen, an denen er Media kennen lernte; und er berichtet von Medias Ankunft in Österreich. Er berichtet von seinem Sohn; von einer Freundin, die ihren Tod voraussah. Gleichbedeutend berichtet er von Büchern: von den Geschichten Adalbert Stifters, von Charles Dickens, von Goethe. Er berichtet vom österreichischen Asylgesetz, vom Fremdsein und der Welt am Beginn des 21. Jahrhunderts.
Der Erzähler berichtet aber auch von der Sprache, von ihrer Bedeutung und Beschaffenheit. Er berichtet so eindringlich und geduldig von der Sprache, dass die Worte so leicht werden wie Pillen auf der Zunge, dass sie langsam mit der Welt verschmelzen, dass die Ohnmacht, die von den Worten ausgeht, verschwindet in der Verschmelzung, dass sich die Worte überwinden lassen. Das passiert nach und nach, ohne die Worte zu provozieren: Peter Waterhouse provoziert die Worte nicht, stattdessen schmirgelt er sie, ganz vorsichtig; er verwendet sie im Bemühen, sie nicht miteinander zu verwechseln, solange, bis er über die Worte hinaus denken kann, in andere (Seins-)Zustände hinein. So verlieren diese anderen Zustände ihren Schrecken, ihre hermeneutische Fremdheit; es entsteht die Möglichkeit einer Auswanderung in andere Zustände; die Welt ist nicht mehr begrenzt und die Leben sind nicht mehr abgeschlossen; die Verständigung und Vereinigung wird möglich. Das alles macht »Die Auswandernden« so heilsam, das macht Peter Waterhouse beinahe zu einem Schamanen. Ein Buch wie ein Heilungsprozess; als wäre jeder Satz ein Blutgerinnsel, als wäre jeder Satz eine Insel; als würde jeder Satz in der Wunde erscheinen, nach und nach die Wunde bedecken, behutsam; als wäre die Zeit der Lektüre ein Nachempfinden der Heilung; ein Heilungsprozess des Lesenden; eine eigene Heilung of the mind.
So verlieren auch die Vorschriften allmählich ihre Bedeutung; die Gesetze verlieren ihre Bedeutung; die Vorurteile verlieren ihre Bedeutung. Peter Waterhouse schmirgelt die Worte, bis sie nichts mehr vorschreiben können. Und die »consensus reality« wirkt nicht mehr undurchschaubar, sondern vorgefertigt, also gefertigt, also veränderbar. Media bittet den Erzähler am Ende des Buches (am Anfang der Liebesgeschichte, am Beginn der Erzählung): »… machen Sie die Stille hörbar. Alle kommen, um nicht durch öftere Wiederholung tiefer in der Seele geprägt zu werden.« Dieser Bitte nachkommend schrieb Peter Waterhouse einen ganzen Roman, um die Prägungen aufzuheben; einen Roman, der die unerbittlich Prägungen befragt, weil: »… war der fragende Satz schöner als jede Behauptung und Erklärung?«; ein Roman voller Fragen; ein Roman, der aufzeigt, dass das Auswandern, das Immigrieren, das Asylsuchen zwar räumlich stattfindet, vor allem aber mental: die Worte sind fremd im Asyl – wie die Gedanken, die sich in fremden Worten äußern.
 
Und auch wenn Peter Waterhouse kein Schamane ist, kommt man nicht umhin, im Einfühlungsvermögen von »Die Auswandernden« einen »sense of wonder« zu entdecken; ein Wunder, das weniger absurd ist als die begrenzte Welt um uns herum, weniger absurd als unsere beschränkten Gehirne, weniger absurd als die Erstarrung. Weil das Auswandern eine Bewegung darstellt, keine Deutung; ein Handeln, kein Entsetzen. Weil der Verlust der Sprache (in der Fremde) die Welt ermöglicht, so wie das Mörsern der Wahrnehmung die Welt ermöglicht. Auch der, der sich gegen die »consensus reality« stellt, berichtet Peter Waterhouse, ist ein Auswandernder, ein Flüchtender, ein Immigrant. Ein Übersetzender; einer, der in andere Zustände übersetzt.
»… ich dachte, dass die Geflüchtete, die Eingewanderte der Wahrheit näher gekommen war, ihr näher kam, und dass die Wahrheit einherging mit dem Verlust der Erklärung.«
 
Joshua Groß