Ann Cotten

FAST DUMM

Essays von on the road


Herausgeber: Manfred Rothenberger in Zusammenarbeit mit dem Institut für moderne Kunst Nürnberg
Gestaltung: Timo Reger

Fotografien: Ann Cotten, Marquis

248 Seiten mit 17 Farb- und 9 s/w-Abbildungen
Hardcover; 14 x 21 cm
25,00 Euro
ISBN: 978-3-922895-32-9

»Umarmt euch, / Tiefen von Seele und Meer. / Wer die ganze Zeit / nüchtern ist, / ist, wenn du mich fragst, / fast dumm.«
Wladimir Majakowskij

Nach dem Versepos Verbannt! (2016) und dem Japanbuch Jikiketsugaki Tsurezuregusa (2017) legt Ann Cotten, die »klügste und schwierigste Dichterin in deutscher Sprache« (Paul Jandl), ein weiteres Zeugnis ihrer herausfordernden Wirklichkeitserkundungen vor. FAST DUMM ist ein vielschichtiges Reise- und Reflexionsbuch, ein lose organisierter Verbund aus Essays, Gedichten und Fotografien sowie Übertragungen von Lieblingsautoren Cottens wie Wladimir Majakowskij, H.W. Auden, Langston Hughes, Sergej Jessenin, Katia Sophia Ditzler und eines Songs der Hip-Hop-Gruppe Grandmaster Flash & the Furious Five.

Das Erzählgerüst dieses traumwandelnden Trips durch die ambivalenten Seelen- und Gegenwartsverhältnisse verschiedener klimatischer und politischer Zonen bilden Ann Cottens Berichte über eine Reise in die USA kurz nach der Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Die Essays folgen der Reiseroute der Autorin von New York und Washington über Kansas City, Detroit und Los Angeles bis nach Mexiko und wagen darüber hinaus spekulative Bohrungen nach den Hintergründen und psychologischen Adern der im Rahmen öffentlicher Trump-Diagnostik allerorts besprochenen Verhaltenserscheinungen in den USA.
Cotten beschreibt ein verwüstetes, elendes Land voller wundgelegener Konflikte, sozialer Klüfte und innerer Verwerfungen. Mit einiger Scheu, deren Gründe sie auch benennt, lässt sich die Autorin dennoch ein auf das Land ihrer Herkunft, provoziert – vor allem bei sich selbst – Perspektivwechsel, erlebt innere Fremdheit und überraschende Vertrautheit, Trunkenheit und Ernüchterung.

Wie um ihre USA-Essays in Gegenwirklichkeiten zu verankern, hat Ann Cotten vor, zwischen und nach ihnen andere Texte eingefügt: einen Bericht über die Teilnahme an einem bizarren Symposion in Moskau, ein abgründiges Dialog-Stück, die bereits erwähnten Gedichte, eine Rückblende nach Wien, wo die Autorin ihren Arbeitsalltag kritisch überprüft, sowie einen Brief aus der Zukunft. Diese Texte erweitern den Denkraum des Buches und hallen nach in den Schlusszeilen eines Gedichts von Wladimir Majakowskij: »Ich will, dass mein Land mich versteht, / aber wenn es mich nicht versteht – was solls? / Ich durchquere mein Land / wie ein kurzer, starker Regen.«

28. März 2018


Wo die Gegenwart sich eingeholt hat – Eine Reise in die Trump-USA mit Ann Cottens bestechenden »Essays von on the road«

»Was er nicht ertragen kann, / kann er nicht kapieren.«: Angeordnet wie ein Gedicht und kürzer als ein Haiku empfängt einen der Klappentext rätselhaft. An diesem Satz lässt sich ein Grundprinzip von Ann Cottens Fast Dumm – Essays von on the road erkennen: Nur wer die eigenen Beobachtungen nicht von sich stößt, ist zur Erkenntnis fähig. Diese Schreibhaltung leitet die Essays der Wahl-Berlinerin, die auf einer ausgedehnten Reise anlässlich eines Literatur-Festivals in New York mit vorherigem Symposium in Moskau und anschließenden Familienbesuchen in den USA entstanden sind. Wie im Vorwort dargelegt, ist die »objektive Auflistung der Realität« nicht unbedingt hilfreich, um sich ein Bild von Orten, Geschehnissen, Milieus und Stimmungen zu machen. Daher geht es in Cottens Texten primär um Eindrücke und deren Reflexion. Eigene Erfahrungen wie historische, kulturelle und politische Überlegungen unterfüttern die Erlebnisse im post-sowjetischen Russland, in den neuerdings von Donald Trump regierten USA und im touristischen Yucatán in Mexiko um den Jahreswechsel 2016/17 herum.

Von konkreten Beobachtungen ausgehend denkt Cotten, die in den USA geboren wurde und in Wien aufgewachsen ist, über die Weltlage nach, in dem Versuch, Zusammenhänge zu verstehen, ohne Widersprüche auszublenden. Also lotet sie die Funktionsweise der verschiedenen kapitalistischen Gesellschaften aus, indem sie die Paradoxien essentiell in die Deutung mit einbezieht. Die Ähnlichkeiten und Differenzen abwägend werden Alltag und Politik, soziale Lage und kulturelle Sozialisation seziert sowie die möglichen Ansätze des Aufbegehrens abgeklopft. Die Frage, die dabei im Hintergrund steht, ist die nach der Entstehung und Tradierung von Ungleichheit und Ausgrenzung. Es offenbart sich ein Hadern mit der in den USA hochgehaltenen Toleranz, die sich dennoch nicht gegen den strukturellen Rassismus zu wenden scheint: »Alles, was hier als gut gilt, hat eine ausschließende Komponente, die jedoch komplett verleugnet wird. Mit dem Rassismus ist es wie mit den meisten anderen Problemen in unserem gespenstischen Posthistoire: theoretisch herrscht Konsens, dass er abzuschaffen ist, jedoch laufen die Apparate weiter, die ihn aufrechterhalten. Und all diese Leute, die dagegen sprechen, aber ihr Leben nicht ändern, profitieren laufend davon.«

Trotzdem lernt man mit Cotten die USA, die den Mittelpunkt der Auseinandersetzung bilden, mit ihren schillernden Widersprüchen lieben. Denn wie sie selbst feststellt: »Nun ja, ›lieben‹ ist ja nicht nur gutheißen, sondern vielleicht vielmehr eine Art Nachvollziehen.«

Das stilprägende Changieren zwischen zwei Polen, zwischen Nähe und Distanz, zwischen individueller Reaktion und intellektueller Reflexion zeigt sich nicht nur in der Schreibhaltung. Es wird auch in der Gesamtkonzeption des Bandes gespiegelt. Auf kleinerer Ebene taucht es in der Verfremdung einzelner Wörter auf. Denn Cotten verwendet das »polnische Gendering«, bei dem »die für alle Geschlechter notwendigen Buchstaben in gefälliger Reihenfolge ans Wortende« gestellt werden, wie man im Impressum erfährt. Mit dem Rückgriff auf diese ungewohnte Wortbildung treten die einzelnen Buchstaben materiell hervor und machen so auf die schriftliche Verfasstheit der Essays aufmerksam. Doch auch auf größerer Ebene wird dem Prinzip der Verfremdung und Unterbrechung ebenso wie des Arbiträren gefolgt. So werden die Überlegungen von Fotografien in Schwarzweiß und Farbe begleitet, die von Cotten sowie ihrem Begleiter Marquis stammen. Die seitenfüllenden Abbildungen »im Ulrich-Seidl-Stil der internationalen Anspruchsknipserei« stärken nicht nur die ästhetische Erscheinung des bibliophilen Bandes. Sie treten auch als bildliche Zeugen der Eindrücke auf, indem sie die besuchten Orte dokumentieren. Gleichzeitig erscheinen sie wie Fremdkörper, die den Text unterbrechen, da sie weder kommentiert noch untertitelt werden. Indem sie auf textlicher Ebene unbeachtet bleiben, eröffnen sie einen Interpretationsraum jenseits des Erzählten. Wer das Gezeigte näher einordnen möchte, muss den Lesefluss unterbrechen und hinten im Abbildungsverzeichnis nachsehen.

Ergänzt werden die Essays neben eigenen Dichtungen auch durch Gedichte von Wladimir Majakowskij und Sergej Jessenin, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Russland gelebt und gewirkt haben, von den um 1900 geborenen englischsprachigen Autoren W. H. Auden und Langston Hughes sowie von Katia Sophia Ditzler und Jordan Lee Schnee, die beide erst in den 1990er Jahren zur Welt gekommen sind. Alle Gedichte liegen in der Übertragung von Cotten sowie im russisch- beziehungsweise englischsprachigen Original vor. Das Einstreuen der Texte anderer Autor*innen entfaltet eine ähnliche Wirkung wie die Fotografien. Es unterbricht die lineare Reise und weitet zugleich die Dimension des historisch-kulturellen Referenzraums. Besonders deutlich wird die verdichtende Kraft dieser Technik in Cottens Interpretation von The Message (1982) der Hip-Hop-Pioniere Grandmaster Flash & the Furious Five, da sie das New Yorker Ghetto gegen das gegenwärtige Berlin eintauscht. Ähnlichkeiten und Unterschiede durch Ort und Zeit treten so hervor. Das Zusammenspiel von Gegenwärtigem und Vergangenem, das die Reisereflektionen bestimmt, findet schließlich seinen runden Abschluss in einem fiktiven Brief aus der Zukunft von Katia Sophia Ditzler und Jordan Lee Schnee, der aus dem Jahr 2437 auf die Publikation Fast Dumm zurückblickt und den historisch-gesellschaftlichen wie literarischen Wert zu bemessen versucht. Das resümierende Urteil lautet: »Die Stimmungen der dekadenten Großstädte, die Cotten schildert, fangen den damaligen Zeitgeist auf subtile, aber beeindruckende Weise ein. Glücklicherweise bleibt sie auf Eindrücke fixiert, die Berichte sind nie mit Fakten überladen.« Ein empfehlenswerter, stimulierender Trip durch Raum und Zeit, Kunst und Politik, der sich mal soghaft, mal sperrig entfaltet.
                                         
Carla Swiderski                                                                                                  

5. März 2018

Wahl-Berlinerin Cotten ist 36, geboren in Iowa, traumwandlerisch zu Hause in der deutschen Sprache und eine der herausragenden Lyrikerinnen der Gegenwart. Die hier vorgelegte Sammlung bebilderter Reiseessays ist nicht ihr bestes Buch, breit empfohlen sei es dennoch. Cottens Versuch, sich ihrem Heimatland im Spiegel der letzten Präsidentschaftswahl zu nähern, zeichnet ein raues und vor dem biografischen Hintergrund der Autorin bewegendes Bild der Vereinigten Staaten. Geschickt gebrochen wird die Atmosphäre der schonungslos kalten USA-Essays durch Übertragungen von Gedichten (Auden, Majakowskij, Jordan Lee Schnee) sowie Fotos und Songs (Hip-Hop Grandmaster Flash & the Furious Five). Es ist, als wolle Cotten, die auch einen Symposion-Besuch in Russland und Wien-Vignetten einbaut, ein intellektuelles wie auch tröstendes Gegengewicht schaffen zu der Unglaublichkeit dessen, was in und mit dem Land ihrer Herkunft geschieht. Alles, was Cotten schreibt, ist auf eigene Art Lyrik. Hier zeigt sie tiefe Zerrissenheit in Reiseessays, die Augenöffner sind.

Connie Haag